Austrias Hoffnung auf das zweite Gesicht

30. September 2013, 19:46
187 Postings

Wer gegen Kalsdorf und die Admira verliert, muss Zenit in Sankt Petersburg nicht fürchten. Klingt seltsam, ist aber Austrias Devise für ihre zweite CL-Partie

Andrei Sergejewitsch Arschawin, der kleine Zar, ist ebenso ein Sohn Sankt Petersburgs wie Wladimir Wladimirowitsch Putin, der große Zar. Der große verehrt den kleinen sehr, mehrte der doch das Ansehen von Zenit Sankt Petersburg vor seinem Wechsel zu Arsenal und mehrt es auch seit seiner Rückkehr im Vorjahr.

Am Dienstag (18 Uhr) im alten Petrowski-Stadion, das nur etwas mehr als 21.000 Zuseher fasst und bald ausgedient haben wird (nicht sehr weit entfernt wird für die WM 2018 und 60.000 Menschen gebaut), kann Arschawin kaum mehren. Schließlich wäre auch ein deutlicher Erfolg gegen Österreichs Meister kein Ruhmesblatt für das ballesterische Herzblatt einer Stadt, in der das Wort Sieg allgegenwärtig ist - von Siegesprospekt über den Siegespark bis hin zur Siegessäule.

Außenseiter pflegen in der Champions League selten derart krasse zu sein, wie es die Wiener Austria beim russischen Vizemeister und aktuellen Spitzenreiter der Premjer-Liga ist, der zuletzt dreimal infolge mit vier geschossenen Toren in der Liga triumphierte. Und dennoch hoffen die Gäste ausgerechnet in Piter, wie die Einheimischen ihre Stadt der Einfachheit halber nennen, eine Abwärtsspirale zu stoppen, die bezüglich gezeigter Leistungen schön langsam ins Unterirdische reicht. Wer in Kalsdorf und bei der Admira verliert, kann in Sankt Petersburg getrost jenseits aller Furcht aufspielen.

Nenad Bjelica darf das so nicht sagen, dem Trainer der Austria verbietet sich Hoffnungslosigkeit. Also schöpft der 42-Jährige Mut aus dem 0:1 gegen Porto zum Start der Gruppenphase.

In ihrem letzten guten Spiel brauchte die Austria nicht zu gestalten. Und auch vor zwei Wochen waren die meisten Spieler des Gegners in der leicht perversen Logik des Transfersummentheaters mehr wert als der gesamte Kader der Violetten. Aktuell zuvörderst der Brasilianer Hulk, der 45, und der Belgier Axel Witsel, der 32 Millionen Euro wert sein soll.

Lockerheit gesucht

Das kann durchaus zur Lockerheit gereichen, auch in den Köpfen, deren die Austria so dringend bedarf. Bjelica will, dass seine Mannschaft ihr "Champions-League-Gesicht" zeigt. Es sei "einfacher, in solche Spiele hineinzugehen, als in Partien, bei denen man Favorit ist".

Vor der Reise in die nördlichste Millionenstadt der Welt hatte es eine mannschaftsinterne Aussprache gegeben, deren Inhalte auch intern bleiben sollen. "Wir haben", so wenig verriet Stürmer Philipp Hosiner, "wichtige Dinge angesprochen."

Es ist zu vermuten, dass Bjelica die da und dort vorgebrachten Beschwerden über die Belastung durch 17 Pflichtspiele innert zweier Monate nicht sehr förderlich gefunden hat. Er und Kapitän Manuel Ortlechner beteuerten in Sankt Petersburg jedenfalls, dass es keine körperlichen Probleme gebe, geben dürfe. Mehr als überanstrengte Muskeln schmerzen die Ausfälle, auch wenn sie für Bjelica "kein Alibi sind". Zu den Verletzten - Alexander Grünwald, Marko Stankovic und Alexander Gorgon - gesellten sich Emir Dilaver und Kaja Rogulj, die, weil Defensive, laut Bjelica etwas leichter zu ersetzen sind. Die Rückkehr von Daniel Royer stimmt den Trainer "ein bisschen optimistischer".

Sportvorstand Thomas Parits streichelte die Seelen mit der Feststellung, dass es, wie kolportiert, nicht ausgemacht sei, dem Kader im Winter frisches Blut zuzuführen. "Wir werden aus dieser Phase herauskommen." Geht es nach dem kleinen Zar, in Sankt Petersburg noch nicht: "Wir werden sehr stark sein", droht Arschawin. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 1.10.2013)

Champions League, 2. Spieltag, Gruppe G, Dienstag

Zenit St. Petersburg - Austria Wien
Stadion Petrowski, SR Aytekin (GER), 18 Uhr, live Puls 4 und Sky

Mögliche Aufstellungen:

Zenit: Lodigin - Smolnikow, Hubocan, Lombaerts, Ansaldi - Witsel, Faizulin - Hulk, Arschawin, Danny - Kerschakow

Ersatz: Baburin - Zirijanow, Schatow, Timoschtschuk, Criscito, Neto, Bistrow

Austria: Lindner - Koch, Rotpuller, Ortlechner, Suttner - Mader, Holland - Royer, Simkovic, Jun - Hosiner

Ersatz: P. Grünwald, Kardum - Luxbacher, Leovac, Kienast, Okotie, Ramsebner, Spiridonovic, Murg

Es fehlen: Gorgon, Stankovic, A. Grünwald, Dilaver, Rogulj (alle verletzt)

Ebenfalls am Dienstag:
FC Porto - Atletico Madrid (20.45 Uhr)

  • Kaum geht es um die Champions, können die Austrianer wieder lachen: Manuel Ortlechner und Kollegen beim Abschlusstraining in St. Petersburg.
    foto: apa/fohringer

    Kaum geht es um die Champions, können die Austrianer wieder lachen: Manuel Ortlechner und Kollegen beim Abschlusstraining in St. Petersburg.

  • Der unglaubliche Hulk (links) ist nach Anlaufschwierigkeiten bei Zenit angekommen. Auch der Belgier Axel Witsel zählt zur Standardformation des italienischen Trainers Luciano Spalletti.
    foto: reuters/demianchuk

    Der unglaubliche Hulk (links) ist nach Anlaufschwierigkeiten bei Zenit angekommen. Auch der Belgier Axel Witsel zählt zur Standardformation des italienischen Trainers Luciano Spalletti.

  • Philipp Hosiner über den Brasilianer: "Er spielt, wie er heißt."
    foto: apa/schlager

    Philipp Hosiner über den Brasilianer: "Er spielt, wie er heißt."

  • Alt, aber wunderbar anzusehen: das alte Petrowski-Stadion von Zenit. Seine Lage ist nichts weniger als spektakulär.
    foto: wikimedia commons/alex florstein

    Alt, aber wunderbar anzusehen: das alte Petrowski-Stadion von Zenit. Seine Lage ist nichts weniger als spektakulär.

Share if you care.