Neues Stadtviertel: Bregenz will Einkaufszentrum werden

2. Oktober 2013, 18:42
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Eigentlich sollte die Seestadt, das neue Bregenzer Stadtviertel, schon fertig sein. Nach langem Schweigen der Verantwortlichen wurden Bürgerinnen und Bürger über die Neuentwicklung der Stadtentwicklung informiert: Gebaut wird ein Einkaufszentrum

Bregenz - Der Bregenzer Bahnhof wird abgerissen, der Großparkplatz zwischen Bahnhof und Stadtzentrum überbaut und ebenso der Busbahnhof zwischen Bahnhof und Vorstadt. Das wissen die Bregenzerinnen und Bregenzer spätestens, seit sie von 2007 bis 2009 am Masterplan mitwirken durften.

Bei der Präsentation der Ergebnisse des Architektenwettbewerbs 2011 bekam das neue Stadtviertel Gestalt. Das Siegerteam Aicher Architekten, Zechner & Zechner, Ludescher und Lutz überzeugte durch seine "kleinteilige städtebauliche Struktur". Den Bürgern wurde ein attraktiver Fußgängerübergang zum See versprochen, den Grünen ein Öffi-Knoten.

Nichts geschehen

Die Transformation vom Parkplatz in Bestlage zum urbanen Stadtteil sollte 2011 beginnen und spätestens 2014 beendet sein. Geschehen ist bis dato aus Bürgersicht nichts. Am Dienstagabend erfuhren die Bürgerinnen und Bürger, dass die Seestadt nun doch anders ausschauen wird.

Bürgermeister Markus Linhart (ÖVP) räumte ein, dass seit 2011 "im dunklen Kämmerlein" verhandelt und geplant wurde, aber: "Jetzt wird wieder breitest informiert." Einen Abend lang hörten sich über 400 Menschen geduldig die Ideen von Architekten und Investoren an. Und erfuhren, dass die Seestadt das "interessanteste Einkaufszentrum Europas" werden und den Kaufkraftabfluss aus der Landeshauptstadt (80 Millionen Euro) um die Hälfte reduzieren wird.

Kreativ- und Bildungsviertel

Vom ursprünglichen Plan, rund um den Bregenzer Bahnhof ein Kreativ- und Bildungsviertel entstehen zu lassen, ist nur eines geblieben: die Bezeichnung "Wohncampus" für die geplanten Wohn- und Geschäftshäuser im angrenzenden und ebenfalls neuen "Seequartier".

Den Wandel vom Bildungs- und Forschungspark zum Einkaufszentrum forcierte Ölz' neuer Partner, die SES Spar European Shopping Centers GmbH. Sie soll die 14.000 Quadratmeter Handels- und Gastronomieflächen füllen. Welche internationale Ketten ins Seequartier einziehen werden, wurde nicht kommuniziert.

Riegel zum See

Die neue Architektur - aus dem Siegerteam waren Lutz und Ludescher abgesprungen - stieß auf Kritik aus dem Publikum. Sie sei nicht mehr mit dem Siegerprojekt identisch, eine Allerweltsarchitektur bestimmt durch ökonomische Interessen. "Ein Riegel hin zum See, eine Stadtmauer" würde errichtet, befürchtet Peter Girardi von der Bürgergenossenschaft "Mehr am See". Die Initiative fordert eine Verlegung der Bahn unter die Erde und damit auch ein Überdenken des Seestadtprojekts fordert.

Was die Bahn betrifft, zeigte Linhart Verständnis für die Initiative: "Die Bahn will man vom Seeufer loswerden, seit es sie gibt." Aber weil das Illusion sei, gäbe es jetzt einen neuen Bahnhof mit vorgelagertem Busterminal. Und damit sei das Bregenzer Einkaufszentrum das einzige weit und breit, das mit Öffis erreicht werden könne: "Damit treten wir den Einkaufszentren auf der grünen Wiese kräftig auf die Füße."

Baubeginn für Seestadt: 2014

Trotz Anbindung an Bahn und Bus werden 1000 neue Stellplätze im Tiefgaragenverbund der beiden Projekte geschaffen. Die Schwierigkeiten bei der Planung im sensiblen Uferbereich und Uneinigkeit über die Finanzierung waren wesentliche Gründe für die Verzögerung.

Im Herbst 2014 soll Baubeginn für das 100-Millionen-Euro-Projekt Seestadt sein. 2016 wird mit dem Seequartier begonnen. Investoren sind mit Rhomberg, Schertler und Zima die Größen der Bauszene. Kosten: 75 Millionen Euro.

Die Bürgerangst vor einem Verkehrskollaps durch die Großbaustellen an der Hauptverkehrsroute wurde von Verkehrsplanern relativiert: "Probleme wird es geben, aber wir werden das bewältigen." (Jutta Berger, DER STANDARD, 3.10.2013)

  • Rund um den Bregenzer Bahnhof soll ein neues Konsum- und Wohnviertel entstehen. Viele Bürger sind skeptisch.
    foto: anna-lina chutter

    Rund um den Bregenzer Bahnhof soll ein neues Konsum- und Wohnviertel entstehen. Viele Bürger sind skeptisch.

  • Heute noch Parkplatz in Bregenzer Bestlage am See.
    foto: dietmar stiplovsek

    Heute noch Parkplatz in Bregenzer Bestlage am See.

  • Ab 2016 kommen die Autos unter die Erde und Shops darüber.
    foto: prisma

    Ab 2016 kommen die Autos unter die Erde und Shops darüber.

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