Das Gefühl, drei Hände zu haben

2. Oktober 2013, 12:55
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Psychologen gehen davon aus, dass künstliche Gliedmaßen vom Gehirn quasi "adoptiert" werden können

Gießen - Die sogenannte Rubber-Hand-Illusion wurde vor etwa 15 Jahren im Rahmen von Versuchsanordnungen entdeckt, bei denen ein Proband an einem Tisch Platz nimmt und beide Arme auf den Tisch legt, während gleichzeitig der linke Arm durch ein Tuch optisch vor dem Blick der Versuchsperson verborgen bleibt. Statt auf den linken Arm blickt der Proband also auf eine linke Hand aus Gummi. Diese liegt demnach genau dort, wo die echte linke Hand liegen würde, wenn beide Arme genau parallel angeordnet wären.

Streichelt dann der Versuchsleiter die echte linke Hand sowie die Gummihand jeweils gleichzeitig mit einem Pinsel, haben die meisten Versuchspersonen schon nach kurzer Zeit den unerwarteten Eindruck, die für sie sichtbare Gummihand wäre ihre eigene Hand und sie würden die Berührungen wirklich in der Gummihand spüren. Diese gefühlte Körperschema-Illusion ist bei vielen Menschen ziemlich stark ausgeprägt, obwohl sie natürlich von ihrem Verstand her wissen, dass die Gummihand kein Teil ihres Körpers ist. Die Dominanz des Sehsinns bewirkt aber, dass ein Transfer des taktilen Gefühls in der echten linken Hand auf die sichtbare Gummihand erfolgt.

Stan Laurel als Forschungs-Input

Die Gießener Psychologen Kai Hamburger und Hartmut Neuf von der Abteilung Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) gingen in ihren Versuchen zur gefühlte Körperschema-Illusion noch ein Stück weiter. Zu ihren Forschungen hat sie eine Szene aus dem Film "A Chump at Oxford" mit Stan Laurel angeregt, in dem der Komiker - gemütlich auf einer Parkbank sitzend - mit beiden Händen eine Pfeife raucht und sich dabei von einer dritten Hand - ohne dass er dies merkt - helfen lässt.

Die Gießener Wissenschaftler stellten sich nun die Frage, ob es nicht möglich sein könnte, dass Menschen tatsächlich mehr als zwei Hände als ihre eigenen Hände empfinden könnten. In ihrem Versuch, den sie aktuell im Fachjournal "Perception" beschreiben, legte eine Versuchsperson eine "ungetarnte" linke Gummihand auf ihre echte rechte Hand (siehe Foto) und begann, mit dem Daumen und ihrem Mittelfinger der echten linken Hand gleichzeitig über den Mittelfinger der Gummihand sowie den Mittelfinger der rechten Hand zu streicheln.

Dabei konnte beobachtet werden, dass unser Gehirn noch plastischer zu sein scheint als das bislang die Rubber-Hand-Illusion vermuten ließ: "Immerhin berichteten die Versuchspersonen von sehr fremdartigen Gefühlen, die sogar soweit reichten, dass sie wirklich den Eindruck hatten, ansatzweise oder sogar vollkommen drei Hände zu spüren", erläutern die beiden Wissenschaftler. Diese Ergebnis ist umso erstaunlicher, da hier die stimulierende und die stimulierte Person identisch sind und - im Unterschied zur Rubber-Hand-Illusion - die linke Hand nicht verdeckt wird. Die beiden Psycholgen ziehen daraus den Schluss, dass künstliche Gliedmaßen vom Gehirn quasi "adoptiert" werden können. (red, derStandard.at, 2.10.2013)

  • In der Versuchsanordnung der Psychologen Kai Hamburger und Hartmut Neuf musste eine Versuchsperson eine "ungetarnte" linke Gummihand auf ihre echte rechte Hand legen und mit Daumen und Mittelfinger der echten linken Hand gleichzeitig über den Mittelfinger der Gummihand sowie den Mittelfinger der rechten Hand streicheln.
    foto: kai hamburger

    In der Versuchsanordnung der Psychologen Kai Hamburger und Hartmut Neuf musste eine Versuchsperson eine "ungetarnte" linke Gummihand auf ihre echte rechte Hand legen und mit Daumen und Mittelfinger der echten linken Hand gleichzeitig über den Mittelfinger der Gummihand sowie den Mittelfinger der rechten Hand streicheln.

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