Anti-Roma-Stimmung: Aufregung um Kunst gegen den Hass

3. Oktober 2013, 18:33
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Man müsse provozieren, um gegen die Anti-Roma-Stimmung anzukommen, meint die Künstlerin Marika Schmiedt. In Ungarn nehmen das Rechte und Regierung bitter ernst und laufen gegen ihre Ausstellung Sturm

Sie müsse mit expliziten künstlerischen Mitteln Aufmerksamkeit für die schlimme Lage der Roma in Europa schaffen, sagt Marika Schmiedt. Denn Berichte über das, was tatsächlich geschehe, etwa die Listenregistrierung in Schweden, interessierten die Öffentlichkeit nur wenig.

Daher setzt die aus einer Romafamilie stammende Wiener Künstlerin mit ihren Plakaten auf Provokation. Da ist auf einem Sujet ein ungarnnationaler Demonstrant mit Hitlerbärtchen zu sehen, darunter Hitler selbst, neben dem Schriftzug "Copy-Paste" (siehe Illustration). Und auf dem Etikett einer Stange Salami prangt, neben dem Emblem der rechtsextremen Partei Jobbik, ein Bild des ungarischen Premierministers und Fidesz-Vorsitzenden Viktor Orbán, hier lautet der Schriftzug: "Roma-Salami, gekocht".

Zwar beschäftigen sich nur wenige Plakate von Schmiedts Schau "Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa" mit den Zuständen in Ungarn; meist geht es um Vorkommnisse woanders in der Union. Doch auch am Donnerstag stoppte die E-Mail-Protestwelle ungarischer Nationalisten im Linzer Rathaus nicht, wo kommenden Montag die zweite Ausstellung der Werke starten wird; die erste war nach Protesten Ungarnnationaler vergangenen November von der Polizei von einem Bauzaun entfernt und zerstört worden.

Protestmusterbrief im Netz

Eine Erklärung, woher ein Großteil der inzwischen mehreren Hundert ablehnenden Mails kommen mag, lieferte inzwischen der ungarische Blogger pusztaranger. Auf der Homepage des Salzburger ungarischen Vereins, der im heurigen Mai mit der Einladung des als rechtsextrem und romafeindlich bekannten Jobbik-Abgeordneten Tamás Sneider von sich reden ließ, fand er einen Aufruf samt deutschem Musterbrief. Adressat: der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch (SP).

Schmiedts Bilder seien "für die Ungarn tief beleidigend", heißt es in dem vorformulierten Text. Die Plakate seien "für die traditionelle österreichisch-ungarische Freundschaft sehr schädlich".

Um die "guten Beziehungen zwischen Ungarn und Linz" fürchtet man wegen der Schmiedt-Schau im südöstlichen Nachbarland aber nicht nur politisch rechts außen. Auch auf der Homepage der ungarischen Regierung wurde am Freitag die Kritik des ungarischen Botschafters in Österreich, Vinze Szalay-Bobrovniczky, bekräftigt. Der Diplomat hatte sich diesbezüglich unter anderem auf den Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma, Rudolf Sarközi, berufen.

Roma Pride für Respekt

"Ja, das stimmt. Ich kritisiere diese Ausstellung und habe das dem Botschafter auch so gesagt", bestätigt Sarközi im STANDARD-Gespräch. Provokation sei für Roma in der derzeitigen Situation der verkehrte Weg: "Ich bemühe mich tagtäglich um Wohnraum für Obdachlose und dass ich sie vom Betteln wegbekomme", erklärt der amtierende Vorsitzende des österreichischen Volksgruppenrats. Dazu müsse er mit Politikern reden, "und zwar nicht nur in Österreich".

Bei der Wiener NGO Romano Centro sieht man das anders. Es sei an der Zeit, dass die Betroffenen offensiv gegen die zunehmende Anti-Roma-Stimmung in Europa vorgingen, sagt dort Geschäftsführerin Andrea Härle.

Am Samstag und am Sonntag organisiert das Romano Centro zusammen mit anderen Romagruppen sowie der Menschenrechts-NGO SOS Mitmensch die diesjährige Roma Pride in Wien. Diese wirbt für Respekt für die diskriminierte Volksgruppe. Ein Schwerpunkt wird die Lage in Ungarn sein - "und wir werden Abbildungen von Schmiedts Plakaten zeigen", sagt Härle. (Irene Brickner, DER STANDARD, 4.10.2013)

  • Persiflage des Klischees vom "lustigen Zigeuner" von Marika Schmiedt. 
    grafik: marika schmiedt

    Persiflage des Klischees vom "lustigen Zigeuner" von Marika Schmiedt. 

  • Politischer Wiedergänger als Plakatmotiv mit Ungarnbezug.
    grafik: marika schmiedt

    Politischer Wiedergänger als Plakatmotiv mit Ungarnbezug.

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