Strick dich! Immer mehr Männer stricken & häkeln

3. Oktober 2013, 18:33
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Stricken und Häkeln sind weibliche Angelegenheiten. Von wegen! In der Kunstszene haben neuerdings immer mehr Männer Lust auf die Masche

Im Hype rund um die Do-it-yourself-(DIY-)Bewegung taucht regelmäßig die Frage nach strickenden Männern auf, als könnte sich darin ein ungelüftetes Geheimnis verbergen.

Bereits 2005 zeigte der US-amerikanische Künstler Dave Cole vor, wie Männer es auch tun: In seiner Performance The Knitting Machine rückt zunächst ein Tieflader an. Er transportiert die beiden Bagger, die der Künstler nebst Gabelstapler für seine Strickaktion braucht. In der Montur eines Bauarbeiters lässt Cole sich von einer Hebebühne bis zu den Spitzen der jeweils über sechs Meter langen Monsterstricknadeln nach oben hieven. Schlinge für Schlinge legt er die breite Stoffbahn um die Nadeln, bis seine Maschen als monströse US-amerikanische Flagge das patriarchale Glaubensmuster US-amerikanischer Weltherrschaftsallüren ironisieren.

Echte Männer...Stricken!

Der feministische Aufruf, sich ganz Do-it-youself-mäßig im Häkeln und Stricken auszuprobieren, hat inzwischen die queere Szene erfasst. Während Handarbeiten lange als verzopfte Hausfrauentätigkeit galt, waren strickende Männer in und rund um die Alternativszene der 68er-Bewegung eine Randerscheinung und wurden von "wahren Männern" belächelt.

Im Geflecht des wollenen Stadtaktionismus eroberten Yarnbombing und Urban Knitting schon vor einiger Zeit die urbane Öffentlichkeit und behübschen gegenwärtig sogar manchen Schulhof. Geschlechtsspezifische Vorbehalte, ob nur Frauen es tun oder ob Männer es auch dürfen, lösen noch immer Irritation aus: Selbst wenn DIY-Initiativen die Bikerei oder das Strick- und Nähstübchen für jede und jeden anbieten, sind sie noch immer eine subkulturelle Randerscheinung.

Celebritys und Stars wie Sarah Jessica Parker oder Julia Roberts wirkten zwar kräftig daran mit, dass Stricken von Hollywood aus wieder chic wurde. Unter Debbie Stollers 3rd Wave Extremhäklerinnen gerät das Handarbeiten mit zartrosa Garnen erneut zur Manie. Männer bleiben vom Aufguss zur neuen Häuslichkeit verschont. Dass sie es vereinzelt dennoch tun, reicht zum Mainstream nicht aus.

Therapie mit Nadel und Faden

Dabei war Stricken in seinen Anfängen ein überaus gewinnbringendes männliches Terrain und organisierte sich zunftmäßig in den europäischen Städten des 16. Jahrhunderts. Wie in jedem Gewerbe gab es Lehrlinge, Gesellen und Meister, deren Ausbildung und Qualifizierung per Dekret festgelegt wurden. Mit der zunehmenden Verbreitung des Wirkstuhls und der damit einhergehenden sechsfachen Produktionssteigerung der begehrten und teuren gewirkten Socken, Mützen und Handschuhe büßte Handstricken seine finanzielle Einträglichkeit ein und verkam zu einer Tätigkeit des "Working Poor".

Frauen strickten fortan aus Liebe, dem Surrogat für unbezahlte weibliche Arbeit, um die Familie und letztlich noch sich selbst zu versorgen. Mann hingegen strickte für einen kärglichen Lohn oder für das Militär. Der 7. Earl of Cardigan, James Thomas Brudenell, war weniger durch seine Taten im Krimkrieg als vielmehr durch seinen gestrickten Uniformrock unsterblich geworden. In Kriegszeiten und zur Rekonvaleszenz griffen Soldaten aus therapeutischen Zwecken zu Nadel und Faden.

Queere Maschen

Die Geschichtlichkeit von Häkeln und Stricken liefert ideale Voraussetzungen für widerständische und kritische Statements. Um hetero-, aber auch homosexuelle Stereotypisierungen, wie Mann, Frau, Schwule oder Lesben sich zu kleiden haben, aufzubrechen, sind Stricken und Häkeln kunst- und modetauglich geworden.

Nicht nur Dave Cole spitzt die Frage, was Mann oder Frau jeweils eigen sein soll, mit bestrickender Ironie zu. Karol Radziszewski karikiert seit 2007 mit dem Projekt FAG Fighters das Klischee machohafter Heterosexualität und aggressiver Homosexualität genauso wie die Vorstellung soft-schriller Homophilie. Die rosa gestrickten Sturmhauben, die er seiner schwulen "Gangstergang" überstülpt, stammen allesamt aus der Hand seiner strenggläubigen Warschauer Großmutter. Sie gehört mit zum Konzept der Vernetzung von Kunst und Realität.

Glatt oder verkehrt?

Queere Maschen verschlingen sich gerne im Mix von Gegensätzen und Übertreibungen und durchkreuzen die Erwartung, wie Heteros oder Homos sich zu stylen haben. Übersetzt in monumentale Häkelstäbchen aus roter Wolle verkommt Madonnas Korsett zur Karikatur.

Genauso weichen feste weiß-rosa Maschen muskulöse Männerkörper auf. Luciano Calderons wollener Superman gerät zum satirischen Cross-Culture-Statement und die non-native New Yorkerin Agata Olek zur eigentlichen Extremhäklerin. Im Mix interessiert die Frage, welches von zwei Geschlechtern sich hinter den strickenden AkteurInnen verbergen könnte, längst nicht mehr. Aufsehen erregt vielmehr der Code der textilen Handarbeit selbst. Er organisiert die Kritik an sozialen Dynamiken und hebelt Stereotypisierungen aus. (Lisbeth Freiss, Rondo, DER STANDARD, 3.10.2013)

Die Autorin lehrt an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Im Löcker-Verlag erscheint dieser Tage der Band: Die Strickjacke. Mode-, Mediengeschichte & Semilogie im deutschsprachigen Spielfilm der 1930er- bis 1950er-Jahre.

 

  • Auch Männer häkeln - und tragen das Ergebnis mit Stolz. Zum Beispiel die Mitglieder der Künstler- truppe H.A.P.P.Y. 
 
    foto: markus rössle

    Auch Männer häkeln - und tragen das Ergebnis mit Stolz. Zum Beispiel die Mitglieder der Künstler- truppe H.A.P.P.Y.

     

  • Jugendhaare
Der Titel ist schon einmal sehr gut: "Hapsi Apsi Pipsi Popsi Yipsi - Jugendhaare einer Kaiserin" heißt das Lesebilderbuch, das die Künstlertruppe H.A.P.P.Y dieser Tage rausgebracht hat. Seit 20 Jahren gibt es das Kollektiv, und seit 20 Jahren wehrt es sich gegen jegliche Schubladisierungen. Gut so!
Info: Noch bis Samstag 5. 10. ist in der Margaretenstraße 50 in 1040 Wien eine Ausstellung zum Buch zu sehen.www.h-a-p-p-y.net
    foto: www.h-a-p-p-y.net

    Jugendhaare

    Der Titel ist schon einmal sehr gut: "Hapsi Apsi Pipsi Popsi Yipsi - Jugendhaare einer Kaiserin" heißt das Lesebilderbuch, das die Künstlertruppe H.A.P.P.Y dieser Tage rausgebracht hat. Seit 20 Jahren gibt es das Kollektiv, und seit 20 Jahren wehrt es sich gegen jegliche Schubladisierungen. Gut so!

    Info: Noch bis Samstag 5. 10. ist in der Margaretenstraße 50 in 1040 Wien eine Ausstellung zum Buch zu sehen.
    www.h-a-p-p-y.net
  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: irina gavrich
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