Diese Minze riecht wie Tee

Reportage2. Oktober 2013, 11:39
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Im Novagarten in der Wiener Leopoldstadt lernen Schülerinnen und Schüler, Verantwortung für selbst gezogenes Gemüse zu übernehmen ­ - und dass Selbstgekochtes gut schmeckt

"Es gibt einen Schälbeauftragten", sagt Miriam Laussegger, während sie die Karotten an die Kinder der 4A-Klasse austeilt. Die bildende Künstlerin hat an diesem verregneten Septembertag ihre mobile Küche im Schulgartenprojekt "Novagarten" aufgestellt. Denn es gibt etwas zu feiern, Regen hin oder her: Es ist Erntefest! Monatelang haben die Kinder an und in ihrem Garten gearbeitet und jetzt werden Erdäpfel, Kürbis, Zwiebel und Rote Rüben gekocht und gemeinsam mit Eltern, Geschwistern und Freunden verspeist.

Vor dem Essen kommt das Kochen - und das kann ganz schön anstrengend sein. "Jeder sucht sich einen Arbeitsplatz", sagt Miriam und verteilt die Kinder an den Schneidbrettern. "Ich zeig's Dir vor. Schau, kleine Scheibchen, pass auf die Finger auf." Mit Elan machen sich Mert, Marinella und Anastasja an die Arbeit. Aber als beim Zwiebelschneiden die ersten Tränen fließen, ist schnell zu hören: "Ich will nicht mehr." Andere Kinder versuchen es diplomatischer: "Sind das nicht schon zu viele Karotten?" - "Nein, da wollen ja viele Leute essen", erklärt Miriam, während sie das Gemüse kiloweise in den großen Topf wirft.

"Neun Klassen, das heißt mehr als 180 Kinder, sind am Novagarten beteiligt", erklärt die Architektin Andrea Kessler. Sie hat mit ihrem Kulturverein "Isebuki" im  letzten Frühjahr das Projekt an der Ganztagsvolksschule Novaragasse initiiert. "Es geht uns darum, die Kinder zu einem selbstständigen Tun anzuregen, in dem sie Verantwortung für das Wachsen von Pflanzen übernehmen", sagt Kessler. "Wenn sie den Wachstumsprozess vom Samen bis zur Ernte miterleben, entsteht eine ganz andere Wertschätzung für die Nahrungsmittel."

Kessler glaubt, dass die Kinder dadurch kritische Konsumenten werden. Sie sieht den Novagarten vor allem auch als ein interkulturelles Projekt. Die Kinder stammen aus 20 verschiedenen Ländern und nicht nur aus der gehobenen Mittelschicht. "Wir zeichnen alle Früchte, die wir gemeinsam geerntet haben, für eine Erntemappe und jedes Kind schreibt die Namen in seiner Muttersprache dazu", erzählt Kessler. Gemeinsam mit den Eltern werden dazu Rezepte aus allen Heimatländern gesammelt.

Aufwertung öffentlicher Flächen

Gesunde Ernährung und Verantwortung sind das Eine, die Aufwertung von öffentlichen oder halböffentlichen Flächen im urbanen Raum das andere Ziel der Architektin. "Die Stadt Wien fördert pro Bezirk derzeit nur ein Gartenprojekt. Wo es, wie im Zweiten, schon ein Projekt gibt, gehen die anderen leer aus", sagt sie. Das sei schade. Ideen gibt es jedenfalls genug. Wie die zur Nutzung weiterer Flächen und die Kooperation mit anderen Schulen der Nachbarschaft. "Es ist total schön, sich mit den anderen Initiativen zu vernetzen, etwa den LoBauerinnen, dem Minzgarten, der FoodCoop, dem Nachbarschaftsgarten Donaukanal", schwärmt Kessler.

Mit gerade einmal 1.500 Euro Fördergeld hat der Verein den Novagarten gestartet, dazu kommen die Unterstützung des Elternvereins und Sachspenden von verschiedenen Sponsoren, die den Bau der Hochbeete in dem betonierten Schulhof ermöglichten. Fünf Tonnen Erde und vier Tonnen Schotter wurden dabei bewegt und von den Kindern zum Großteil selbst in die Beete geschaufelt.  Die Arbeit hat sich bezahlt gemacht. Jetzt ist alles grün, die Dahlien setzten pinke Tupfer auf die Gemüsebeete. Es war kein gutes Tomatenjahr. Die meisten Früchte hängen auch jetzt noch unreif an den Stauden. Auch das eine Erfahrung für die Kinder, wenn etwas nicht gelingt.

"Manches ist verdorrt", erzählt Kessler, "obwohl wir wie verrückt gegossen haben. Es war nicht so einfach, das Gießradel über die Sommerurlaube hinweg aufrecht zu halten, aber wir haben es geschafft." Den Kindern sind die Pflanzen wichtig geworden, die sie nach den Osterferien in einem Workshop der "Grünen Mischung" aus Samen eigenhändig gezogen haben. Die Landschaftsplanerin Andrea Pichler, die den Workshop damals geleitet hat, ist auch zum Erntefest gekommen. Liebevoll hat sie die Tische mit blauen Gießkannen dekoriert, in denen Mohn, Lampionblumen, Feuerbohnen und Kapuzinerkresse stecken. An jedem Tisch sind Kinder eingeteilt, um den Gästen Kostproben aus dem eigenen Garten zu servieren. Aber ist das Essen schon fertig?

Ein Tee namens Morgenmuffel

Zwei Mädchen und ein Bub rühren noch konzentriert in dem Topf mit dem Kürbiseintopf. Eines der Mädchen schleckt verträumt den Kochlöffel ab. Darauf die andere: "Wäh, damit rührst Du jetzt nicht mehr!" Miriam greift schlichtend ein. Auch die Roten Rüben müssen noch geschält werden. Das macht gruselig rote Finger, perfekt für Halloween.

Die 4C-Klasse ist inzwischen mit Teebeutelbefüllen beschäftigt. Getrocknete Ringelblumen, Zitronenmelisse, Holunderblüten und Salbei stehen in großen Einweckgläsern bereit und dürfen beschnüffelt werden. Aber, was ist das? "Diese Minze riecht wie Tee", stellt ein Schüler fest. "Nein, wie Kaugummi", sagt ein Mädchen. Alle dürfen die Kräuter ihrer Wahl in einen Teefilter füllen. Andrea zeigt vor, wie sie einen Faden abschneidet, den Filter verschließt und den Faden darum verknotet. Damit nicht alles in der Tasse aufgeht, werden die selbst gemachten Teebeutel zugetackert. "Den Tacker hat der Jan, aber der ist davongelaufen", sagt Sarah.

Abgesehen davon tauchen auch andere Probleme auf. Einer der Schüler, so stellt sich heraus, kann mit zehn Jahren keinen Knoten binden. Auch dem wird im Rahmen des Gartenprojektes abgeholfen. Schließlich dürfen die Schülerinnen und Schüler ihren Teebeutel noch mit einem Etikett versehen und ihm einen Namen geben: "Meiner heißt Morgenmuffel", sagt Andrea.

Wie die Körner ins Brot kommen

Nebenan auf dem Tischtennistisch ist eine Getreidestation aufgebaut. Die Kinder können hier Gerste, Hafer, Roggen und Weizen mit einem Mörser eigenhändig zermahlen. Viele Kinder versuchen das mit Begeisterung, nicht wenigen ist auf Nachfrage der Zusammenhang zwischen Körnern und Brot unklar. Das ändert sich jetzt.

In den nächsten Wochen stehen "Einkochen" und "Lavendel-Sackerl nähen" auf dem Programm. Kessler hat viel vor. Aber erst einmal kommt der Kürbiseintopf auf den Tisch, endlich. Die Kinder strahlen. Als eine stark übergewichtige Frau dankend ablehnt, können sie das gar nicht verstehen. "Dabei schmeckt das so gut." Gesagt -  und selber aufgegessen. (Tanja Paar, derStandard.at, 1.10.2013)

  • Die selber gezogenen Tomaten schmecken gleich doppelt so gut.
    foto: bernhard faiss

    Die selber gezogenen Tomaten schmecken gleich doppelt so gut.

  • Grün verbindet.
    foto: andrea kessler

    Grün verbindet.

  • Selber ernten macht Spaß.
    foto: bernhard faiss

    Selber ernten macht Spaß.

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