Dieses York wird nimmer new

30. September 2013, 16:41
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Yorkshire wurde gerade zum touristischen Must erklärt. Die historische Hauptstadt der Grafschaft mimt deren Museum

Doktor John Lamplugh Kirk galt seinen Patienten als guter Arzt, doch für viele seiner Zeitgenossen war er einfach nur ein Sonderling. Bat er doch regelmäßig darum, dass man ihn nicht in Geld bezahle, sondern mit alten Sachen. Ob medizinisches Gerät oder alte Waffen, bäuerlicher Hausrat oder Straßenlaternen, Kleidungsstücke oder Fahrzeuge und sogar eichene Haustüren - Doktor Kirk sammelte alles, je älter, desto besser.

1938 gründete er so mit seiner umfangeichen Sammlung ein Museum, das er im alten Frauengefängnis von York einrichtete. Heute ist es als York Castle Museum bekannt und umfasst eine anrührend nostalgische Kollektion, mit der sich hier ganze Straßenzüge, Greißlereien und Bauernstuben ausstatten ließen. Es gehört ohne Zweifel zu den aufregendsten und stimmungsvollsten Museen Englands. Kirkgate etwa ist ein komplett vom Doktor zusammengetragener Straßenzug aus der viktorianischen Zeit. Sogar die Auslagen in den Schaufenstern und sämtliche Regale drinnen stammen aus dieser längst vergangenen Zeit.

Ausgezeichnete Grafschaft

York so erleben, wie es einmal war, wollen wahrscheinlich bald schon ein paar Besucher mehr. Denn die Grafschaft, die ihre frühere Residenzstadt umgibt, hat gerade etwas durchaus Bemerkenswertes geschafft: Yorkshire wurde bei den renommierten World Travel Awards vor wenigen Wochen zu "Europe's Leading Destination" gewählt. Soll heißen: Die Tourismusexperten in der Jury sind sich einig: Gibt es irgendeine Region in Europa, die man unbedingt gesehen haben muss, ist das aktuell Yorkshire. All die Jahre zuvor hatten fast immer Städte diesen Titel abgeräumt, London etwa insgesamt zehnmal.

Dass York heute streng genommen gar nicht mehr zu Yorkshire gehört, weil es eine autonome Verwaltungseinheit ist, muss höchstens Geografen, nicht aber Besucher kümmern. Die Stadt ist nämlich nach wie vor Zentrum für das Museale, das die gesamte Region sanft umhüllt. So reiht sich auch das York Castle Museum letztlich nur als eine Institution unter vielen ein in die lange Liste sehr alter Sehenswürdigkeiten. Und sie alle erzählen von dieser Stadt, dass sie von der Römerzeit bis weit hinein ins Mittelalter die wichtigste Britanniens war.

In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts erwarb sich etwa die Münsterschule von York eine für die damalige Zeit internationale Bedeutung. Das war insbesondere das Verdienst des Leiters dieser Schule, des 735 geborenen Gelehrten Alkuin. Unter ihm galt die Schule als eines der bedeutendsten Zentren abendländischer akademischer Bildung. Und Karl der Große ließ sich von den Berichten über Alkuin offensichtlich derart beeindrucken, dass er rasch Boten nach York sandte, um einige dieser Gelehrten abzuwerben. In Aachen wurde Alkuin schließlich zum engsten Vertrauten Karls des Großen und hatte dadurch großen Einfluss in allen politischen wie in kirchlichen Fragen - aber diese beiden Bereiche waren ja damals ohnehin eins.

Yorks Kathedrale Saint Peter ist die größte gotische Kirche nördlich der Alpen. Unübersehbar ragt sie aus dem Gewimmel der mittelalterlichen Dächer und thront über einem Spinnennetz aus gewundenen Gassen, die teils wohl erhalten blieben, teils nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder liebevoll hergerichtet wurden. Und tatsächlich ist diese Kathedrale so mächtig, dass das Wasser des schmalen Flusses Ouse kläglich daran scheitert, das Spiegelbild von Saint Peter zur Gänze in sich aufzunehmen.

So wie die zahlreichen Fenster der Saint-Chapelle diese Kirche zum "Glashaus von Paris" gemacht haben, so wird auch das gewaltige Schiff der Yorker Kathedrale durch 125 riesi- ge Buntglasfenster mit Tageslicht geradezu geflutet. Die meisten von ihnen entstanden im 14. und 15. Jahrhundert und blieben bis heute erhalten, ungeachtet der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Berühmt sind vor allem die Five Sisters, fünf 16 Meter hohe, zwischen 1305 und 1325 entstandene Spitzbogenfenster aus Grisailleglas, die bereits der englische Schriftsteller Charles Dickens in seinem Roman Nicholas Nickleby ausführlich beschrieben hat.

Als drittes "must" in York gilt es, die alte Stadtmauer entlangzuwandern. Heute dient sie freilich nicht mehr als Stadtbefestigung, sondern als ideale Möglichkeit, sich einen Überblick über den beachtlichen Altstadtkern zu verschaffen. Teilweise ist ihr Verlauf sogar noch identisch mit jener Wehranlage, die einst die Römer - diese frechen Eindringlinge aus dem Süden - um ihre Stadt Eboracom gezogen haben. Beinahe fünf Kilometer lang ist sie, fast vollkommen um die Altstadt erhalten, und sie kann durchgehend begangen werden. Besonders eindrücklich wird dieser Marsch jeden Herbst, wenn zahllose Bäume ihre bunten Zweige aus den Parks über die Brüstung der Mauer ragen lassen. Sechs "Bars", also Stadttore, von denen noch vier im Originalzustand erhalten sind, ermöglichen bis heute den Zugang zum Altstadtkern. Der kurze Abschnitt zwischen Monks Bar und Bootham Bar verspricht die interessantesten Blicke nach unten.

Als die Stadt nach den Zerstörungen, die sie bereits Ende des 11. Jahrhunderts durch die Normannen erlitten hatte, wiederaufgebaut wurde, errichtete man auf dem relativ engen Raum rund 50 Kirchen, mehrere Klöster und Hospitäler. Viele der alten Strukturen sind noch erhalten und von hier oben bestens zu überblicken.

Nur wenige Schritte sind es dann durch eben diese beiden Tore Monks Bar und Bootham Bar, und schon ist man mitten drin in der quirligen Altstadt. In der Shambles etwa, der schmalsten und bekanntesten Straße von York, wo sich passend zu diesem Setting Kunst- und Antiquitätengeschäfte dicht aneinanderreihen. Ein weiteres Kleinod unter diesen Gassen und Straßen ist die Stonegate. Vor allem durch ihre vielen gemütlichen Tea-Rooms vermittelt sie die intimste Atmosphäre in der Altstadt, liegt dabei aber nur einen Steinwurf entfernt von der Ouse mit ihren monumentalen Brücken und der mächtigen Kathedrale.

Erst wenn sich Touristen mit Rucksäcken oder die Bewohner mit ihren Einkaufstaschen durch dieses mittelalterliche Labyrinth bewegen, wird offensichtlich, wie herrlich verschachtelt York überall geblieben ist: An den windschiefen Fassaden der Fachwerkhäuser, deren Obergeschoße meist weit in die Straße hineinragen, bleibt der eine oder andere schon einmal hängen.

Ampeln und Sackgassen

Ampeln werden in York gerne mit Geranien geschmückt, die oft fast bis zum Asphalt herunterhängen und deren Farbtupfer mit den roten und grünen Signallampen konkurrieren. Da wie dort scheint es auch historisch bedingte Sackgassen für die Moderne zu geben: So mancher Durchgang ist hier derart schmal, dass nicht einmal ein Kinderwagen passieren kann. Snickelways nennt man diese alten Verbindungen zwischen den kleinen Märkten und den größeren Straßen. Im Mittelalter wird es hier wohl tatsächlich wenig anders ausgesehen haben. Der einzig denkbare Unterschied: In den engen Snickelways steckten Normannen auf ihren Pferden. (Christoph Wendt, Album, DER STANDARD, 28.9.2013)

  • Die alte Stadtmauer von York ist rund 4,5 Kilometer lang, fast vollständig erhalten und funktioniert an vielen Stellen wie eine Hochschaubahn für tolle Tiefblicke in die Altstadt.
 
    foto: visitbritain / james mccormick

    Die alte Stadtmauer von York ist rund 4,5 Kilometer lang, fast vollständig erhalten und funktioniert an vielen Stellen wie eine Hochschaubahn für tolle Tiefblicke in die Altstadt.

     

  • York verfügt über keinen eigenen Flughafen, die nächstgelegenen sind etwa Leeds oder Manchester. Diese beiden fliegt zum Beispiel British Airways täglich von Wien via London an. Von Leeds kommt man mit dem Bus 757 zum Bahnhof und weiter mit dem Zug nach York. Vom Flughafen Manchester verkehren direkt Züge nach York. Eine Alternative ist es, gleich in London in den Zug zu steigen, er braucht nur rund eine Stunde und 50 Minuten bis nach York. Vor Ort wird der städtische Nahverkehr überwiegend durch Busse gewährleistet - ein Mietwagen ist nicht notwendig oder sogar hinderlich wegen der vielen Fußgängerzonen.

    York verfügt über keinen eigenen Flughafen, die nächstgelegenen sind etwa Leeds oder Manchester. Diese beiden fliegt zum Beispiel British Airways täglich von Wien via London an. Von Leeds kommt man mit dem Bus 757 zum Bahnhof und weiter mit dem Zug nach York. Vom Flughafen Manchester verkehren direkt Züge nach York. Eine Alternative ist es, gleich in London in den Zug zu steigen, er braucht nur rund eine Stunde und 50 Minuten bis nach York. Vor Ort wird der städtische Nahverkehr überwiegend durch Busse gewährleistet - ein Mietwagen ist nicht notwendig oder sogar hinderlich wegen der vielen Fußgängerzonen.

  • Das Middlethorpe Hall and Spa ist ein altes Herrenhaus am Stadtrand im Besitz des National Trust. 1699 erbaut, bietet es heute hohen Komfort, ebensolche Nächtigungspreise und mit nur wenigen Zimmern die schöne Illusion, man sei auch Hausherr der fein manikürten, rund 20 Hektar großen Parkanlage. Info: middlethorpe.com. Eine gute zentrumsnahe Alternative stellen vor allem die rund fünfzig Gästehäuser und Frühstückspensionen dar, die meistens charmanter sind als viele Hotels großer Ketten. Das Gesamtverzeichnis privater Unterkünfte ist auf der Tourismusseite der Stadt zu finden unter visityork.org.

    Das Middlethorpe Hall and Spa ist ein altes Herrenhaus am Stadtrand im Besitz des National Trust. 1699 erbaut, bietet es heute hohen Komfort, ebensolche Nächtigungspreise und mit nur wenigen Zimmern die schöne Illusion, man sei auch Hausherr der fein manikürten, rund 20 Hektar großen Parkanlage. Info: middlethorpe.com. Eine gute zentrumsnahe Alternative stellen vor allem die rund fünfzig Gästehäuser und Frühstückspensionen dar, die meistens charmanter sind als viele Hotels großer Ketten. Das Gesamtverzeichnis privater Unterkünfte ist auf der Tourismusseite der Stadt zu finden unter visityork.org.

  • Ende Oktober und Anfang November erscheint die Stadt in einem völlig anderen Licht: "Illuminating York" ist ein Festival für digitale Kunst, das heuer zum neunten Mal vom 30. Oktober bis zum 2. November die mittelalterliche Kulisse in eine spektakuläre Lichtshow hüllt. Einige der mitwirkenden Künstler haben bereits die Olympischen Spiele in London 2012 mit Projektionen ausgestattet. Dabei werden auch Stadtgeschichte und Geschichten aus der Stadt - etwa jene vom alten Wikinger-Chef Eric Bloodaxe in York - mit Lichteffekten nacherzählt. Gesamtprogramm, Schauplätze und weitere Infos: illuminatingyork.org.

    Ende Oktober und Anfang November erscheint die Stadt in einem völlig anderen Licht: "Illuminating York" ist ein Festival für digitale Kunst, das heuer zum neunten Mal vom 30. Oktober bis zum 2. November die mittelalterliche Kulisse in eine spektakuläre Lichtshow hüllt. Einige der mitwirkenden Künstler haben bereits die Olympischen Spiele in London 2012 mit Projektionen ausgestattet. Dabei werden auch Stadtgeschichte und Geschichten aus der Stadt - etwa jene vom alten Wikinger-Chef Eric Bloodaxe in York - mit Lichteffekten nacherzählt. Gesamtprogramm, Schauplätze und weitere Infos: illuminatingyork.org.

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