Test Seat Toledo: Limousine wie Kombi

9. Oktober 2013, 16:20
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Unter der coupéhaften Außenhaut des Toledo steckt ein Kombi. Was man aber erst erkennt, wenn man die Heckklappe öffnet

Man staunt doch immer wieder, mit wie viel Auto ein Teil der Menschheit herumfährt. Da sitzt ein Maxi in einem sechs Meter langen Schlitten, und sein Gepäck nimmt auch nur einen Bruchteil des gebotenen Platzes ein. Hier wird eine Menge Blech bewegt, das dazu dient, dem Besitzer ei­nen sozialen Rang zuzuweisen, seine Bedeutung und seine Leistungskraft zu unterstreichen oder – im besten Fall – seiner Liebe zu Technik und schönen Dingen Ausdruck zu geben.

Die Autoindustrie freut's, denn im Luxussegment sind die fettesten Margen zu holen. Die große Mehrheit begnügt sich mit dem kleinen Format. Und fährt damit auch nicht schlecht. Findige Produzenten kitzeln aus relativ geringen Grundflächen ein Maximum an Lebensraum, statten ihn bisweilen üppig aus, legen eine hohe Verarbeitungsqualität an den Tag, dämmen besser als je zuvor und schrauben ein vernünftiges Fahrwerk unten dran.

Der Standard der Klein-, Kompakt- und Mittelklasse hat mittlerweile ein Niveau erreicht, das der Maxi vor ein paar Jahren noch mit zigtausend Euro bezahlt hat. Der Toledo kostet in der Basisversion nur knapp unter 13.700 Euro. Dafür bekommt man eine kleine Limousine. Auf den ersten Blick. Denn unter der coupéhaften Außenhaut steckt ein veritabler Kombi, den man erst erkennt, wenn man die Heckklappe öffnet. Dann gähnt einem ein 550-Liter-Kofferraum entgegen, der durch einfaches Umklappen der Rückbank auf 1490 Liter anwächst, wobei allerdings eine Stufe im Ladeboden bleibt.

Der lange Radstand verhindert, dass die Fondpassagiere ein kärgliches Dasein fristen müssen. Im Gegenteil: Kaum ein größeres Au­to bietet diese fürstliche Beinfreiheit wie hinten im Toledo. Vorne erblickt man ein Armaturenbrett, das reich an Volkswagen-Versatzstücken der strengen, sachlichen Linie des Mutterkonzerns folgt, wie auch die übrigen Bauteile aus demselben reichen Fundus entnommen wurden.

Eineiiger Zwilling

Der Toledo fühlt sich an wie ein Golf oder ein Octavia, aus deren Bestandteilen er besteht; also trocken, verwindungssteif und entsprechend qualitativ. Oder überhaupt wie ein Škoda Rapid, was nicht wundert, da der Toledo sein eineiiger Zwilling ist. Nur bei der Geburt im tschechischen Mladá Boleslav getrennt und von den Marken auf ihr jeweiliges Leitbild geschminkt und haustypischen Federungskomfort abgeschmeckt.

In Bewegung gesetzt wurde un­ser Toledo von einem 105-PS-TDI, einem braven, tapferen Gesellen, der weder zum Rasen animiert noch gegenüber dem allgemeinen Verkehrsfluss ins Hintertreffen gerät. In der ökologisch optimierten Ecomotive-Version gurgeln nur knapp unter 4,5 Liter Diesel durch die Brennräume, oh­ne dass große Anstrengungen auf sparsamstes Fahren gelegt wurden.

Natürlich eignet sich der Toledo nicht zum Angeben, dazu ist er trotz klaren, etwas kantigen Seat-Designs zu brav und unauffällig. Die Seitenansicht zeigt einen flotten Strich, doch erscheint er im Verhältnis zu seiner Länge ein bisschen schmal gepickt. Insgesamt deckt der Toledo die meisten Bedürfnisse der meisten Menschen auf angenehme und durchaus großzügige Weise ab. Mehr braucht man nicht. Und die finanzielle Belastung hält sich dabei in relativen Grenzen. (Andreas Hochstöger, DER STANDARD, 4.10.2013)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Der Toledo ist ein echtes Weniger-ist-mehr-Auto: günstig in Anschaffung und Unterhalt, praktisch – und geräumiger, als man denkt.
    foto: seat

    Der Toledo ist ein echtes Weniger-ist-mehr-Auto: günstig in Anschaffung und Unterhalt, praktisch – und geräumiger, als man denkt.

  • Der 105 PS starke TDI begnügte sich im Test sogar mit 4,5 Liter Diesel pro 100 Kilometer.
    foto: seat

    Der 105 PS starke TDI begnügte sich im Test sogar mit 4,5 Liter Diesel pro 100 Kilometer.

  • Fast 1500 Liter Gepäck passen ins Heck des Spaniers, wenn man die Rücksitze umlegt.
    foto: seat

    Fast 1500 Liter Gepäck passen ins Heck des Spaniers, wenn man die Rücksitze umlegt.

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