Verschwiegene Uferbewohner, elende Städteplaner

26. September 2013, 18:23
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Ernst Moldens Singspiel "Hafen Wien" wurde im Rabenhof uraufgeführt

Wien - Der Tod macht alle Menschen gleich - diesem Sprichwort sollte man besser nicht trauen. Denn unter den Toten, die der kühle Erdengrund birgt, sind immer auch einige, die zum Weiterleben verdammt sind. Sie erheben ihre muffigen Körper aus den Särgen und staksen steif über die in Finsternis getauchten Wiesen.

Im Singspiel Hafen Wien des Wiener Dialektpoeten Ernst Molden geht das auch ganz ohne Vampire. Das Nachfolgestück zu Häuserl am Oasch (2010) lässt Altwiener Mythen wie jenen vom Donauweibchen mit dem Eifer moderner Stadtplanung kollidieren. Sprich: Das Donauweibchen, dem nach den Seelen von Ertrunkenen dürstet, hält nichts von der Gentrifizierung des Uferbezirks. Uraufführung des morbiden Musiktheaters war am Mittwoch im Rabenhof-Theater.

Hier ist hinter einem Gazevorhang ein ruhender Totenacker wider Erwarten noch in Betrieb. Davon weiß der Ingenieur vom Stadtbauamt (Gerald Votava) trotz seines leuchtenden Tablets aber noch nichts. Auf dem künftigen "Entwicklungsgebiet" schlichtet Vitus Pribil (Heribert Sasse) die Särge hin und her und klaubt die Brösel seines Jausensemmerls genüsslich von den Wasserleichen.

Das Aufeinanderprallen von alter und neuer Welt wird nicht gut ausgehen. Doch wie die Mythenwelt und ihre Protagonisten die hochfahrenden städtebaulichen Konzepte mit Haut und Haar verschlingen, das ist in der Regie von Rabenhofchef Thomas Gratzer schön anzuschauen. Insbesondere dank märchenhafter Scherenschnitt-Kulissen von Gudrun Kampl, die mit krakeligen Schlingpflanzen und gruseligem Knusperhäuschen Todesromantik und Suspense erzeugen.

Das alles ähnelt der Rabenhof-Produktion Häuserl am Oasch, die in ähnlicher Manier und Besetzung vor drei Jahren einem naturmythisch durchdrungenen Wienerwald-Wirtshaus die Ehre erwies. Moldens Musik, die zwischen Western-Gitarre und rockigem Wienerlied changiert, lässt die Protagonisten dieses Totentanzes einigermaßen zappeln.

Darunter geben Michou Friesz und Markus Kofler ein veritables Tim-Burton-Paar ab, das in seinen Gesten den Stummfilm-Expressionismus hochleben lässt. Die Zipfel und Ecken ihrer historischen Kostümierung (Zylinder, Gehstock, Kombinege etc.) wirken zudem besonders gut im Schattenriss.

Zugkraft beweist in Hafen Wien aber vor allem Eva Maria Marold als eine mit allen Wassern gewaschene Würstelstandbesitzerin. Ihre eiskalten Ansagen quittiert sie jeweils mit dem Herunterdonnern ihrer Rollläden. Zwischen Kaiserebersdorf und Freudenau ist sie die Herrin und hütet noch so manches Geheimnis, das hier nicht verraten wird. Ein grober, netter Abend.      (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 27.9.2013)

Bis 27. 11.

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  • Michou Friesz und Markus Kofler in "Hafen Wien".
    foto: pertramer/rabenhof

    Michou Friesz und Markus Kofler in "Hafen Wien".

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