"Frühbarock ist meine Leib-und-Magen-Speise"

Daniel Ender
26. September 2013, 18:11
  • "Es ist so, als ob ich einen Schalter umlege, bevor ich auf die Bühne trete." Anna Prohaska über ihre Erfahrungen auf der Opernbühne.
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    foto: apa/pfarrhofer

    "Es ist so, als ob ich einen Schalter umlege, bevor ich auf die Bühne trete." Anna Prohaska über ihre Erfahrungen auf der Opernbühne.

Sopranistin Anna Prohaska, zu Gast mit einem Alte-Musik-Programm zu Beginn des Jubiläumszyklus der neuen Säle im Musikverein, über Method-Acting und Freiheit

Wien - Den Christbaum im Hotelfoyer mitten im September findet Anna Prohaska schon auch "ein bisschen seltsam". Der Termin mit dem Standard findet am Rande einer Programmpräsentation von "Christmas in Vienna" (Wiener Konzerthaus, 21. Dezember) statt, nachdem die Fernsehkameras und Medienmenschenscharen wieder abgezogen sind.

Die Sängerin absolviert gelassen Termin nach Termin und platzt gleich mit ihrer jüngsten Erfahrung heraus, die ihr spürbar Freude gemacht hat. Soeben ist im Theater an der Wien eine Serie mit Igor Strawinskys Teufelspakt-Oper The Rake's Progress zu Ende gegangen. Und in deren Rahmen hat Prohaska auch bei einem Schulprojekt mitgemacht: "Das war ein ganz schönes Erlebnis, weil die Jugendlichen total offen und gar nicht so übercool waren, wie man es erwarten könnte. Die haben interessiert zugehört und viele Fragen gestellt. Ganz toll."

Offenheit strahlt die Sopranistin mit österreichisch-irisch-englischem Hintergrund, die in Berlin studiert hat und dort auch Ensemblemitglied der Lindenoper ist, ihrerseits nicht nur als Person aus. Auch hinsichtlich ihres Repertoires hat sie Durchlässigkeit zum Prinzip gemacht, singt viel alte Musik, viel Moderne und auch ziemlich viel dazwischen.

Dem erklärten Heavy-Metal-Fan fällt in der Klassik nur ein Bereich ein, der ihm weniger liegt: "Ich bin kein großer Fan der Belcanto-Oper. Das ist etwas, was ich nicht so gut kann, da ich die Musik nicht so liebe. Es gibt viele, die das ganz toll machen, aber für mich ist Händel mein Belcanto. Der ölt die Stimme genauso wie Rossini, Bellini oder Donizetti."

Zweierlei Wurzeln

Im 19. Jahrhundert, sagt die Sängerin mit einem träumerischen Gesichtsausdruck, interessiere sie dann erst wieder Verdi: "Die Gilda (aus "Rigoletto", Anm.) würde ich etwa sehr gerne machen, aber die großen dramatischen Verdi-Partien werde ich möglicherweise überhaupt nie singen. Aber schauen wir einmal, was in 15 Jahren ist."

Eine andere Vorliebe verrät Prohaska, was zeitgenössische Musik betrifft: "Ich singe bei den modernen Komponisten besonders gerne Werke von denjenigen, die noch deutlich in der Tradition verwurzelt sind, wie zum Beispiel Toshio Hosokawa, der aus japanischer Volksmusik schöpft, oder Jörg Widmann." In der Münchner Uraufführung von dessen Oper Babylon hat Prohaska unlängst eine Hauptrolle verkörpert.

Ihre eigenen Wurzeln haben die Künstlerin fast zwangsläufig auf die Bühne geführt und begründen wohl auch ihre Lust an extrovertierter Gestik: "Wir sind eine Theaterfamilie und alle sehr temperamentvoll. Ich bin vielleicht nur halb so temperamentvoll wie meine Eltern. Das sind zwei echte Bomben. Wir kommen aus Manchester, wo es viele irische Einwanderer gibt. Das hat Nordengland sehr beeinflusst. Da ist man lauter und freier als im Süden."

Wenn sie auf der Bühne steht, versucht die Sängerin die Kontrolle über ihre Emotionen zu behalten: "Ich bin kein Method-Actor, der vor dem Auftritt die Bühnenarbeiter nicht mehr grüßen kann und ein abgedunkeltes Maskenzimmer braucht. Es ist eher so, dass ich einen Schalter umlege, bevor ich auf die Bühne trete." Dennoch nimmt sie Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben mit auf die Bühne: "Man schöpft beim Theaterspielen schon sehr aus den persönlichen Erfahrungen, oder man stellt sich vor, wie man sich in einer bestimmten Situation selbst verhalten würde".

Viel Eigenverantwortung

Ziemlich persönlich ist auch jenes Programm, das sie nun im Musikverein präsentiert: "Das ist das erste Konzert, das ich selber organisiert habe, wo ich fast ganz alleine das Programm zusammengestellt habe, die Musiker zusammengesucht und auch die Noten organisiert habe. Da bin ich fast stolz darauf, und ich hoffe, dass alles klappt. Das kostet Zeit, bedeutet aber viel Eigenverantwortung."

Sie singt an diesem Abend "jene Musik, die ich am meisten liebe. Frühbarock ist meine Leib-und-Magen-Speise: Monteverdi, den wir hier zwar nicht aufführen, Cavalli, Barbara Strozzi, Purcell oder Merula. Das ist auch die Musik, die ich selbst am liebsten höre. Mit ihr fühle ich mich besonders verbunden, und ich mag es sehr, dass man sich hier auch viele Freiheiten nehmen kann. Eigentlich sollte man das bei Mozart, Schubert oder Weber genauso tun."   (Daniel Ender, DER STANDARD, 27.9.2013)

Musikverein Wien, Gläserner Saal, 29. 9., 20.00; Karten: 01/505 81 90

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1 Posting

Eine Sopranistin, die auf mächtiges Vibrato und Lautstärke verzichtet, um dafür umso mehr Finesse und Musikalität zu versprühen, obendrein sehr umgänglich und sympathisch, was man so hört, worin sie sich ebenfalls von vielen Kolleginnen unterscheidet.

Zuletzt schon wunderbar in "The Rake's Progress". Ich freu mich jedenfalls auf Sonntag!

Dass sie neben Barockn und zeitgenössischer Musik auch andere Sparten bezaubernd handhabt, beweist sie hier:
https://www.youtube.com/watch?v=Cqfp06MLbeM

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