"Sout South West": Wein und Wolle

1. Oktober 2013, 16:33
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Bloggerin Angelika Mandler-Saul besucht Australiens Ecke ganz links unten und trifft in "South South West" kreative Weinbauern und geübte Schäfer

Die sonnig warmen Zeiten in Kalbarri sind nun endgültig vorbei. Auf meiner Fahrt in Richtung Fremantle musste ich bereits feststellen: Hier unten im "South South West" ist der australische Frühling leider noch lange nicht eingekehrt. Bei meiner Zwischenstation in Fremantle (um mich so langsam wieder an Menschenmassen zu gewöhnen) erlitt die Region die stärksten Stürme seit Jahren, in Teilen Perths war der Strom zwei Tage lang ausgefallen und an der Küste im Südwesten laboriert man bis jetzt an entwurzelten Bäumen, Überschwemmungen und nicht befahrbaren Straßen.

Emu-Oil in dichtem Gedränge

In Fremantle wollte ich mal wieder ein wenig Stadtluft und Kultur in Form von Museen schnuppern. Dass ich dabei aber gleich so vielen Menschen begegnen würde, war nicht geplant. Aber Fremantle macht ordentlich Werbung und so schieben sich die Massen, die für einen Tag aus Perth mit Schiff oder Zug anreisen, über den "Cappuccino Strip". Die Straße heißt so, weil die Dichte von Cafés, Breweries und Restaurants hier deutlich höher ist als anderswo. Vom Fremantle Market gar nicht zu sprechen: Souvenirs, Fressalien aus aller Welt  und Sonderbarkeiten wie etwa "Emu-Oil" (ich schätze vergleichbar mit unserem "Murmeltierbalsam") werden hier – in einem unsagbaren Gedränge - verhökert.

Die Welcome Walls vor dem architektonisch ansprechenden Maritime Museum haben mich allerdings beeindruckt: Die Immigranten, die in den 50er Jahren oft monatelang mit dem Schiff nach Australien in Richtung Neues Leben unterwegs waren, haben zumeist hier in Fremantle erstmals einen Fuß auf australischen Boden gesetzt. Nur wenige waren in der Luxusklasse unterwegs, die meisten reisten höchstens Holzklasse – zusammengepfercht an Deck oder in Massenkabinen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Auf den Welcome Walls sind Tausende von Familiennamen und die Schiffe verzeichnet, mit denen die Menschen damals in Fremantle ankamen. Australien will sich so für seinen Aufbau bedanken, heißt es. Übrigens hat mir auch der Campingplatz in Fremantle gut gefallen: Mit supergünstigem WLAN und extrem schön angeordneten Sites für die Vans, der Busstation vor dem Eingang und nagelneuer Campingkitchen mit Kaffeemaschine – ich bin direkt in Camper Dekadenz geschwelgt.

Pompöse Weinkeller mit Extras

Weiter südlich liegt Margeret Riveron. Von hier aus habe ich die Weinregion erkundet.

120 Wineries gibt es hier und sind mächtig stolz darauf, seit 1967 Wein anzubauen. Aber mit dem Wein scheint's nicht genug zu sein. Jeder Winemaker hat noch  mindestens ein weiteres Standbein. Ob es Fudge, Chocolate, Cheese, Olive Oil, Lavender, Nougat oder Destillate sind - jeder will offensichtlich unbedingt noch ein Produkt dazu vermarkten. Das ergibt dann so seltsame Kombinationen wie "Wine and Nougat" oder "Wine and Lavender-Farm" oder gar "Winery and Microbrewery" - eine für mich total unverständliche Kombination aus Weinmachen und Bierbrauen.

Die "Estates" sind fast alle an künstlich angelegten Seen gelegen, die Zufahrten nicht selten höchst pompös und alle locken mit "free tastings". Genannt wird das ganze "Open cellar door from 10-5" und das - auf meine Nachfrage - "the whole year round".

Als Weinviertlerin hat mich die "offene Kellertür" besonders interessiert, aber hier gibt's keine Parallelen mit daheim: Unterirdische Kellersysteme gibt es hier nicht, die "cellar door" ist jeweils nur der Eingang in ein mehr oder weniger architektonisch gelungenes Weingut, das nebenbei auch noch eine Art Gallery oder einen Souvenir-Shop führt. Die Winemaker übertrumpfen einander mit mehr oder weniger sinnigen Namenskreationen wie etwa "Swooping Magpie", "House of Cards", "Xanadu", "Knee Deep Wines".

Die Touristen (viele kommen aus Perth, Melbourne oder Brisbane) werden von zahlreichen Veranstaltern durch die Gegend gekarrt. Vor jedem Estate steht dieselbe eindringlich fragende und fast bedrohliche Tafel an der Einfahrt: "Are you the skipper?", um den Fahrer darauf hinzuweisen, doch bitte nüchtern zu bleiben. Angebaut werden unter anderem Sémillon und Sauvignon Blanc (auch als Verschnitt unter "SSB" oder "SBS" bekannt), Chardonnay und Shiraz sowie "Cab Sav".

Australische Herdentiere und ihre Hirten

Die Gegend hat hier gar nichts mehr zu tun mit der wüstenähnlichen Steppe, aus der ich gerade komme. Hier wechseln grüne Weiden mit Kuh- und Schafherden mit Feldern aus den berühmten gelben "Everlastings", daneben grasen Herden von Känguruhs und Emus. Ja, Herden! Eine weitere Attraktion sind die zahlreichen Nationalparks mit den hochaufragenden Karribäumen, einer Eukalyptus-Art. In Pemberton, einer verschlafenen Kleinstadt, die eher an "Die Waltons" erinnert, kann man sich mit einem vermeintlich alten (was ist hier schon wirklich alt?) Dieselzug durch Karri-Wälder kutschieren lassen oder den beliebten "Gloucester Tree" erklettern. Und an der wilden Küste bei den "Canal Rocks", nahe der australischen Stadt der Liebe "Yallingup", wurde der gerade aktuelle australische Surfer-Film "Drift" gedreht.

Doch der Tourist in Margaret River lebt nicht von "free tastings" allein und deshalb habe ich auch einer aktiven Schafscher-Farm einen Besuch abgestattet. Schon weil ich wissen wollte, wie die hiesigen viel gepriesenen australischen Hirtenhunde ihre Schafherden unter Kontrolle halten.

Der Chef der Ranch krallt sich, nach einer kurzen Einführung über die allgemeinen Vorzüge der Schafzucht in Australien, eines seiner riesigen und noch voll bewollten Schafe aus dem Stall, zerrt es heraus und positioniert es auf die Hinterbeine (den Blick des Schafes dabei muss man gesehen haben ...). Mit der elektrischen Schurmaschine geht es dem Fell dann geübt an den Kragen: In einem einzigen Vorgang wird das Schaf von seinem Pelz befreit und völlig "nackt" wieder entlassen. Großes "Ah" und "Oh" in der beeindruckten Zuschauerrunde.

Die Fell-Teile vom Bauch werden als minderwertig weiterverarbeitet, als Rest bleibt ein einziges großes Fellstück – ungefähr zwei Meter lang.  Wer das Fell in Händen hält, hat das Gefühl, seine Hände eben eingecremt zu haben. Der Grund dafür ist das enthaltene Lanolin.

Und die Hirtenhunde? Die warteten nur auf ein klitzekleines Zeichen vom Ranger und flitzten dann hochengagiert los, um ihres Amtes zu walten. Innerhalb kürzester Zeit haben sie die unmotiviert verträumt herumstehenden Schafe in eine Abzäunung getrieben, wobei die meisten tatsächlich wirklichen Respekt und Angst vor den Hunden zeigen. Als Draufgabe trampelten ihnen ihre Aufseher auch noch auf den (noch) befellten Rücken herum.

Noch zwei Tage in der "ältesten" Stadt Westaustraliens, in Albany (1826), und dann kehre ich dem "South South West", wie die Einwohner hier ihre Ecke ganz links unten in Australien nennen, den Rücken zu. Nächste Station: Adelaide. (Angelika Mandler-Saul, derStandard.at, 01.10.2013)

-> Hier gibt's Bilder zur Reise

  • "Who is the Skipper?" Touristenbusse bringen die Gäste zu den Weinbauern.
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    foto: angelika mandler-saul

    "Who is the Skipper?" Touristenbusse bringen die Gäste zu den Weinbauern.

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