Franziskus: "Hofgehabe als Lepra des Papsttums"

1. Oktober 2013, 18:20
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Erstmals gab ein Papst einer Tageszeitung ein Interview: Offen sprach er über narzisstische Kirchenführer, Schleimer und die Angst vor der Last des Amtes

Dass sich eine Zeitung um ein Interview mit einem Papst bemüht, gehörte bisher ins Reich der Fantasie. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, ein Kirchenoberhaupt selbst könnte sich um ein Gespräch bewerben. Entsprechend aufgeregt war die Sekretärin des Repubblica-Herausgebers Eugenio Scalfari, als sie Jorge Mario Bergoglio am Hörer hatte.

Der Papst bot dem agnostischen Gründer des linksliberalen Blattes ein Gespräch an: "Wenn Ihnen Dienstag 15 Uhr nicht unbequem ist, erwarte ich Sie." Franziskus begrüßte den bekannten Linksintellektuellen, dem er bereits in einem Brief ein paar Fragen beantwortet hatte, mit einer Witzelei: "Meine Mitarbeiter glauben, Sie wollen mich überzeugen.""Meine Freunde vermuten das Gegenteil", versicherte Scalfari. Franziskus winkt ab: "Proselytismus ist eine Dummheit, er hat gar keinen Sinn. Man muss sich kennenlernen, sich zuhören und das Wissen um die Welt und uns vermehren. Jeder hat seine Sicht des Guten und des Bösen. Wir können ihn anregen, sich auf das zuzubewegen, was er als das Gute erkannt hat."

Im Interview unterstreicht der Papst seinen Willen zu tiefgreifenden Reformen. Mit ungewohnt deutlichen Worten kritisiert er das "Hofgehabe als Lepra des Papsttums." Die Kirchenführer seien "oft narzisstisch, von Schmeichlern umgeben und von Höflingen zum Üblen angestachelt" gewesen.

Distanz zur Politik

Als Scalfari in dem Gespräch seine Abneigung gegen Klerikale gesteht, stößt er auf das volle Einverständnis des Papstes: "Das passiert mir auch. Wenn ich einen Klerikalen vor mir habe, werde ich schnurstracks antiklerikal. Klerikalismus sollte eigentlich nichts mit dem Christentum zu tun haben." Franziskus unterstreicht erneut seine Vision von einer armen und volksnahen Kirche, die Distanz zur Politik halten müsse.

"Sehr oft war die Kirche als Institution dominiert von zeitlichen Interessen, und viele Mitglieder und hohe Vertreter der katholischen Kirche haben noch diese Gefühllage".

Auch seine innersten Gefühle nach dem Konklave verrät Bergoglio: "Mein Kopf war vollkommen leer, eine große Furcht hatte mich überkommen. Ich habe die Augen geschlossen. Für einen Moment erfüllte mich ein großes Licht, und die Versuchung, die Last abzulehnen, war verschwunden."

Neugieriger Papst

Am Ende des langen Gesprächs zeigte sich der Papst neugierig, woran der Laie Scalfari glaube. Der wollte nicht bestreiten, an einen Gott zu glauben, "freilich nicht an einen katholischen. Kommt Ihnen vor, wir wären weit auseinander?" Das dreiseitige Interview erschien genau am Tag der ersten Sitzung des achtköpfigen Kardinalsrats zur Reform der Kurie und Leitung der Weltkirche, den der Papst etabliert hat.

Zwei Tage vorher hatte die Vatikanbank IOR nach vielen Jahrzehnten undurchsichtiger Tätigkeit ihre erste Bilanz vorgelegt, die mit 87 Millionen Euro einen vervierfachten Gewinn aufweist. Fast nebensächlich mutet da die Nachricht an, dass Johannes XXIII. und Johannes Paul II. im April 2014 heiliggesprochen werden. Ihr umstrittener Vorgänger Pius XII. ist aus der Liste verschwunden. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 2.10.2013)

  • Papst Franziskus hatte selbst um ein Interview angesucht.
    foto: ap photo/riccardo de luca

    Papst Franziskus hatte selbst um ein Interview angesucht.

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