Rundschau: Lebwohl, Amerikawelt

Ansichtssache2. November 2013, 10:00
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coverfoto: atlantis

Frank W. Haubold: "Götterdämmerung. Das Todes-Labyrinth"

Broschiert, 275 Seiten, € 14,30, Atlantis 2013

Wie Gandalf so schön sagte: "The board is set, the pieces are moving." Und der hatte es noch vergleichsweise einfach, immerhin war das Spielbrett Mittelerde nur auf zwei Dimensionen angelegt. Hingegen sind es in Frank Haubolds Weltraumoper (durchaus passender Begriff, weil recht viel Kulturverweisgut in "Götterdämmerung" einfließt) nicht nur die drei Dimensionen des Raums. Im zweiten Band der Reihe sieht es auch ganz danach aus, dass sich das große galaktische Spiel auf bislang verborgene höhere Ebenen erstreckt. Die Frage drängt sich auf: Wenn sich vermeintliche Spieler bloß als Figuren entpuppen, wer lenkt dann hier wirklich das Geschehen?

"Das Todes-Labyrinth" schließt unmittelbar an den Vorgänger "Die Gänse des Kapitols" an. Dankens- bzw. notwendigerweise enthält der Roman zu Beginn eine zweiseitige Zusammenfassung des bisher Geschehenen; was unter anderem auch den Umstand umfasst, dass in Band 1 gleich zwei Sterne hochgejagt wurden (dachte man zumindest). Kracher diesen Ausmaßes bleiben der Milchstraße in Band 2 zum Glück erspart. Dafür enthält "Das Todes-Labyrinth" andere bemerkenswerte Action-Elemente: Zum Beispiel ein Duell zwischen einem Raum- und einem Segelschiff(!). Und das Raumschiff ist knapp dran zu verlieren ...

Zur Handlung

Das Geschehen auf der niedrigsten Ebene - also der unseren - ist schnell umrissen. Der mittlerweile aus dem Militärdienst ausgetretene Veteran Raymond Farr bricht zu einer Privatexpedition auf, um Miriam Nagata wiederzufinden: Jene Frau, die ihm dabei half, den Angriff einer Armada biologischer Raumschiffe abzuwehren, diesen dann zu ihrem Heimatsystem folgte und unterwegs verschwand. Aber natürlich will Farr nicht nur Nagata zurückholen, sondern auch klären, warum es zu dem Angriff auf die Menschheit kam und was sich da in der Galaxis gerade für ein Unheil zusammenbraut.

Derweil ist der Detektiv John Varley, der mit Farr in Kontakt steht, mit einer anderen Facette des galaktischen Rätselspiels befasst. Und hat es im Zuge seiner Recherchen ebenfalls mit einer geheimnisvollen Frau zu tun bekommen. Ailin Ramakian nimmt John nicht nur sexuell in Beschlag, sie verfügt offenbar auch über das Wissen - und die Macht - einer höheren Ebene des Seins.

In beiden Handlungssträngen werden die ProtagonistInnen am Ende des Romans nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen sein, wenn man es mal ganz nüchtern betrachtet. Was natürlich auch heißt, dass die Handlung am Ende bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Im Grunde ist der zweite Band der Reihe immer noch überraschend stark mit Exposition beschäftigt  - aber das macht nichts, denn hier ist es, wo sich die interessantesten Dinge tun.

Das Spiel

Neue Player deuten sich an. Da wäre etwa eine Gruppe Künstlicher Intelligenzen von außerhalb der menschlichen Föderation, die ein Konzept für eine strenge christliche Gesellschaftsordnung vorlegt. Als Belohnung für ein wohlgefälliges Leben verheißen sie einen real existierenden Himmel, ansonsten winkt die Hölle (klingt ein wenig nach Iain Banks' "Krieg der Seelen"). Dass an dem Angebot was dran ist, weiß ein Mitglied von Farrs Expedition aus eigener Erfahrung: Pater Markus vom Orden der Heiligen Madonna der Letzten Tage war im Himmel der Maschinen und fühlt sich seitdem wie Tolian Soran nach seinem Nexus-Erlebnis in "Star Trek Generations".

Zweimal lässt uns Haubold an Versammlungen einer (anderen?) Gruppe teilnehmen, die das galaktische Geschehen aus dem Verborgenen mitverfolgt, zugleich aber argwöhnt, selbst unter Beobachtung zu stehen. Wer hinter den Avataren steckt, die sich zu diesen Versammlungen in einem virtuellen Theater einfinden, bleibt zunächst offen. Und dann wäre da noch eine Potentatin, die offenbar sehr intime Kontakte zu einem waschechten Gott pflegt.

Kulturschaffende mitten im Geschehen

Eine besondere Rolle spielt der von Haubold gerne zitierte Dichter Rainer Maria Rilke. Der existiert mittlerweile - Jahrhunderte nach seinen Lebzeiten - an einem zeitlosen Nicht-Ort, von dem aus er Einblicke in das Graue Land nehmen kann: Eine endlose Wüste mit ein paar Oasen, in denen Rilkes Gedichte Gestalt angenommen haben. Doch offenbar führen auch aus unserer Realität Wege ins Graue Land. Auf einem davon ist nämlich niemand anderes als Miriam Nagata eingetroffen und irrt nun durch das Todes-Labyrinth des Romantitels.

Das alles ist zwar etwas seltsam, aber originell. Und Rilke fügt sich ins SF-Szenario auch überraschend gut ein. Dafür hätt's den Auftritt eines Jim-Morrison-Duplikats nicht gebraucht. Fans mögen es mir verzeihen, aber übermäßige Doors-Verweise in SF-Werken münden meiner Erfahrung nach öfter in prätentiösen Schwampf als in eine Bereicherung der Handlung. Und der "Lizard King" tut auch hier nichts, was mich beeindrucken würde. Vielleicht trollt er sich in Band 3 ja wieder so beiläufig, wie er hier eingeschwebt ist.

Entwurzelte Menschheit

Viele verschiedene Kleinigkeiten haben mich auf die Idee verfallen lassen, dass "Götterdämmerung" letztlich tatsächlich ein Spiel im wörtlichen Sinne sein könnte. Mit Menschen und ganzen Planetenbevölkerungen als Spielfiguren. Es würde gut zu dem verlorenen Eindruck passen, den die ProtagonistInnen oft machen: Ein Umstand, der die atmosphärische Wirkung des Romans entscheidend mitprägt.

Entwurzelung ist das Wort, das es vielleicht am besten auf den Punkt bringt. Wie um dies zu illustrieren, scheinen die Menschen dieser Zukunft vorwiegend in nomadisierenden Weltraumstädten zu leben. In Band 2 erfahren wir nun, dass wir uns im 28. Jahrhundert befinden und dass die Erde längst aufgegeben wurde. Doch die Erinnerung an den einstigen Exodus und die Anfänge des Weltraumzeitalters ist im sogenannten Crash verloren gegangen - möglicherweise hat auch jemand dieses Vergessen forciert. Einmal mehr bleibt den Menschen nur eine vage Ahnung, dass sie nicht die bestimmenden Akteure auf der galaktischen Bühne sind.

Die Geheimnisse türmen sich also geradezu, ich bin ehrlich gespannt, wie's weitergeht. Wenn man die vielen metaphysischen Bezüge mal außer Acht lässt und nur das Geschehen auf der menschlichen Ebene betrachtet, dann ist die Reihe "Götterdämmerung" thematisch irgendwo zwischen Alastair Reynolds und Lois McMaster Bujold angesiedelt. Also genau dort, wo ich zuvor Lücken in der gegenwärtigen Übersetzungspolitik von Heyne beklagt habe. Auf jeden Fall ist "Götterdämmerung" dafür ein wesentlich besserer Ersatz als der Schrott von Evan Currie.

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