Die rote Gastarbeitertochter

Porträt1. Oktober 2013, 05:30
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Nurten Yilmaz ist die erste Migrantin im SP-Nationalratsklub. Parteikollegen sehen ein "demokratiepolitisches Highlight"

Im Jahr 1966 kam die gebürtigen Türkin Nurten Yilmaz mit ihren Eltern und zwei Brüdern nach Österreich. "Wir waren eine klassische Gastarbeiterfamilie", erzählt die heute 56-jährige. Politisch aktiv wurde sie "aufgrund der damaligen Begebenheiten", wie Yilmaz sagt. Gerne wiederholt sie die Geschichte, wie die Kreisky-Jahre sie als junge Frau geprägt haben. "Es hat sich in mir manifestiert, dass man wirklich Dinge verändern kann." Diese Verbesserungen betrafen etwa die Schülerfreifahrt oder gratis Schulbücher. "Das Gefühl, einen neuen Atlas in den Händen zu halten - das kann dir niemand wegnehmen. Das lebt in mir", sagt Yilmaz.

Klassischer Aufstieg in der SPÖ

Seit ihrem 17. Lebensjahr ist Yilmaz bei der SPÖ aktiv. Sie engagierte sich zunächst bei der Sozialistischen Jugend, dann war sie in verschiedenen SPÖ-Vereinen ehrenamtlich tätig. "Nicht so intensiv. Ich habe immer ein bisschen mitgemacht", erinnert sie sich. 1997 wurde Yilmaz dann gefragt, ob sie die Geschäftsführung in Ottakring übernehmen möchte. "Ich war eine der Ersten mit Migrationshintergrund, die eine solche Position übernommen hat." Zwei Jahre später wurde sie Bezirksrätin in Ottakring, 2001 wechselte sie schließlich in den Gemeinderat und Landtag.

Yilmaz wurde 2013 als Spitzenkandidatin für den Wahlkreis Wien Nord-West nominiert und folgte auf diesem Platz Franz Riepl nach, der in Pension geht. Auf der Landesliste kandidierte sie auf Platz zwölf, auf Bundesebene auf Platz 27. Sie zieht als erste Migrantin für die SPÖ in den Nationalrat ein. Sie sei aber nicht stolz auf diese Tatsache. "Ich bin stolz, die Spitzenkandidatin eines Arbeiterbezirks zu sein - nicht weil ich die Erste bin. Eine ist immer Erste."

"Da lachen die Serben"

Die Frage, warum MigrantInnen im Nationalrat unterrepräsentiert sind, ließe sich nicht so einfach beantworten, sagt Yilmaz. "Sie brauchen erst einmal eine Zeit, um sich hier zu orientieren. Und es liegt sicherlich auch an den Parteien - inwieweit sie ihre Strukturen öffnen und offensiv einladen. Da hapert’s noch Großteils." Die Bemühungen der ÖVP, mehr Migranten auf ihren Listen zu repräsentieren, nimmt Yilmaz mittlerweile ernst. "Davor hatte es einige nicht ernst gemeinte Versuche gegeben. Stichwort: Şirvan Ekici."

Doch eines sei noch immer der Fall: "Wenn sich eine Partei über die Leistungsschiene definiert, was eine gute Integration ist, wird sie auch weiterhin in gute und böse Migranten teilen. Und sie wird auch innerhalb der Community immer Leute finden, die das gut finden." Zur FPÖ-Taktik, explizit die serbische Community anzusprechen, sagt sie: "Da lachen die Serben. Strache macht sich immer wieder auf den Weg, das 'Abendland' zu retten, aber das 'Abendland' wird vom Herrn Strache nicht gerettet werden. Das hat er noch nicht kapiert."

Angesprochen auf ihren Parteikollegen Resul Ekrem Gönültas, der im Milieu der umstrittenen Milli-Görüs-Bewegung um Stimmen warb, meint Yilmaz: "Wenn Kandidaten der SPÖ in ihren Heimatländern eine andere Partei wählen würden, aber hier für die SPÖ einstehen und arbeiten, finde ich nichts Verwerfliches daran. Wir sind eine offene Partei, jeder kennt unser Programm." Trotz allem würde sie selbst aber nie Wahlkampfreden in Gebetsräumen halten.

Ihre eigene Biografie sieht die Integrationssprecherin der Wiener SPÖ als Bereicherung für ihre Arbeit an. "Diese Kompetenz liegt bereits in meiner Biografie. Genauso, wie die Gewerkschafter sensibler sind, wenn es um das Thema Arbeit geht." Frauenpolitik, Bildung, Migrationspolitik - das sind die Bereiche, in denen Yilmaz sich ihre Arbeit im Parlament vorstellen kann.

Wahlkampf in Ottakring

"Jung geblieben" - das beschreibt die 56-jährige Mutter zweier Töchter gut. Die Nähe zum Menschen sei ihr wichtig, wie sie auch bei Wahlkampfveranstaltungen und etlichen Hausbesuchen demonstrierte. "Man kann sich zwar plakatieren und Broschüren verteilen - aber die Stimme und das Gesicht persönlich zu sehen, ist wichtiger." Den nötigen Polit-Smalltalk beherrscht sie perfekt - ob auf Deutsch oder Türkisch.

"Darf ich sie auf ein Würstel einladen?" Yilmaz warb auch in Ottakring fleißig um Stimmen, ihrem "Heimatbezirk". Gemeinsam mit der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG) teilte sie an einem sonnigen Nachmittag Würstel, Bier, Süßigkeiten und Luftballons aus. Schnell erweckte die Veranstaltung Interesse, Yilmaz selbst ging neben dieser Bierzeltstimmung ein wenig unter. Das schien sie nicht zu stören: "In Wien kommt ois zam", freute sie sich über den Andrang. Einfach ist es nicht, die "Nurtna", wie sie von manchen genannt wird, bei solchen Veranstaltungen zu erwischen. Ständig wirbelte sie über den Platz, schüttelte Hände, teilte Wahlkampfmaterial aus. So kurz vor ihrem Einzug ins Parlament musste sie noch einmal zeigen, was sie kann. Zeigen, dass sie ihren Platz verdient hat.

Ihre Parteigenossin Sonja Ramskogler bezeichnet Yilmaz’ Einzug in den Nationalrat als "demokratiepolitisches Highlight". Trotzdem ist sie nicht der Meinung, dass es zu wenige MigrantInnen im Parlament gibt. "Ich könnte den Job auch machen. Es geht um die sozialdemokratischen Werte und nicht um den Hintergrund." Auch der "Bürgermeister von Ottakring", wie Yilmaz ihn nennt, unterstützte sie beim Wahlkampf. Franz Prokop, SP-Bezirksvorsteher, sparte dabei nicht mit Komplimenten. "Nurten ist eine sehr offene und aufgeschlossene Person. Sie ist immer unterwegs", sagt er.

Wiener Schnitzel und Vorzugsstimmen

Auch im Netz warb Yilmaz um Stimmen. Ihre Facebook-Seite zählt über 1200 Anhänger. In Kurzfilm "Nurten unplugged" sprach sie außerdem über ihren persönlichen Hintergrund und offenbarte ihre Lieblingsspeise: "Wiener Schnitzel". Dass sie sich als Wienerin fühlt, bleibt nie unerwähnt. Yilmaz punktet mit dieser Strategie: Bei der Nationalratswahl 2008 kandidierte sie auf Platz Drei im Wahlkreis und auf Platz 20 auf der Landesliste. Damals erreichte sie über 1990 Vorzugsstimmen in ihrem Wahlkreis. Für den Einzug ins Parlament war es dennoch zu wenig. Bei dieser Wahl ergatterte Yilmaz nach derzeitigem Stand 1884 Vorzugsstimmen im Wahlkreis Wien Nord-West.

Yilmaz gilt als eine, die auch gegen die Parteilinie fährt, wenn es sein muss. Doch auch sie kann sich den Befehlen der Parteioberen nicht entziehen. Im Juli kritisierte sie etwa die Asylpolitik von ÖVP-Innenministerin Mikl-Leitner scharf. Tags darauf wurde die SPÖ aber wieder zum Schweigen verdonnert. Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos verteidigte schließlich die Abschiebung der Servitenklosterflüchtlinge als rechtens.

"Gibt's da was gratis?"

In Ottakring schien das niemanden zu stören. Die dortigen Wahlkampfveranstaltungen waren ein Heimspiel für Yilmaz. "Das ist wie beim Kirtag", war selbst Yilmaz über den Andrang erstaunt. Freibier und Gratiswürstel sprachen sich schnell herum. "Die SPÖ ist zur Stelle", war die Botschaft, die sie bei solchen Aktionen vermitteln wollte. Mehr als gesättigte Bäuche und kurze Gespräche schien es auf den ersten Blick auch nicht zu brauchen, um eine Stimme zu erhalten. Nur die Jugendlichen ließen sich noch nicht wirklich von dieser Strategie überzeugen. "Ich bin zu alt für Luftballons", sagte ein 16-Jähriger.

Auf schwierige Diskussionen musste sich Yilmaz an diesem Tag aber nicht einlassen. "Gibt's da was gratis?" blieb die häufigste Frage, die sie beantworten musste. Sonst hörte sie meist zu, wie die Menschen sich beschwerten - über ihren Job, ihre Wohnung, ihre Gesundheit. "Ich kann ned gscheid gehen", jammerte eine junge Frau und zeigte auf ihren Gipsfuß.

Doch nicht zu jedem ist durchgedrungen, dass Yilmaz in die oberste Polit-Liga aufgestiegen ist. Zum Schluss der Veranstaltung näherte sich eine ältere Frau. "Kennen Sie mich, Nurten Yilmaz?" Die Frau runzelte kurz die Stirn, biss von ihrer Wurst ab und sagte: "I kenn nur den Werner." (Jelena Gučanin, daStandard.at, 1.10.2013)

  • Nurten Yilmaz verteilte beim Wahlkampf in Ottakring.
    foto: jelena gučanin

    Nurten Yilmaz verteilte beim Wahlkampf in Ottakring.

  • Yilmaz im Gespräch mit Bezirksvorsteher Franz Prokop.
    foto: jelena gučanin

    Yilmaz im Gespräch mit Bezirksvorsteher Franz Prokop.

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