Tote Tiere und steirische Eiche

30. September 2013, 17:18
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Beim Steirischen Herbst führten Antonia Baehr und Massimo Furlan in "Abecedarium Bestiarium" und "Gym Club" den Körper in unserer Kultur vor

Graz - Was ist das ausgestorbene Tier in dir? Und was ist mein persönlicher Arnold Schwarzenegger? So große Fragen stellten sich beim Steirischen Herbst, als dort die deutsche Performerin Antonia Baehr ihr Abecedarium Bestiarium in den Dom im Berg brachte und der Italo-Schweizer Massimo Furlan im Volkskundemuseum einen Gym Club antreten ließ.

Furlan - das ist der Mann, der vor fünf Jahren bei den Wiener Festwochen das Wunder von Córdoba im Hanappi-Stadion allein nachspielte - nahm sich in Graz Arnie, die steirische Eiche, vor. Und nicht nur diese, sondern den Mann an sich. Dessen Figur ist nicht immer so schwarzeneggerisch wie häufig ersehnt, also pilgern Hinz und Kunz zuhauf an Orte der Leibesertüchtigung. Ein solcher ist der Gym Club des Massimo Furlan.

Vier Männer, darunter der Künstler selbst, und eine Frau folgen aufopferungsvoll den Kommandos einer zuchtmeisterischen Trainerin (perfekt grausam: die Tänzerin Anne Delahaye). Allesamt Durchschnittstypen: Einer der drei jüngeren Herren ist etwas füllig, die Dame schon reifer, wie auch der 48-jährige Furlan. Zu einer aufpeitschenden, dudelnden Musik, die einem Film von Federico Fellini entnommen sein könnte, geraten die fünf Gymnastiker ins Schwitzen.

Irrsinn der Perfektionierung

Über einige Kostümwechsel werden sie in die 1960er-Jahre zurückversetzt. Zwar erzählt Furlan in dieser Burleske die Geschichte von Schwarzeneggers Aufbruch von Graz hinaus in die Welt (1966), aber das ist nur ein Vorwand. Eigentlich geht es um genau jenen Irrsinn, der heute diverse Castingshows antreibt. Um das, was Mann und Frau sich antun, um stärker, schöner und bedeutender zu erscheinen.

Auf die weibliche Turnerin hat es die Trainerin abgesehen. Sie wird gehetzt, bis ihr die Sinne schwinden. Die Männer schließlich posieren als Karikaturen der Eitelkeit. Einer von ihnen wird Arnold sein und als Zuchtmuskelmonster zurückkehren.

Auch Antonia Baehr geht den Konflikt zwischen der Wirklichkeit des Körpers und seiner Entstellung durch kulturelle Zwänge frontal an - als Frau zwischen den Geschlechtern, die unter ihrem wohlgeschnittenen Herrenanzug das Gegenteil eines Laufsteg- Modellkörpers verbirgt.

Abecedarium Bestiarium ist ein Parcours kurzer Performances, um die Baehr Freunde und Bekannte gebeten hat. Die Angesprochenen sollten sich ein ausgestorbenes beziehungsweise ausgerottetes Tier aussuchen, mit dem sie sich identifizieren konnten, und daraus eine Szene gestalten.

So wird Baehr unter anderem zum Dodo, zum tasmanischen Tiger oder zur Martelli-Katze. Das Stück gerät zur unheimlichen Reise in die Widersprüche der Identitäten und der Darstellung dessen, was als besonders gilt, bis hin zur menschlichen Mentalität der Auslöschung. Damit wird die Tiermetapher politisch aufgeladen. Die außergewöhnliche deutsche Choreografin, die spätestens seit dem vielgelobten Stück Lachen (2008) breitere Aufmerksamkeit genießt, lässt sich ganz auf die teils düsteren Fantasien ihrer Autoren ein. Mit der ihr eigenen, die gesamte Arbeit beherrschenden Perfektion liefert Antonia Baehr abermals ein Meisterstück ab. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 1.10.2013)

  • Mit strengen Kommandos gibt Tänzerin Anne Delahaye in Massimo Furlans "Gym Club" den "drill instructor".
    foto: wolfgang silveri

    Mit strengen Kommandos gibt Tänzerin Anne Delahaye in Massimo Furlans "Gym Club" den "drill instructor".

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