Der alte Apfel ohne Namen

3. Oktober 2013, 05:30
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Manche alte Obstsorten sind schon derart selten, dass man nicht einmal mehr weiß, wie sie heißen. Im Schaugarten der Arche Noah werden am Wochenende solche namenlosen Äpfel getauft. Und es wird vor einer akuten Bedrohung gewarnt: der Saatgutverordnung

Schiltern/Brüssel - Die Zibarte kennen nicht viele - aber sie hat viele Namen: Zibärtle, Zibertle, Zibertl, Ziberl oder auch Zibelle wurde die Wildpflaume genannt. Ein Obstbaum, der auch schon sehr lange einen Namen hat - wurde er doch bereits von Hildegard von Bingen erwähnt.

Andere Obstsorten hingegen haben es nicht so gut: Die heißen nichts. Aber nicht im Sinne von nichts schmecken. Es sind schlicht namenlose Gewächse. Im niederösterreichischen Jaidhof beispielsweise wachsen Apfelbäume, die sind derart selten, dass sie niemand (mehr) zu benennen weiß. Und umwillen der Rettung dieser fast schon ausgestorbenen Obstsorte wird sie am kommenden Wochenende im Rahmen der Obstfesttage im Arche-Noah-Schaugarten in Schiltern getauft.

Gefahr: Saatgutverordnung

Genau diese alten und raren Sorten sind es übrigens, die nun auch von anderer Seite bedroht werden: von der auf EU-Ebene geplanten Saatgutverordnung, die Anfang dieser Woche erstmals politisch erörtert wurde.

Der Vorschlag für neue Auflagen für die Vermarktung und Weitergabe von Saatgut war im Mai dieses Jahres von der EU-Kommission präsentiert - und sogleich heftig kritisiert worden. Denn die Verordnung könnte zur Folge haben, dass nicht nur neue Züchtungen, sondern auch alte Sorten ein Zulassungsprozedere durchlaufen müssten - andernfalls würden Vermarktung und Weitergabe des Saatguts untersagt. Und derartige Verfahren wären für alte, seltene Sorten nicht nur zu aufwändig, sondern schlicht unfinanzierbar.

Pflanzen diskriminiert

Auch wenn der Entwurf bereits abgeschwächt wurde, warnt Heidemarie Porstner, Agrarsprecherin von Global 2000: "Die neuen Regelungen sind ganz klar auf die Bedürfnisse der Agrarindustrie zugeschnitten. Alte und seltene Sorten sind durch den derzeitigen Vorschlag massiv in Gefahr." Iga Niznik, Referentin für Saatgutpolitik beim Verein Arche Noah, ergänzt: "Die Saatgutverordnung diskriminiert alle Kulturpflanzen, die nicht auf Industriebedürfnisse getrimmt sind. Die Vielfalt wird in eine winzige Nische gepresst und soll die klare Ausnahme bleiben."

Noch wird verhandelt - geplant ist, dass über die neue Saatgutverordnung im April 2014 im EU-Parlament abgestimmt wird.

Die Obstfesttage der Arche Noah stehen ganz im Zeichen dieser bedrohten Sorten: 5. bis 6. Oktober, 10 bis 18 Uhr. (frei, DER STANDARD, 3.10.2013)

  • Unzählige Apfelsorten wachsen in den Gärten Österreichs. Darunter werden gelegentlich auch echte Raritäten gefunden. Der Verein Arche Noah schützt deren Saatgut.
    foto: standard/newald

    Unzählige Apfelsorten wachsen in den Gärten Österreichs. Darunter werden gelegentlich auch echte Raritäten gefunden. Der Verein Arche Noah schützt deren Saatgut.

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