Jeans bügeln

3. Oktober 2013, 17:23
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Über die frühkindliche Prägung und den eigentlichen Sinn des Baumwollbeinkleids

Pro
Von Mia Eidlhuber

Vieles im Leben, heißt es, sei auf frühkindliche Prägungen zurückzuführen. Bügeln ist bei mir eine spätkindliche, die bis heute funktioniert. Nicht nur dass mich meine Mutter ab dem zarten Alter von zehn, elf Jahren fürs Bügeln bezahlte - ich verdiente fette fünfzig Schilling pro Stunde, wem das nichts mehr sagt, das sind umgerechnet drei Euro fünfzig, die nach nicht mehr viel klingen -, ich durfte obendrein neben meiner frühhausfraulichen Tätigkeit auch noch fernsehen, und das in unserem sonst TV-feindlichen Haushalt.

Bügeln war eine astreine Win-win-Situation. So durchbügelte ich meine Pubertät, sämtliche TV-Serien und zahllose Wäschekörbe. Der Schilling rollte, die kleine Kiste flimmerte, ich konnte endlich in der Schule mitreden. Damit das so blieb, bügelte ich nicht nur Blusen, Hemden und Hosen, sondern auch Jeans, ja sogar Unterhosen! Hallo Prägung, das mache ich bis heute. Gebügelte Jeans machen mir ein gutes Gefühl: Ich fühle mich reich und darf unerlaubte Dinge tun, ganz ohne schlechtes Gewissen.


Kontra
Von Michael Möseneder

So es ein höheres Wesen gibt, ist eines ganz sicher nicht in Seinem oder Ihrem Plan inkludiert: dass Menschen Jeans bügeln. Denn das Baumwollbeinkleid hat schlicht und einfach sein Erbe auszudrücken: das raue, wilde und karge Leben der kalifornischen Goldgräber. Und die haben ganz sicher kein Geld in ein Bügeleisen investiert.

Es stellt sich ja generell die Frage, warum man außer Hemden und Anzügen Textilien überhaupt der Qual der Hitze und des Drucks aussetzen soll. Höchstens, weil man beim Fernsehen nicht auf der Couch sitzen will.

Aber Jeans? Haalloooo? Die sind dafür da, dass man sich um seine Kleidung keine Gedanken machen muss. Man kann sie ausziehen, verwurstelt auf dem Boden liegen lassen und am nächsten Tag bedenkenlos wieder anziehen. Wären sie gebügelt, hätte man dagegen den moralischen Druck, sie am Ende eines langen Tages hübsch aufzuhängen. Und Kleiderbügel hatten die Goldschürfer ganz sicher auch nicht. (Rondo, DER STANDARD, 4.10.2013)

  • Jeans bügeln: spätkindliche Prägung, die bis heute funktioniert.
    foto: lukas friesenbichler

    Jeans bügeln: spätkindliche Prägung, die bis heute funktioniert.

  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: irina gavrich
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