Rundschau: Lebwohl, Amerikawelt

Ansichtssache2. November 2013, 10:00
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coverfoto: manhattan

Terry Pratchett & Stephen Baxter: "Die Lange Erde"

Klappenbroschur, 399 Seiten, € 18,50, Manhattan 2013 (Original: "The Long Earth", 2012)

Und plötzlich kommt ein Buch daher, das einen wieder daran erinnert, wie es war, als man begonnen hat, Science Fiction zu lesen und sich mit verhältnismäßig einfachen Mitteln bereitwillig in fremde Welten entführen zu lassen. Man wird mit der Zeit ja unweigerlich etwas saturiert und kenn-ich-schon. So richtig die Schuhe zieht einem dann nur noch hochkomplexer Bombast - Beispiel: Hannu Rajaniemis "Fraktal" - aus.

... hätten solche Hard-SF-Festspiele bloß nicht immer den unangenehmen Beigeschmack, dass sich da wirklich nur noch eingefleischte Genre-Fans reintrauen. Schließlich war Science Fiction mal ein Massenphänomen und kein Nischenmarkt wie heute. Aber was dieser Tage in der SF als State of the Art gilt, ist für GelegenheitsleserInnen eben nicht so anschaulich wie die Hämorrhoiden von Charlotte Roche. Die ungewöhnliche Kooperation von Hard-SF-Autor Stephen Baxter und Fantasy-Satiriker Terry Pratchett aber schafft das beinahe unmöglich Gewordene: Nämlich sowohl den Ansprüchen von Genre-Fans zu genügen als auch Mainstream-LeserInnen bei der Stange zu halten, die es auf gut Glück mal mit einem SF-Buch versuchen wollen.

Auf in die Unendlichkeit

Im Jahr 2015 verändert der Wechseltag die Geschichte der Menschheit für immer. An diesem Tag wird der Bauplan eines Geräts ins Internet gestellt, mit dem man auf parallele Erden überwechseln kann. Ein recht einfaches Kästchen mit ein paar Schaltungen, gar nicht schwer zu basteln - dem Buch liegt eine Skizze bei, gerne mal selber ausprobieren! Dass das Ding mit einer Kartoffelbatterie betrieben wird, klingt nach einem der typisch skurrilen Einfälle Pratchetts. Aber was die Wirkungsweise des Wechslers anbelangt, werden wir später ohnehin noch eines Besseren belehrt.

Pro Schalterbetätigung gelangt man - entweder Richtung "Westen" oder "Osten" - eine Welt weiter. Jede davon ist eine fast exakte Kopie unserer Erde mit nur geringfügigen Variationen in Sachen Klima, Tier- und Pflanzenwelt. Je weiter man reist, desto mehr summieren sich allerdings die Unterschiede und führen schließlich zu Welten, die eine völlig andere Entwicklung durchlaufen haben als die unsere (die im Roman als Datum-Erde bezeichnet wird). In Summe ergeben diese Welten die möglicherweise unendliche Kette der Langen Erde. Und die steht plötzlich in ihrer Gesamtheit Ausreisewilligen offen, denn eines haben all die anderen Welten doch gemeinsam: Auf keiner außer der Datum-Erde selbst gibt es Menschen. Man wird verschiedenen Hominiden begegnen, aber echte Konkurrenten um Siedlungsraum und Ressourcen hat man nicht zu befürchten.

The Newest Frontier

"Die Lange Erde" - obwohl von zwei britischen Autoren geschrieben - greift den Frontier-Gedanken auf, der die USA im 18. und 19. Jahrhundert geprägt hat und heute immer noch als identitätsstiftender Faktor gilt. Man beachte, dass es in diesem Roman nur Richtung "Westen" geht. Anhand vieler kleiner Episoden, die am Rande des Geschehens um die eigentlichen Hauptfiguren eingestreut werden, erleben wir die globale Aufbruchsstimmung mit. Viele erhoffen sich ein besseres Leben, manche scheitern, alle müssen schwerwiegende Entscheidungen treffen.

... wie die Pioniersfamilie, die eines ihrer Kinder zurücklässt, weil es zur Minderheit derjenigen gehört, die aus unbekannten Gründen nicht wechseln können. Das wird übrigens noch Folgen haben. Und selbst wenn wir immer nur kurze Blicke auf solche Nebenfiguren werfen können, vergessen die Autoren nicht auf sie und schildern in gebotener Kürze, wie es mit ihnen weitergegangen ist. Im nächsten Band erfahren wir dann ja vielleicht auch, was aus den Aborigines geworden ist, die als Jäger in ein wahrhaft wildes Australien ausgewandert sind ...

Die Hauptfiguren

Im Mittelpunkt des insgesamt 15 Jahre umspannenden Romans steht der anfangs 13-jährige Joshua Valienté aus Madison, Wisconsin. Er kann auch ohne Gerät wechseln, wie sich herausstellen wird, und nutzt diese Gabe zunächst für eine ausführliche Erkundung der Langen Erde im Alleingang. Mit den diversen Unzulänglichkeiten anderer Menschen kommt Joshua nämlich nicht besonders gut klar. Ich hätte zunächst auf eine leichte Variante von Asperger à la Sheldon Cooper getippt, aber bei Joshua nennt es sich "Daniel-Boone-Syndrom": Er liebt die Stille, und die findet er nur auf Welten ohne Menschen.

Und ausgerechnet ihm - mittlerweile erwachsen geworden - bindet man für eine Forschungsexpedition einen Partner auf die Nase, der unterschiedlicher kaum sein könnte: Lobsang ist großspurig, jovial und nur bedingt vertrauenswürdig. Mal abgesehen davon, dass es sich um eine Künstliche Intelligenz handelt, die behauptet, die digitale Reinkarnation eines tibetischen Motorradmechanikers zu sein. Lobsang bringt Witz in die Handlung ein, wirkt aufgrund seiner Zugriffsmöglichkeiten auf die globale Infosphäre aber auch eine Spur beängstigend (zumindest auf mich): Eine Art Mini-Skynet mit guten Absichten. Auf jeden Fall ergeben die beiden ungleichen Partner ein Duo mit vielversprechender Chemie.

Welten im Daumenkino

Sie brechen zunächst auf, um das Ende der Langen Erde zu finden. So es überhaupt eines gibt. Später drängt sich immer stärker die Frage in den Vordergrund, warum so viele Hominidenspezies - die zur Verblüffung der Menschen allesamt natürliche Wechsler sind - aus den Welten im "Westen" Richtung "Osten" fliehen. Und schließlich würde man auch gerne ergründen, warum es die Lange Erde überhaupt gibt. Beziehungsweise warum sie sich praktischerweise gerade dann geöffnet hat, wenn der Menschheit die Ressourcen ausgehen.

Auf ihrer Expedition - ein High-Tech-Luftschiff fungiert dabei als Lobsangs Quasi-Körper und kann daher beim Wechseln mitgenommen werden - zappen sich Lobsang und Joshua nun im Schnelltakt von Erde zu Erde und staunen über das Gewimmel der wechselnden Tierwelten unter sich: "Wie ein Ray-Harryhausen-Demoband" kommt es dem Betrachter vor. Seiner Schätzung nach passierten sie alle paar Sekunden eine Welt, über 40.000 neue Welten pro Tag, wenn sie dieses Tempo rund um die Uhr beibehielten (...) Unter dem Schiffsbug huschten Landschaften vorbei, von denen er nur die gröbsten Umrisse erkennen konnte, ganze Welten zogen im Takt seines eigenen Herzschlags vorüber.

... damit sind wir mittendrin in Stephen-Baxter-Land, bei Panoramablicken, großen Dimensionen und Gedanken zur Evolution. Also der Art von Sense of Wonder, die als Baxters Stärke bekannt ist, während die Zeichnung von Charakteren als seine Schwäche gilt. Aber hier springt Pratchett ein und sorgt für eine ausgleichende Portion Menschlichkeit. Plus - selbst wenn "Die Lange Erde" natürlich ganz anders als die üblichen Pratchett-Romane angelegt ist - eine Prise Humor. Etwa wenn ein Buchhändler auf einer noch nicht elektronifizierten Erde jubelt, dass er endlich wieder gefragt ist: Auf richtiges Papier gedruckte Bücher, jedes einzelne davon! Tote-Baum-Technologie! Informationen, die, wenn sie vernünftig gelagert wurden, Jahrtausende überdauerten! Und man brauchte keine Batterien dafür!

Für den 12-Jährigen in dir

Wenn eine eher mörderische Variante von Hominiden den Spitznamen "Elfen" bekommt, während die friedlichen "Trolle" genannt werden, dann steckt eindeutig Pratchett dahinter - man kennt ja seine Meinung zu Elfen. Ansonsten ist es zwar oft, aber nicht immer möglich zuzuordnen, welcher der Autoren welche Passage geschrieben hat. Pratchett und Baxter ergänzen einander hervorragend. Und liefern zusammen einen Roman ab, der mir großes Vergnügen bereitet hat, weil er einfach frisch wirkt und voller Ideen steckt. Wenn ich etwa an die Passagen über eine Massenevakuierung gegen Romanende denke - sowas habe ich in der Form noch nie gelesen.

Ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung, die im Original ("The Long War") seit Sommer erhältlich ist. Schöne Geschichte!

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