Kinderwunsch in der Warteschleife

Reportage2. Oktober 2013, 17:52
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Um ihr Baby zu bekommen, musste sich Martina S. einer Kinderwunschbehandlung unterziehen. Hormoncocktails, Gefühlsachterbahnen und nervenaufreibendes Warten wurden zu ihrem Alltag

Das Warten hat sie am meisten zermürbt. Jedes Mal aufs Neue, nach jedem Versuch hoffen, dass es dieses Mal mit dem Wunschkind etwas wird. Bis endlich zwei Wochen vorbei waren und sie wieder einen Schwangerschaftstest machen konnte. "Nach dem ersten Versuch, der nicht funktioniert hat, war ich noch voller Hoffnung. Ich dachte mir, beim ersten Mal muss es ja nicht klappen. Aber danach war es einfach nur frustrierend." Martina S. ist eine attraktive Frau mit langen dunklen Haaren und grünen Augen.

Man würde sie auf Anfang 30 schätzen. Sie ist bald 39 - und hat sich "das mit dem Kinderkriegen" anders vorgestellt. "Ich dachte mir immer, wenn ich Kinder will, dann bekomme ich einfach welche. Wie jede Frau." Martina, sie arbeitet als Lehrerin, lächelt verlegen und streicht den Bezug des Sofas glatt. Ihr Wohnzimmer sieht so aufgeräumt und frisch aus, als sollte es gleich für einen Möbelkatalog fotografiert werden. Ihr ganzes Leben war ordentlich und klar. Bis das mit der Schwangerschaft nicht funktionierte.

Ihr Mann und sie waren schon einige Jahre lang ein Paar, sie haben sich ein geräumiges Reihenhaus gekauft am Stadtrand von Wien mit zwei Kinderzimmern. Doch die Zimmer blieben leer, das Haus kam ihnen mit jedem Monat, den sie kinderlos blieben, größer vor. Ihre Freundinnen rundherum bekamen Töchter und Söhne, herzige und gesunde Babys, die die Nächte durchbrüllten, aber bei den Eltern trotzdem größte Verzückung auslösten. "Wir quälten uns ein Jahr mit Sex nach Terminkalender ab. Jeder negative Schwangerschaftstest machte mich depressiver. Der Wunsch nach einem Kind steigerte sich ins Unerträgliche." Der Frauenarzt überwies das Paar an die Kinderwunschklinik. Schließlich sei Martina S. auch nicht mehr die Jüngste. Da müsse man schnell handeln.

Viele warten zu lange

Dem stimmt Heinz Strohmer zu. Der 49-jährige Gynäkologe leitet das Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz in Wien-Alsergrund - eines der größten derartigen Zentren Österreichs. "Die Fruchtbarkeit der Frau sinkt schon ab dem 33. Lebensjahr. Und auch bei den Männern merken wir, dass die Samenbefunde mit dem Alter immer schlechter ausfallen. Viele Paare warten viel zu lange, bis sie Hilfe suchen", sagt Strohmer.

Landesweit gibt es mittlerweile 27 Kliniken, in denen Babys in Petrischalen entstehen. Der Eingangsbereich des Kinderwunschzentrums in Alsergrund ist hell und freundlich, zwei große Kinderaugen strahlen von einem Plakat an der Wand, wenn man aus dem Lift im fünften Stock steigt. Beim Empfang herrscht Hotellounge-Atmosphäre. Hinter verschlossenen Türen stehen Mikroskope, Computer und Reagenzröhrchen auf weißen Arbeitstischen bereit, um Samenzelle und Eizelle verschmelzen zu lassen.

In Wärmeschränken reifen die befruchteten Eizellen heran. Seit im Jahr 1982 das erste Retortenbaby Österreichs geboren wurde, hat sich viel getan. "Die Paare, die zu uns kommen, sind sehr gut informiert, haben meist einen sehr hohen Bildungsstand und sind beruflich engagiert", sagt Strohmer. Und die Frauen sind deutlich älter als die Durchschnittsmütter in Österreich, nämlich zwischen 36 und 38 Jahre. Ein nicht geringer Prozentsatz ist über 40. Im Jahr 2012 war die durchschnittliche Mutter bei der Geburt ihres ersten Kindes in Österreich 30,2 Jahre alt.

Hormoncocktail trifft auf Gefühlschaos

Martina S. schöpft neue Hoffnung, als die Maschinerie in der Klinik ins Rollen kommt. Rasch ist auch der Grund für den unerfüllten Kinderwunsch gefunden: Martina würde Antikörper gegen die Spermien ihres Mannes produzieren. Da funktioniert natürlich gar nichts. "Wir wollten es aber trotz der Hilfe von außen so natürlich wie möglich haben, also riet man uns zu einer Insemination", erzählt sie und zählt an ihren Fingern ab: Vier Mal innerhalb von sechs Monaten wurden die Samen ihres Mannes mithilfe eines dünnen Kunststoffschlauchs in ihre Gebärmutterhöhle eingespritzt.

Kein Versuch endete positiv. Schließlich entscheidet sie sich gemeinsam mit ihrem Mann für eine ICSI. Bei dieser Behandlung werden Eizelle und Samenzelle in einer Petrischale miteinander verschmolzen und erst dann in die Gebärmutter eingebracht. Der Nachteil dieser Methode: Martina muss viele Hormone zu sich nehmen, um genügend Eizellen zu produzieren. Sieben bis acht verschiedene Tabletten und Spritzen täglich. Sie fühlt sich schlapp und launisch, "als wäre ich nicht mehr ich selbst".

Dann ist der Test positiv

Dann endlich: Der Schwangerschaftstest ist positiv. Doch eine Woche später eine Fehlgeburt. Martina ist frustriert, will aber weitermachen. Sie will dieses Kind unbedingt, ihr Mann nickt den Wunsch mittlerweile ab. Also noch ein Versuch. Sie muss Cortison nehmen, da ihr Immunsystem das Ungeborene abstößt. "Ich schaute entsetzlich aus, war total aufgedunsen. So ging ich jeden Tag in die Schule", erzählt sie und schüttelt den Kopf so, als wäre es nicht sie selbst gewesen, die das alles durchgemacht hat. Zwei weitere Versuche enden negativ. Als ihr Mann anklingen lässt, ob sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen sollten, kinderlos zu bleiben, reagiert sie verbissen. "Das kam für mich nicht infrage", sagt Martina. Sie ist eine geradlinige Frau. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat, zieht sie es durch.

Irgendwann gehören die Versuche, schwanger zu werden, zu ihrem Leben dazu. Also quält sie sich durch eine weitere Behandlung. Endlich, ein positiver Test. Sie jubeln, die ersten heiklen Wochen gehen vorüber. "Ich war dankbar für die Schwangerschaftsübelkeit, das Gefühl, es wächst ein Kind in mir, es war wundervoll." Doch dann, in der 13. Schwangerschaftswoche, die Hiobsbotschaft: Das Baby hat einen Wasserkopf, die Biopsie ergibt Trisomie 18. Das Kind ist nicht lebensfähig, die Geburt wird sofort eingeleitet. Im Juli 2011 kommt ihr Sohn auf die Welt - und verlässt sie gleich wieder.

Jeder Versuch kostet 900 Euro

"Bei Kindern, die durch künstliche Befruchtung entstehen, liegt die Fehlbildungsrate zwischen vier und sechs Prozent", sagt Gynäkologe Strohmer. Doch weitaus problematischer ist das Alter der Mutter: Je älter die Frau bei einer Schwangerschaft ist, desto eher kommen genetische Mutationen beim Kind vor. Das gilt bei natürlich genauso wie künstlich erzeugten Schwangerschaften. Auch Martina kommt ins Schwitzen. Sie ist jetzt 38. Bis 40 werden vom IVF-Fonds die Kosten von vier Behandlungen zu 70 Prozent übernommen. Die Selbstkosten belaufen sich auf knapp 900 Euro pro Versuch.

"Ich konnte keine Schwangere anschauen, mir kam das Kotzen", sagt Martina über die Zeit nach der Frühgeburt. Ihr Mann verlangt eine Pause. Einen Versuch noch, bittet Martina. Drei Monate später sitzt sie wieder auf dem Behandlungsstuhl - und wird schwanger mit Zwillingen. Die Freude über den wachsenden Babybauch ist zwar groß, aber verhalten. Sie trauen ihrem Glück nicht. "Diese Unbeschwertheit, die ich bei anderen Schwangeren gesehen habe, fehlte mir total", sagt Martina.

Jeder Kontrolltermin beim Gynäkologen ist für sie eine Tortur. Und die endet erst, als ihre beiden Töchter im Juli 2012 geboren werden. Gesund. Martina lacht zum ersten Mal und lehnt sich seufzend im Sofa zurück. In diesem Moment quietschen Anna und Sophie aus dem Babyfon. Der Mittagsschlaf ist vorbei. Martina springt auf, spurtet voller Elan ins Obergeschoß. In die beiden Kinderzimmer, die voller Leben sind - und endlich nicht mehr leer. (Karin Jirku, derStandard.at, 2.10.2013)

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