Jetzt müssen Sie springen

3. Oktober 2013, 18:25
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Die Gruppe Rimini Protokoll führt ihr Publikum in "Remote Wien" auf einem Spaziergang durch Wien. Die Leitung übernimmt eine Computerstimme

Wien - Im Theater nimmt man seine Mit-Zuschauer in der Regel nur wahr, wenn sie unangenehm auffallen - tuschelnd, hustend oder mit Bonbonpapier raschelnd. Im vom Wiener Brut gezeigten Remote Wien der Performancetruppe Rimini Protokoll geht es ohne die anderen nicht. Die Performance findet draußen statt, inmitten der Gruppe bewegt man sich durch den Stadtraum. So etwas wie eine Darbietung gibt es nicht. Die Zuschauer selbst sind die Show.

Jeder trägt einen Kopfhörer, durch den eine Computerstimme namens Julia wie ein Navi (und mit ähnlich nervtötender Stimme) Anweisungen gibt: "Gehen Sie links." - "Bleiben Sie stehen."

Das Timing ist gut, manchmal fühlt man sich wie im Film: Wenn sich das Tor hinaus auf die Straße öffnet, legt die Musikuntermalung nahe, man hätte eben als Held eines Abenteuerfilms die Schatzkammer gefunden. Es ist aber nur die Porzellangasse, in der sich die Gruppe (Julia bezeichnet sie gerne als Horde) zur Musik aus den Kopfhörern wippend fortbewegt. Aber aufpassen auf die Autos, mahnt die Computerfrau.

Zu bedenken gibt es auch sonst einiges auf diesem geführten Spaziergang, der unter anderem in ein Altersheim, auf einen Friedhof und in ein Einrichtungsgeschäft führt: Wie autoritätshörig sind wir, zum Beispiel? Jeder versteht sich selbst als freien Menschen und weiß als solcher, dass auf einer Brücke synchron herumzuspringen keine so gute Idee ist - wenn die Frau im Kopfhörer aber gar so nett bittet, folgen ihr alle, ohne zu zögern.

Geliehene Körper

Auch sonst wird einem (manchmal etwas arg didaktisch) nahegebracht, wie die Maschine Mensch - denn als solche scheint Julia ihre neuen Freunde zu sehen - funktioniert: Wie man sich auf Kommando in die Augen sieht und fast so etwas wie Vertrautheit zu spüren glaubt - bis sich Gruppen bilden und Julia die "Anderen" als Sektierer beschimpft. Der Mensch als Geschenk wie als Bedrohung für seine Mitmenschen, das ist das eine Thema. Das andere ist: Wie halten wir es mit der Technik? Wir lassen uns anstandslos von einer körperlosen Stimme durch Wien führen, wir leihen ihr, wie es einmal heißt, vielmehr unseren eigenen Körper. Könnten wir ihr nicht auch unsere Erfahrungen und Erinnerungen geben und so quasi unsterblich werden?

Fragen gibt es an diesem Abend viele, es ist ein Versuch über das System Mensch. Verbindliche Antworten gibt es nicht, so etwas wie eine große Einsicht sucht man vergebens. Dafür zeigt der Abend in seiner Erlebnishaftigkeit etwas, das man oft genug vergisst: dass ein Mensch, im Gegensatz zu einer Maschine, erleben und fühlen kann. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 4.10.2013)

Bis 9. 10.

  • Was macht man nicht alles für die nervtötende Computerfrau - sogar einen öffentlichen Balletttanz.
    foto: karrenbauer

    Was macht man nicht alles für die nervtötende Computerfrau - sogar einen öffentlichen Balletttanz.

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