Der Milli-Görüs-Mann in der SPÖ

28. September 2013, 19:03
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Ein Vorstandsmitglied der islamischen Milli-Görüs-Bewegung Resul Ekrem Gönültas kandidiert für die Sozialdemokraten zum Nationalrat

"Seit 5700 Jahren regieren Juden die Welt. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt", antwortet der mittlerweile verstorbene Begründer der Milli-Görüs-Bewegung Necmettin Erbakan in einem seiner letzten Interviews Ende 2010 der deutschen "Welt". Seine Milli-Görüs-Bewegung, die in den 90ern die türkische Politik maßgeblich bestimmt hatte, ist vor allem in der türkischen Diaspora stark verankert.

Über Moscheevereine, karitative Einrichtungen, Kleinunternehmen und immer mehr Kindergärten und Schulen wie etwa dem Islamischen Realgymnasium in Wien kann die Milli Görüs auch noch in der mittlerweile dritten Generation die türkischen Muslime zu einem nicht unerheblich Teil an sich binden. Erbakan selbst stellte zu seinen Lebzeiten klar, dass seine Bewegung eben nicht nur spirituell und karitativ, sondern auch klar politisch zu sein habe. Nun kandidiert mit Resul Ekrem Gönültas, der Betreiber eines islamisch-konformen Restaurants Tulpe in Wien, ein Vorstandsmitglied der Islamischen Föderation Wien (IFW) für die SPÖ.

Faktor Wirtschaft

Seit 2009 ist Gönültas Vize-Präsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes (SWV) und hält sich zugute, viele türkischstämmige Unternehmer bei den letzten Wirtschaftskammerwahlen ins Boot geholt zu haben. So war auch der aktuelle Sozialminister Hundstorfer bei offiziellen Veranstaltungen der Milli Görüs Organisation „Islamische Föderation Wien“ (IFW) anwesend; zuletzt gar bei der Hochzeit des Bruders von Gönültas. Das islamisch-konforme Restaurant „Tulpe“ ist in der Regel Veranstaltungsort für offizielle Anlässe der IFW.

Auch andere türkeistämmige und muslimische Kandidaten der beiden Großparteien kommen aus den Wirtschaftsverbänden der Parteien. Gönültas eben aus dem Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband, die beiden ÖVP-Nationalratskandidaten Mustafa Iscel und Hasan Vural aus dem VP-Wirtschaftsbund. Insbesondere die Anhänger der beiden wertkonservativen Kandidaten Gönültas und Hasan Vural haben sich in den letzten Wochen in sozialen Netzwerken regelrecht bekriegt.

Religion und Politik

So wurde Gönültas aus dem Lager ÖVP-Vurals vorgeworfen, er habe die Freitagspredigt in einer Moschee dazu missbraucht, eine reine Wahlkampfrede zu halten und die Jugendlichen vor Ort daran erinnert, dass es ihre religiöse Pflicht sei, Gönültas zu wählen. Auf die Frage hin, ob politische Reden während Freitagspredigten in der islamischen Welt legitim seien, antwortete Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Wien: "Nach dem Ableben des Propheten hat sich in der islamischen Welt eine Art Zwangstheologie etabliert, die etwa bei Freitagspredigten Gewaltherrschaft legitimieren sollte. Die Milli Görüs reiht sich da nahtlos ein."

Die heftigen Wortgefechte und Auseinandersetzungen der beiden wertkonservativen Kandidaten von SPÖ und ÖVP haben eine nicht nur rein parteipolitische Ebene. "Erdogan ist ein Kassierer des Zionismus", hatte Erbakan in seinem "Welt"-Interview gesagt. So ist auch das Lager um den ÖVP-Kandidaten Hasan Vural AKP-affin und unterstellte dem Milli Görüs Mann Gönültas fehlende Loyalität zum türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Das ging so weit, dass sich Gönültas kurz vor der Wahl auf seiner Facebook-Fanpage dazu äußern musste und klarstellte, dass er über "unseren Ministerpräsidenten“ nie etwas Schlechtes gesagt habe.

Am Samstagabend findet eine Koranrezitation der Islamischen Föderation in der Wiener Stadthallte statt. Ob  SPÖ-Kandidat Gönültas dort für sich werben wird, ist unbekannt. Gönültas fand keine Zeit auf die Fragen von daStandard zu antworten. (Rusen Timur Aksak, 28.9.2013, daStandard.at)

  • "Zur Mobilisierung seiner Wähler inseriert Gönültas intensiv in türkischsprachigen Medien". In dem Fall: Avusturya Günlügü / Österreich Journal (zweisprachig)
 

    "Zur Mobilisierung seiner Wähler inseriert Gönültas intensiv in türkischsprachigen Medien". In dem Fall: Avusturya Günlügü / Österreich Journal (zweisprachig)

     

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