Talentierter Darsteller unter den Malern

3. Oktober 2013, 18:51
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Je näher man an Oskar Kokoschka herantritt, umso mehr verwischt das Bild des Künstlers: Ein Poseur vor der Kamera war er lebenslang - sein Wandel vom Oberwildling zum Städteporträtisten bleibt jedoch rätselhaft

Wien - Ob man betagten alten Damen womöglich ihr Erbe abgequatscht hat, ist in Kunstkreisen gerade eine vieldiskutierte Frage. Aus dieser Perspektive verwundert die spitze Bemerkung bei der Pressekonferenz im Leopold-Museum weniger, Olda Kokoschka sei ja wahrscheinlich nicht von alleine nach Wien gekommen, um ihre Sammlung von rund 5000 Fotos des Malers herzuschenken.

"Stimmt", sagt Patrick Werkner, Leiter des Oskar-Kokoschka-Zentrums an der Universität für angewandte Kunst. Aber der Kontakt zur Künstlerwitwe - das macht über jede Bettelei erhaben - bestand bereits seit 1986, als man die 100. Wiederkehr von Kokoschkas Geburtstag feierte. Oswald Oberhuber, damaliger Rektor, hätte "auch sehr charmant sein können", sorgt Werkner für Lachen im Saal. Schon zu Lebzeiten war der Austausch rege; Werkner besuchte Olda bisweilen am Genfer See.

Die große Fotokollektion kam nach Oldas Tod 2004 zurück an jene Hochschule, an der Kokoschka bis zu seinem Rauswurf 1909 wegen des Skandals um die Aufführung von Mörder, Hoffnung aller Frauen auch studiert hatte. Ein riesiger Fundus Lichtbilder, verpackt in Schachteln von Sachertorten oder in Briefkuverts, manches in Alben, nach Jahreszahlen grob sortiert von einer "liberalen" Sammlerin, sagt Werkner und meint damit, dass die Ehefrau die Fotos von Alma Mahler und anderen Geliebten Kokoschkas nicht zensuriert habe.

Kokoschka. Das Ich im Brennpunkt heißt nun jene Schau, die diese Zeitzeugnisse den Werken des Künstlers gegenüberstellt: auf schwarzem Grund, so wie im Atelier des Künstlers, die Gemälde - auf verschiedenen Grautönen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Beides also strikt voneinander getrennt, sodass durchaus gewaltige Gemälde sieben Zentimeter kleine Schnappschüsse nicht unnötig einschüchtern können. Einen dieser winzigen Vintage-Prints (von anonym), der Kokoschka auf dem Balkon seines Hauses im Ottakringer Liebhartstal zeigen sollte, könnte man – je nach Perspektive – als misslungen oder aber als künstlerisch avantgardistisch bezeichnen: durch Spiegelungen im Glas erkennt man nur eine schemenhafte Figur, der obendrein eine Statuette aus dem fragmentierten Schädel zu ragen scheint.

Frankensteins Monster oder Schulbub

"Wer war Oskar Kokoschka?" Diese Frage ist nach Betrachtung der fotografischen Dokumente – vom kahlgeschorenen Oberwildling (Hoffotograf Wenzel Weis, 1909) bis zum staatstragenden Präsidentenporträtisten (Karl-Heinz Bast, 1966) – schwer zu beantworten. Selbst- und Fremdsicht klaffen weit auseinander: Schonungslos zerfleischt ihn der eigene Pinsel; durchaus eitel posiert der Maler vor der Linse anderer. Waren die Knipser ihm sympathisch, machte er sich für sie sogar regelrecht zum Kasperl: dämonisch von hinten beleuchtet wie Boris Karloff als Frankensteins Monster (George Platt Lynes, 1949), burlesk als 45-jähriger Pennäler in weißen Shorts (Madame d'Ora, 1930), brav als Ostereier-Maler oder revolutionär als Brandstifter mit Fackel (beide Sven Simon – eigentlich Axel Springer jr., 1967). Für Erich Lessing arrangierte der 73-jährige sogar ein kreatives Chaos aus Bühnenbildentwürfen in seiner Bibliothek in Villeneuve.

Auch in seinem Wirken zeigt die Ausstellung Kokoschka als Meister der Wandlung: Diese vollzieht sich jedoch vom glühenden Avantgardisten und späteren Antifaschisten zum gesetzten, wertkonservativen Maler von Landschaften und Städten. Ohne seine expressiven, künstlerischen Steilvorlagen im Frühwerk – in der Ausstellung vertreten durch seine Plakate und Titel für die Zeitschrift Der Sturm, das Bildnis von Herausgeber Herwarth Walden (1910) oder etwa sein Selbstporträt von 1918/19, das ihn von Zweifeln zerfressen darstellt – würde Kokoschkas späteres Schaffen vermutlich wenig(er) Beachtung finden.

Immer und überall Österreicher

Sehenswert machen die Ausstellung, aber neben den Fotografien auch Faksimiles von Magazinen oder Zeitungen. Erschreckend etwa jener Ausschnitt aus der Prager Illustrierten von 1937, der über den Verkauf der Ausstellung Entartete Kunst berichtet. Statt die Bilder zu vernichten, wünsche man, "aus diesem eliminierten Kunstbesitz Kapital zu schlagen". Die streng geheimen Verhandlungen würden sich schwierig gestalten, berichtete das Blatt, weil "Deutschlannd nicht geneigt ist, den materiellen Wert der 'entarteten Kunst' in gleicher Weise zu unterschätzen wie ihren ideellen." Die Schau versammelte auch Bilder Kokoschkas, denn er galt den Nationalsozialisten als "Entartetster unter den Entarteten".

Kokoschka aber, diffamiert als Hitlers „Kunstfeind Nr. 1“, konnte manches von dem, was ihm widerfahren war, im Rückblick scheinbar mit Humor nehmen: 1951 sagte er dem Spiegel: "Toller Erfolg! Die Ausstellung Entartete Kunst hatte zwei Millionen Besucher. Noch nie waren zwei Millionen vor meinen Bildern gestanden." – Dass Kokoschka durchaus nicht auf den Mund gefallen war, dokumentiert auch eine Begebenheit in den 1970er-Jahren (notiert in Bunte Illustrierte, Juni 1971). Anlässlich der großen Retrospektive 1971 in Wien lud Bundeskanzler Bruno Kreisky den Künstler in sein Haus und bot ihm die österreichische Staatsbürgerschaft an. "OK" soll geantwortet haben: "Was bedeutet schon ein Pass? Ich war doch immer und überall Österreicher!"

Was man allerdings mit Sicherheit über Kokoschka sagen kann, ist, dass er für nichts so sehr glühte wie für die Kunst. "Alles andere – Geschichte, Politik, Ökonomie – ist an mir vorbeigegangen wie nichts", sagte er. Eine Leidenschaft, der er nicht nur verbal Ausdruck verlieh (etwa wenn er über den abstrakt malenden Paul Klee schimpfte oder Max Oppenheim und Egon Schiele des Plagiats bezichtigte), sondern die er mit dem ganzen Körper auszudrücken vermochte. Wild und ausholend gestikulierend und mit bühnenreifem Mienenspiel akzentuierte er seine Ausführungen. So hielt es etwa Pressefotografin Barbara Pflaum bei Kokoschkas Ausstellung 1958 im Künstlerhaus fest. Regelrecht als Dirigenten und Performer zeigen Kokoschka jene spontan geschossenen Fotos von Franz Hubmann 1955 in der Secession.  Kokoschka, ein talentierter Darsteller unter den Malern. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 4.10.2013, Langfassung)

Bis 27. 1.

  • Oskar Kokoschka im Exil: Emil Korner porträtierte den Künstler vor dem Gemälde "Anschluss - Alice in Wonderland" (1942).
    foto: kokoschka-zentrum wien, vbk 2013

    Oskar Kokoschka im Exil: Emil Korner porträtierte den Künstler vor dem Gemälde "Anschluss - Alice in Wonderland" (1942).

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