Youtube-Manager Briese: "Wir sind kein Sender"

Interview1. Oktober 2013, 10:05
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Andreas Briese über den strategischen Wechsel in klassischen Medienhäusern, neue Urheberrechts-Tools und politische Werbegelder

Die Sehgewohnheiten der TV-Konsumenten haben sich drastisch verändert. Immer mehr Zuschauer wandern zu Streamingangeboten und Videoplattformen ab. Allen voran hat sich Googles Plattform Youtube als ernstzunehmender Gegner im Kampf um die Zusehergunst und die Werbegelder etabliert. derStandard.at hat im Rahmen der Österreichischen Medientage mit Youtube-Manager Andreas Briese über Inhaltediebstahl, youtube.at und die angekündigte Integration von Google+ als Kommentarsystem gesprochen.

derStandard.at: Sie haben während der Podiumsdiskussion zeitweise sehr gelangweilt gewirkt, als klassische Medienanbieter wie der ORF und der Bayerische Rundfunk ihre Zukunftsstrategien erklärten. Rührt das von der Vormachtstellung Youtubes im digitalen Bewegtbildbereich?

Briese: Ganz im Gegenteil. Wir arbeiten sehr viel mit klassischen Medienhäusern zusammen, und daher interessieren uns natürlich deren Strategien. Was ich spannend finde, ist, dass ein strategischer Wechsel stattgefunden hat. Entgegen den ersten Berührungsängsten haben viele angefangen, Inhalte auf Youtube hochzuladen. Sie haben verstanden, dass es in einer Welt, in der sich die Nutzerschaft fragmentiert, gefragt ist, die Nutzer auf die eigene Plattform zu bringen und die Inhalte dorthin zu bringen, wo die Nutzer sind. Wir haben über die Jahre viele Partnerschaften mit deutschen Sendern geschlossen und sind auch international sehr präsent.

derStandard.at: Im Gegensatz zu ihrer Entspanntheit gegenüber den klassischen Medienanbietern hat sich während vieler Diskussionen gezeigt, dass das Verhältnis vice versa weniger positiv eingeschätzt wird. Markus Breitenecker von Puls 4 bezichtigte Google gar als Inhalte-Dieb und rief zu einer Allianz der klassischen Medien gegen die Übermacht auf.

Briese: Urheberrecht ist ein wesentliches Thema für Youtube. Bei 100 Stunden Videoupload pro Minute macht es keinen Sinn, Leute einzustellen, die Rechte prüfen, sondern wir suchen nach technologischen Lösungen. Wir sind eine Plattform, kein Inhalteanbieter. Insofern ist es nicht unsere Aufgabe, Inhalte vorzuprüfen, sondern den Rechteinhabern Tools zu geben, um ihre Rechte zu managen. Die letzte Entwicklung ist das Rechtemanagementsystem Content-ID, das es erlaubt, Kopien von lizenzierten Inhalten auf Youtube zu erkennen.

derStandard.at: Wie funktioniert das?

Briese: Wir analysieren jedes hochgeladene Video Frame by Frame und ziehen aus jedem Frame einen Fingerabdruck und reihen dann die Fingerabdrücke aneinander, sodass man die DNA vom Video hat. Das gleichen wir mit der Datenbank ab.

derStandard.at: Wie viele Files wurden dort bereits angelegt?

Briese: Derzeit sind es 15 Millionen Files.

derStandard.at: Erkennt das System auch Filme, die verwackelt abgefilmt wurden?

Briese: Wir untersuchen die Frames auch auf Teilähnlichkeit. Der User kann also das Video mit der Handykamera abfilmen, in Schwarz-Weiß drehen und das Bild sogar noch ein bisschen kippen, und das System erkennt das typischerweise. Wenn das passiert, wird ein Nexus zwischen dem hochladenden User und dem Rechteeigentümer hergestellt, und der kann dann bestimmen, was mit dem Video geschieht.

derStandard.at: Was gibt es da für Varianten?

Briese: Erstens: Ich schalte es aus. Zweitens: Ich lasse es laufen und zähle die Klicks mit, ohne sie zu monetarisieren. Drittens: Ich lasse es laufen und schalte Werbung rundherum. Früher war Variante eins die bevorzugte, doch inzwischen hat sich die Einstellung geändert. Viele US-Studios haben festgestellt, dass Fans mit ihren nutzergenerierten Inhalten eigentlich Trailer für die Filme bauen und diese mit ihren Freunden teilen. Solange sie über diesen Prozess Kontrolle haben, erlauben sie es.

derStandard.at: Fällt die Reaktion auch so generös aus, wenn der User damit Werbegeld verdient?

Briese: Typischerweise befindet sich keine Werbung auf nutzergenerierten Videos. Wir monetarisieren nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Der Nutzer muss alle Rechte geklärt haben, wenn er das nicht getan hat, kommt er über den Vertrag in Haftung. Außerdem muss das Video zur Monetarisierung freigeschaltet sein, nur dann verdienen auch wir Geld. Viele nutzergenerierte Inhalte, bei denen der Nexus mit dem eigentümlichen Rechteinhaber nicht stattgefunden hat, sind nicht monetarisiert.

derStandard.at: Youtube hat inzwischen TV-Studios eröffnet, um die Produzenten professionell zu unterstützen. Ist es vorstellbar, auch als Unternehmen in die Filmproduktion einzusteigen, beispielsweise in den boomenden Serienmarkt?

Briese: Leider nein. Aus einem einfachen Grund: Wir sind nur eine technische Plattform. Wir produzieren keine Inhalte, wir lizenzieren keine Inhalte. Wir machen technische Dienstleistungsverträge mit unseren Partnern.

derStandard.at: Nun kann man aber Geschäftsfelder umdefinieren, nichts ist in Stein gemeißelt.

Briese: Das ist in Stein gemeißelt. Weil wir damit keine Plattform mehr wären und sich damit unsere Welt komplett ändern würde. Genauso wenig, wie man auf Google in der aktiven Suche Links kaufen kann, wird Youtube ein Inhalteanbieter werden.

derStandard.at: Vor einem halben Jahr wurde youtube.at gelauncht. Können Sie schon eine Zwischenbilanz ziehen?

Briese: Im Bereich Werbung sind die Buchungsstände für das vierte Quartal sehr gut. Wir haben im Zuge der Wahl im September sechs Youtube-Homepage-Werbungen an politische Parteien verkauft, was zeigt, dass Youtube auch in dieser Werbezielgruppe angekommen ist. Außerdem haben wir mit unserem Deal mit der AKM einen wesentlichen Schritt getan, weil Musiker ab jetzt auch in Österreich mit Youtube Geld verdienen können.

derStandard.at: Man konnte lesen, dass Youtube sein Kommentarsystem mit dem sozialen Netzwerk Google+ verknüpft. Welche Verbesserungen sind geplant?

Briese: Wir sind kein Sender. Von daher ist für uns das Teilen und Bewerten auf Nutzerebene elementar, und Google+ bietet in diesem Bereich als technischer Dienstleister einfach viel mehr Funktionalitäten. Wir haben dazu vor kurzem ein Top-10-Tool vorgestellt, das den Kanalbetreibern erlaubt, die wichtigsten Nutzer herauszufinden und mit ihnen in Verbindung zu treten. Das war mit dem alten System nicht möglich. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 30.9.2013)

Andreas Briese ist bei Youtube als Strategic Partnership Development Manager für die D/A/CH-Region verantwortlich. Er studierte Physik, Mathematik und Business Administration, begann seine Karriere in der Unterhaltungsindustrie und arbeitete bis zu seinem Google-Engagement 2008 in verschiedenen Positionen bei ProSieben, RTL Group und ARD/Telepool.

  • Andreas Briese: "Genauso wenig, wie man auf Google in der aktiven Suche Links kaufen kann, wird Youtube ein Inhalteanbieter werden."
    foto: google

    Andreas Briese: "Genauso wenig, wie man auf Google in der aktiven Suche Links kaufen kann, wird Youtube ein Inhalteanbieter werden."

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