Eine Wahl mit viel Risiko

Kommentar der anderen27. September 2013, 19:34
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In 68 Jahren als österreichischer Zweitrepublikaner kommt auch einiges zusammen. Und zwar so viel, dass einem am Sonntag in der Wahlzelle ganz bang ums Herz werden wird. Eine Wahl-Nichtempfehlung samt Parteigründungsaufruf.

In meinem Geburtsjahr 1925 lastete der Zusammenbruch der Monarchie immer noch wie ein Fluch auf meiner kaisertreuen Familie, bis 1938 hat mir die miserable Erste Republik die Kindheit versaut, im Anschluss daran wurde meine Jugend vom Dritten Reich straff reglementiert und ich selbst um ein Haar in einen sinnlosen Tod geschickt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Zweite Republik mit bitteren Jahren eines neuen Anfangs.

Während meiner Militärzeit hat mich der Wiener Stadtschulrat auf einen Lehrerposten in Polen versetzt. Nach der Besetzung dieses Gebietes durch die Rote Armee bekam ich kein Gehalt mehr, wurde im Dezember 1944 auf dem Weg zu einem anderen Truppenteil im Stadtschulrat vorstellig und ersuchte um eine Rückversetzung nach Wien. Der Beamte tobte und nannte mein Vorhaben Fahnenflucht kurz vor dem Endsieg! Nach meiner Heimkehr, ein paar Monate später, warf mich derselbe Beamte, nunmehr ein braver sozialistischer Österreicher, als "polnischen Lehrer" wieder hinaus und nannte mich einen Nazi-Rotzbuben. Im Unterrichtsministerium verweigerte mir ein besonders hoher schwarzer Beamter ein Gespräch, weil ich eben 1938 zu wenig politischen Weitblick gezeigt hätte (ich war damals zwölfeinhalb Jahre alt!).

Der Rote war ein charakterloser Wendehals, der Schwarze war ein Trottel. Mit diesem Vorgeschmack auf die Koalitionszukunft hat meine zweite Karriere als Österreicher begonnen. Ich bin heute noch immer einer. Nicht gerade übermäßig stolz darauf, sondern eher meiner unrühmlichen Existenz bewusst.

Absoluter Tiefststand

Sehr bewusst habe ich allerdings 68 Jahre lang die Entwicklung meiner Heimat verfolgt, schon bald mit dem kritischen Sarkasmus eines Kabarettisten, und ich weiß, dass dieses Land während der letzten 15 Jahre politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell und moralisch einen absoluten Tiefstand erreicht hat. Ich wurde immer wieder in solchen Momenten um Wahlempfehlungen gefragt, wobei man pointierte Bosheiten erwartete. Heute ist mir bereits jede Scherzhaftigkeit vergangen, und ich weiß selbst nicht, wie ich mich bei den Wahlen verhalten soll.

Mit jeder abgegebenen Stimme riskiert man, irgendeinem Lügner oder Betrüger zu einer kriminellen Karriere zu verhelfen, sodass ich nur mehr Wahl-Nichtempfehlungen abgeben kann.

Beginnen wir mit Frank Stronach: sinnlos vergeudete Zeit. Die Laune eines unabhängigen alten Herrn, der Unterhaltung sucht, von praktischer Politik nicht viel Ahnung hat, und von der europäischen auch nicht. Dass er sich seine Unterstützer - noch dazu um teures Geld - vorwiegend aus jenen Parteigruppierungen holte, die selbst mehr als fragwürdig sind, hat das Vorhaben von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Die Gesichter der Kommunisten, die andeuten wollen, tatsächlich Partei zu sein, erinnern eher an Gestalten aus Gorkis Nachtasyl als an linientreue Bolschewiken, die mit stolzgeschwellter Brust noch Maiaufmärsche auf dem Roten Platz beklatscht hatten.

Die Neos sind diesmal noch ohne jede Bedeutung. Die Sache mit dem Haselsteiner könnte sehr förderlich werden, man wird aber auf jeden Fall noch ein paar Jahre warten müssen.

Wenn die Piraten den Johnny Depp als Vorsitzenden gewinnen könnten, hätten sie bestimmt große Aussichten, denn bei einer Bevölkerung, die jedem bescheuerten "Star" von irgendwo etwas zujubelt, ist alles möglich.

Die erste wirkliche Partei, die Grünen, naive, gutgläubige und blauäugige Illusionisten, unter denen auch schon manches giftige Schwammerl herangewachsen ist. Ohne Durchsetzungsvermögen und ohne jede praktische Erfahrung. Jüngstes Beispiel: die Mariahilfer Straße, wo eine grüne Maria gewütet hat wie im alten Griechenland die Pandora.

Ja, damit bin ich nun bei Blau und Orange oder wie immer die jeweilig umgefärbten Splittergruppen geheißen haben, damit die braune Grundfarbe nicht durchschimmern sollte. Samt und sonders sind sie Geschöpfe des Gottseibeiuns Haider, der nicht nur Kärnten ruiniert, sondern ganz Österreich beschädigt hat. Um zu erahnen, was uns diese Parteien bescheren würden, muss man sich als Wähler rückblickend nur die blauen Erfolgsgiganten der unseligen letzten Schüsselregierungen ansehen.

Damit bin ich zwar noch nicht auf den Hund gekommen, aber immerhin schon auf die Schwarzen, unter dem Namen ÖVP seit langem eine staatstragende Großpartei, über die man heute angesichts der bevorstehenden Wahlen natürlich reden muss, wobwei ein paar Worte genügen dürften.

"Am Anfang war das Wort. Und es war eine Lüge. Dann kam die Tat. Und die bestand aus einem Verrat." Die schwarz-blaue Regierung Schüssel hat mit einer Lüge begonnen, was mehrfach dokumentiert ist. Der Verrat war die Folgeerscheinung, denn ein Bundeskanzler, der diese Mannschaft für regierungsfähig erklärt und die Bevölkerung damit einem bedenklichen Haufen (was für eine vornehme Bezeichnung!) aussetzt, ist ein Verräter.

Sturschädel und Steirerhut

Wer hier nicht mit einem Steirerhut auf dem Sturschädel, einem Trachtenjopperl über der vaterländischen Hendlbrust und einem frommen Lied auf den Lippen zu Fuß nach Mariazell rennen kann, sollte Seele und Geist rechtzeitig in Sicherheit bringen. Was ist wohl von einer Partei zu erwarten, die ihrem langjährigen Koalitionspartner wünscht, er möge bald auf dem Schindanger der Geschichte landen?

Aus berufsbedingten Gründen (ORF, Studio NÖ) war die ÖVP die einzige Partei, mit der ich regelmäßig in Berührung kam - aber stets mit Vorbehalt und ohne jede Zugehörigkeit. Aussprüche wie den obigen konnte ich dort täglich hören. Ich muss an dieser Stelle leider sagen: "Mehr fällt mir zur ÖVP nicht mehr ein."

Die Letzten sind für mich die Problematischsten: die Roten, die schon in meiner Kindheit in den Augen meiner Familie als "Sozi" zum Abschaum der menschlichen Gesellschaft gehörten: Randalierer, Plünderer und Leugner gesetzgebender Ordnung. Noch dazu galten sie als gottlos. In der Praxis hat sich aber auch für mich gezeigt, dass die bösen Roten die Einzigen waren, die etwas für das Land getan hatten.

Aber heute ist die SPÖ keine Arbeiterpartei mehr. In ihr tummeln sich saturierte Nadelstreif-Spekulanten, die in Korruption und üble Machinationen verstrickt sind wie alle anderen auch. Die Betriebe, Konzerne und Banken ruiniert haben, die sittenwidrige Abfertigungen und Vergünstigungen kassieren. Und die nach ihrem Abgang lukrative Jobs in Organisationen annehmen, die sie während ihrer aktiven Zeit verteufelt haben.

Ich will Ihnen hier nicht zureden, die Wahl zu ignorieren. Tun Sie das trotzdem, müssen Sie auf einem anderen Feld für unsere Heimat aktiv werden: Gründen Sie eine neue Partei. Eine liberale. In der es keinen Nationalismus gibt, keine religiöse Ausrichtung, keine gesellschaftlichen Vorurteile, keine Idioten mit überholten Parolen aus irgendeiner Vergangenheit, umgeben Sie sich nur mit ehrlichen und anständigen Menschen.

Das wird vermutlich der Punkt sein, an dem Sie scheitern werden. Wenn nämlich die Anzahl der neuen Mitglieder von zehn auf zwölf steigt, werden vermutlich schon zwei Falotten dabei sein. Mein letzter Tipp: Verhindern Sie wenigstens, dass gerade diese beiden Minister werden. (Sepp Tatzel, DER STANDARD, 28.9.2013)

Zur Person

Sepp Tatzel (88) ist promovierter Germanist, ausgebildeter Lehrer und lebt als Bühnenautor, Schriftsteller, Produzent und Regisseur in Wien.

  • Sepp Tatzel: Mir sind die Scherze vergangen.
    foto: haika

    Sepp Tatzel: Mir sind die Scherze vergangen.

  • Ö wie Österreich, das plakatierte die - Ö - VP im Jahr 1945 bei der ersten Wahl nach dem Krieg.
    foto: plakatsammlung der wienbibliothek

    Ö wie Österreich, das plakatierte die - Ö - VP im Jahr 1945 bei der ersten Wahl nach dem Krieg.

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