Zur drastischen Opernpoesie

3. Oktober 2013, 19:02
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Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" am Opernhaus Zürich

Was für ein Auftakt: Andreas Homoki beginnt seine zweite Spielzeit ausgerechnet mit den Soldaten von Bernd Alois Zimmermann! Also mit dem allseits bestaunten, aber selten gespielten Opernmonstrum. Und obendrein inszeniert von Calixto Bieito, also einem Mann, dem immer noch der Ruf als Skandalregisseur vorauseilt. Bei so viel Risikobereitschaft muss sich selbst ein mutiger Intendant auf seinem Posten sicher fühlen.

Und es ging gut: Dirigenten Marc Albrecht koordiniert eine aufgerüstete Riesentruppe, passend zum Stück stecken er und seine Musiker in Uniformen. Sie sind auf die Gerüstplateaus verteilt, mit denen Rebecca Ringst die gesamte Bühne zugebaut hat. Vorn in der ersten Reihe ist Vladimir Junyent der Adjutant, der seine Kommandos direkt an Sänger und Chor weitergibt, wenn die sich über dem abgedeckten Orchestergraben an der Rampe, im Rücken des Dirigenten, befinden.

Das Stück erzählt davon, wie das Militär in jungen Männern Abgründe offenlegt, wie sie aus Standesdünkel und als Meute eine Frau benutzen und zur Hure machen. Wie Stolzius, ein braver Mann, daran kaputtgeht, dass sein Traum vom Leben mit dieser Marie zerstört wird. Und wie er dazu getrieben wird, sich und den ersten ihrer "Freier" zu vergiften. Das Meisterwerk erzählt aber vor allem davon, wie diese Marie zum Leidenssymbol einer vergewaltigten Welt wird. Bieito greift dafür zu einem ganz großen Bild: Bei ihm wird Marie erst vergewaltigt und steht dann am Ende, fast nackt, innerlich zerstört und äußerlich mit Blut übergossen wie eine Gekreuzigte an der Rampe. Hier ist der Heiland weiblich.

Schreiend laute Apokalypse

Bieito sucht ganz im Sinne der apokalyptisch schreienden Musik nach den psychischen Verwerfungen, die in den Männern wie ein Charaktergift freigesetzt werden, wenn militärische Strukturen auf das Gewaltpotenzial im Menschen setzen. Bieito setzt damit bewusst nicht auf die Geschichte, die konkret erzählt wird, vielmehr setzt er auf ihr zeitlos anklagendes und warnendes Potenzial. Und: Die Melange aus Rampenspiel und dem Orchestergerüst inklusive der beweglichen Plattformen liefert den räumlich gestaffelten Raumklang, zugleich die abstrakten Spielflächen für die beklemmenden Aufmärsche uniformierter Chöre und die Simultanszenen, für das Philosophieren und Schwadronieren. Zu allem gibt es auch den von Bieito erwarteten Brutalo-Realismus, samt einer kleinen Dosis Videozuspielung.

So nah waren Musik und gesungenes Wort noch bei keiner Soldaten -Inszenierung am Zuschauer. Das überzeugende Ensemble wird von Susanne Elmark als vitale Marie angeführt. Michael Kraus ist ihr braver Bräutigam Stolzius. Noemi Nadelmann läuft als mondäne Gräfin de La Roche zur Hochform auf. Bei den Männern keine Schwachstelle. Verdiente Ovationen für alle nach einem großen Theaterabend! (Joachim Lange, DER STANDARD, 4.10.2013)

  • Susanne Elmark als Marie in den "Soldaten".
    foto: oper zürich / rittershaus

    Susanne Elmark als Marie in den "Soldaten".

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