Regierungsspitzen schwänzen Wahldebatte

Analyse29. September 2013, 20:22
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SPÖ und ÖVP zierten sich vor der ORF-Debatte nach der Wahl am Sonntag - Offenbar auch aus Grant über Fernsehzeit für die Opposition in den Konfrontationen - Statt Spitzenkandidaten Cap und Kopf im Studio

Wien - Ein Schritt weiter muss kein Fortschritt sein. In Deutschland fragten vier Moderatoren auf vier Sendern nur zwei Spitzenkandidaten an einem Abend. Der ORF konfrontierte jeden Spitzenkandidaten, jede Spitzenkandidatin mit allen Mitbewerbern.

"Deutschland ist da schon einen Schritt weiter", setzte Interviewer Sebastian Loudon dem TV-Topmanager und Sozialdemokraten Gerhard Zeiler gerade bei den Wiener Medientagen vor. Zeiler: "Warum glauben Sie, dass das ein Schritt weiter ist? Warum ist das nicht ein Schritt zurück?" Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen, seien doch "fantastisch".

Die Sympathie des RTL-Langzeitchefs Zeiler für Werner Faymanns SPÖ dürfte begrenzt sein. Sie verhinderte 2011 Zeilers Rückkehr an die ORF-Spitze. Zeiler wünschte sich bei den Medientagen Politiker mit Meinung und Substanz, die nicht nur auf Medien und Umfragen schielen.

Die Parteisekretariate von SPÖ und ÖVP sehen Deutschland offenkundig einen Schritt weiter: Donnerstag verkündete das dem Kanzler eng verbundene Österreich "Bald keine TV-Duelle mehr" - SPÖ und ÖVP seien einig, sie nähmen nur an einer Elefantenrunde und einem "Kanzlerduell" teil, debattierten aber nicht mehr mit allen Oppositionschefs. Freitag bestritt der Kurier mit derselben Botschaft samt O-Tönen aus Parteisekretariaten und Spin-Ambulatorien eine Doppelseite.

Frage der Perspektive

Die Opposition, da waren die Parteimanager Hannes Rauch und Norbert Darabos einig, wären im ORF "überproportional" vertreten gewesen. Menschen mit Einblick in Faymanns Partei sehen Darabos als Nachfolger von Josef Cap als SPÖ-Klubchef - und damit wohl Mediensprecher. Cap versichert, er kandidiere wieder für den Job.

Nun sind auch Proportionen eine Frage der Perspektive: Würde der ORF bisherige Regierungsparteien bei Wahldebatten bevorzugen oder nach ihren Wünschen programmieren, hörte er rasch Vorwürfe, er sei Regierungsfunk.

Den Eindruck erweckt ohnehin ein Modell für die ORF-Aufsichtsgremien, das in diesen Wochen an der fließenden Grenze von Politik und Gebührenfunk kursiert. Fünf plus fünf plus fünf lautet die da gehandelte Formel für einen neuen Stiftungs- oder Aufsichtsrat: Fünf Rote, fünf Schwarze, entsandt von der Regierung und/oder der Mehrheit im Hauptausschuss des Nationalrats. Und fünf Betriebsräte, die nicht mehr gleichberechtigt ORF-Generäle mitbestimmen sollen.

Die passende Formel für eine ORF-Führung lieferte ÖVP-Klubchef Karlheinz Kopf im STANDARD-Interview: Zweiervorstand statt Alleingeschäftsführer - der schließlich vor allem auf Wunsch der SPÖ Alexander Wrabetz heißt. Als gleichberechtigten Vorstand dürfte sich die ÖVP Finanzdirektor Richard Grasl wünschen. Auch über "Kurier"-Herausgeber Helmut Brandstätter statt Wrabetz wurde zuletzt wieder heftig spekuliert. Der verneinte erst im Sommer auf Anfrage bis 2019 Ambitionen auf einen ORF-Führungsjob.

ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner dürfte sich mit ihrer Konsequenz, nur Spitzenkandidaten in Konfrontationen und Elefantenrunde zu lassen, bei SPÖ und ÖVP unbeliebt gemacht haben.

Spitzentanz um Wahldebatte

Das zeigen sie mit ihrer Planung für den Wahlsonntag: Im Gegensatz zu den Wahlabenden 2008, 2006 und davor will die SPÖ Klubchef Cap und nicht Spitzenkandidat Faymann an den runden Tisch schicken - der will sich auf Statements in der ZiB nach dem vorläufigen Wahlergebnis beschränken. Die ÖVP wollte sich Freitag zum Runden Tisch nicht festlegen, verwies aber auf viele Sender-Anfragen.

Cap und Kopf

Am Sonntagabend waren für die Debatte tatsächlich Cap sowie Klubchef Karlheinz Kopf im Studio. Die übrigen Parteien (ohne BZÖ) waren durch ihre Spitzenkandidaten vertreten: Heinz-Christian Strache (FPÖ), Eva Glawischnig (Grüne), Frank Stronach (Team Stronach) und Matthias Strolz (Neos).

Noch ohne den quotenstarken Wahlsonntag lag der ORF - Stand Freitag - trotz Wahldebatten mit 34,4 Prozent Quote knapp unter den 34,8 Prozent Marktanteil im September 2012, >>> mehr zu ORF-Quoten. (Harald Fidler, DER STANDARD, 28./29.9.2013)

  • Faymann (li.), Spindelegger (Mitte) und Strache (re.) bei ihren "ZiB"-Statements. In die Debatte mit den Spitzenkandidaten dürften SPÖ und ÖVP Cap und Kopf schicken.
    foto: derstandard.at/fid

    Faymann (li.), Spindelegger (Mitte) und Strache (re.) bei ihren "ZiB"-Statements. In die Debatte mit den Spitzenkandidaten dürften SPÖ und ÖVP Cap und Kopf schicken.

  • Keine Debatte über die Debatte - die Spitzenkandidaten der Parteien am "Runden Tisch" des ORF 2008 am Wahlabend (von links): Jörg Haider, Wilhelm Molterer, Ingrid Thurnher, Werner Faymann, Heinz- Christian Strache, Alexander Van der Bellen.
    apa-foto: barbara gindl

    Keine Debatte über die Debatte - die Spitzenkandidaten der Parteien am "Runden Tisch" des ORF 2008 am Wahlabend (von links): Jörg Haider, Wilhelm Molterer, Ingrid Thurnher, Werner Faymann, Heinz- Christian Strache, Alexander Van der Bellen.

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