Aufmüpfige Buben und ein echtes Mannsbild

30. September 2013, 07:04
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Das 61. Filmfestival von San Sebastían endete am Samstag mit Erfolgen für das lateinamerikanische Kino

"Zinemaldia Donostia", so nennt sich das Filmfestival in San Sebastían auf Baskisch. Auf der Großveranstaltung wird das Regionale hochgehalten und mit dem Globalen lässig verknüpft. Man setzt sehr selbstverständlich auf Zwei-, mit dem international geläufigen Englisch gar auf Dreisprachigkeit. Dass nun am Samstag alle drei Hauptpreise an spanischsprachige Filme gingen, stört deshalb gar nicht - im Gegenteil. Versteht sich das westlich gelegene Festival doch als ein "hub", ein Knotenpunkt zum Kino aus Lateinamerika und den USA.

Mit dem Hauptpreis an einen kleinen Autorenfilm aus Venezuela, Pelo malo (Bad Hair), sowie dem Regiepreis an den Mexikaner Fernando Eimbcke (Club Sandwich) hat die Jury unter US-Regisseur Todd Haynes diese Mission bestätigt. Das ist für das Festival, das gerade im Wettbewerb keine klare Signatur aufweist und zu viele Kompromisse eingeht, ein brauchbares Signal.

Pelo malo, der dritte Spielfilm von Mariana Rondón, ist ein etwas vorhersehbarer Festivalsieger. Er verfügt über Qualitäten, die für diese Art von Weltkino wie eine Marke fungieren: ein kindlicher Held, das strukturschwache Milieu eines Wohnblockes in Caracas, ein etwas gedämpfter Blick auf Unterprivilegierte.

Pelo malo zeichnet jedoch aus, dass er dieses Setting aus dem Inneren heraus entfaltet, indem er Junior (Samuel Lange) ein Begehren zuschreibt, mit dem er nicht nur in seiner Umgebung, sondern auch bei seiner Mutter auf Unverständnis stößt. Der Neunjährige, ein prächtiger Lockenkopf, hätte gern glattes Haar, wie die Sängeridole, denen er nacheifert. Er zupft bei jeder Gelegenheit an seiner Frisur, einmal reibt er sich das Haar gar mit Speiseöl ein.

Rondón zeichnet nicht einfach nur das Porträt eines sensiblen Außenseiters, sondern demonstriert, dass der autoritär-machoide Habitus der Gesellschaft bis in die Intimität einer Mutter-Sohn-Beziehung hineinragt. In einer der drastischeren Szenen des Films gibt sich diese auf der Couch ihrem Boss hin - in Sichtweite des Jungen, damit er ja sieht, wie man Sex richtig praktiziert.

Das latent queere Thema des Films dürfte Haynes, der sich in Arbeiten wie Far From Heaven selbst mit Homosexualität beschäftigt hat, wohl zugesagt haben. Ähnliches lässt sich von Club Sandwich sagen, der sein Coming-of-Age-Sujet freilich in viel engerem Rahmen lakonisch auslegt.

Lakonisch am Pool

Eimbcke, der schon in seinem Debüt Temporada de patos (2004) sein Gefühl für minimalistische Settings bewiesen hat, erzählt vom Urlaub einer Mutter (María Renée Prudencio) und ihres pubertierenden Sohnes in einem Hotel mit Pool in der Nachsaison. Das Verhältnis der beiden ist verspielt und ungezwungen, zärtliche Hinwendungen sind selbstverständlich inkludiert. Dazwischen brutzeln sie in der Sonne, sehen fern.

Schwung kommt in die statischen Einstellungen durch ein Mädchen, das die aufblühenden Triebe des 15-Jährigen mit der Hand abfängt. Das bringt die Komödie in Club Sandwich, der manchmal an Todd Solondz, auch etwas an Ulrich Seidl erinnert, in Gang. Denn die Mutter wetteifert mit der Nebenbuhlerin und setzt alles daran, die Zweisamkeit der Teenager zu sabotieren.

Außer Konkurrenz lief Dallas Buyers Club, der neben Bertrand Taverniers beißender Politsatire Quai d'Orsay (bestes Drehbuch) beachtenswerteste Film des Festivals: dies vor allem aufgrund der eindrucksvollen, Oscar-verdächtigen Performance von Matthew McConaughey, der sich in den letzten zwei Jahren als Darsteller gleichsam neu erfunden hat.

Anfangs erkennt man ihn kaum - ein bis auf die Knochen abgemagertes, vulgäres, homophobes und alkoholkrankes Mannsbild aus dem Rodeo-Umfeld, das mit einer düsteren Diagnose konfrontiert wird. Er habe Aids und nur noch eine Woche zu leben. Es ist das Jahr 1986, als die Krankheit noch primär mit Homosexuellen assoziiert wurde. Für Ron Woodroof, den es wirklich gegeben hat, wird dies zum Beginn eines Kampfes, der zwar über einige Moral verfügt, aber ganz unmoralisch ausgetragen wird. Seine Expertise für Drogenbeschaffung nutzt der so bodenständige Held nunmehr für illegalen Medikamentenimport. Der Kanadier Jean-Marc Vallée hat diese ungewöhnliche Fabel in kräftigen Farben, losen Montagen und mit viel Typenkomik inszeniert. Ein Film, von dem man gewiss noch hören wird. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 30.9.2013)

  • Ein junger Mann, durch seinen Lockenkopf vom Glück getrennt: Junior (Samuel Lange) in Mariana Rondóns prämiertem Spielfilm "Pelo malo". 
    foto: filmfestival san sebastían

    Ein junger Mann, durch seinen Lockenkopf vom Glück getrennt: Junior (Samuel Lange) in Mariana Rondóns prämiertem Spielfilm "Pelo malo". 

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