Fragespiel mit Funktionären

1. Oktober 2013, 17:54
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Der Kampf einer jungen Reporterin um wahrhaftige Antworten

Es gibt erstrebenswertere Berufe als den einer Report-Moderatorin. Das aktuelle Gesicht dieser segensreichen ORF-Sendung heißt Susanne Schnabl. Schnabls forscher Interviewstil verrät die Ungeduld des Herzens. Die Blicke, die sie ihrem Gast, ÖVP-Staatssekretär Reinhold Lopatka, schenkte, glühten förmlich. Man konnte ihren Ehrgeiz für fehlgeleitet halten, Schnabls Eifer als Wichtigtuerei abtun. Doch dergleichen führt in die Irre.

Die Moderatorin war ernsthaft daran interessiert, den gestandenen Funktionär zur Preisgabe von Gedanken zu verleiten. Nun ist die Kunst der Verstellung - nicht der Lüge, wohlgemerkt - vom Höfling der Renaissance direkt auf den Funktionär des Wirtschaftsbundes übergegangen. Aufrichtigkeit gehört zu den Tugenden derjenigen, die nichts besitzen, das sie preisgeben könnten. Wenn die SPÖ und die ÖVP trotz empfindlicher Verluste auf ihren jeweiligen Programmen beharren, dann könne es zu keiner Einigung zwischen den beiden kommen, schlussfolgerte Schnabl, vielleicht um ihren Gast aufzuwärmen. Da hatte sie noch gar keine Frage an ihn gerichtet - oder nur solche, die sie zur Sicherheit gleich selbst beantwortete.

Diese Art der Übersprungshandlung erklärt sich aus obigem Kontext. Lopatka erweckte den Anschein, als ob er um einiges mehr wüsste, als er zu ­sagen bereit war. Funktionäre werden sehr auskömmlich dafür bezahlt, dass sie das Gras, das andere erst wachsen hören, schon geschnitten und in den Sack gestopft haben. Obmanndebatte? "Ich finde das so lächerlich", tat Lopatka kund. "Sie kennen die Realverhältnisse in der ÖVP wahrscheinlich besser als ich", sagte Schnabl. Lopatka lächelte. Das hieß: Ja. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.10.2013)

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