Mit der FPÖ beim Heurigen: "Meine ganze Familie, wir sind alle blau"

26. September 2013, 18:09
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Im Wiener Heurigenbezirk Döbling bekommt FP-Politikerin Dagmar Belakowitsch-Jenewein allerhand zu hören

Wien - " Heast, wos kriegen S' denn dafür gezahlt, dass Sie da so umadumrennen?" Der Herr auf dem Heurigenbankerl in Neustift am Walde ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Die Pappalatur läuft schon am frühen Nachmittag wie geschmiert, auch wenn weit und breit kein Kernöl zu sehen ist. Allgemein ist überhaupt "olles oasch", speziell aber die Politik. "Jeder verspricht etwas vor der Wahl. Und keiner kann's halten."

Dagmar Belakowitsch-Jenewein hört geduldig zu, während ihr kleines Wahlkampfteam Kugelschreiber, Feuerzeuge, Broschüren und Anhänger austeilt. Die Ausweglosigkeit des Gesprächs wird immer offensichtlicher, der Mann outet sich als überzeugter Nichtwähler. Dafür erhält die Gesundheitssprecherin des FP-Parlamentsklubs Zustimmung von einer Dame am Tisch. "Der H.-C. ist mein Freund, den liebe ich über alles. Meine ganze Familie, mein Sohn, seine Schwiegereltern, wir sind alle blau. Nur weil ich im Gemeindebau lebe, muss ich ja nicht Rot wählen. Kann ich noch ein Feuerzeug haben?"

Keine FP-Kernzone

Am Nebentisch wird das FP-Werbematerial von zwei adretten älteren Damen bei der Nachmittagsjause hingegen freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. "Geben S' dieses FPÖ-Zeugs jemandem, der sich auch dafür interessiert." Die Abfuhr nimmt Belakowitsch-Jenewein, die Nummer zwei der FP-Landesliste hinter Strache und bundesweit die Nummer vier, bei dieser Wahlkampftour durch Wien-Döbling ohne Widerrede hin. "Der 19. Bezirk ist nicht unsere Kernzone", sagt die studierte Ärztin über den Stadtteil, dem seit 1978 Adolf Tiller (VP) vorsteht.

"Immerhin werde ich nicht angespuckt", sagt Belakowitsch-Jenewein, während sie zum nächsten Geschäft weitereilt. Das sei bei Wahlkampfveranstaltungen in vergangenen Jahren schon einmal vorgekommen. Einige Geschäftsinhaber und Wirte hätten sie mit den Worten "Schleichts euch" aus ihren Räumlichkeiten gejagt. "Aber das ist schon okay. Glücklicherweise leben wir in einer Demokratie."

Diesmal sei die Stimmung gegenüber der FPÖ bei Wahlkampfterminen "so positiv wie schon lange nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass die Hasshaltung wegfällt", sagt sie. "Zuletzt war das 1999 der Fall." Damals bekam die Partei bei der Nationalratswahl 26,91 Prozent der Stimmen. Belakowitsch-Jenewein wirkt müde, die Gespräche fallen kurz aus, nicht jeder Gast beim Heurigen wird penibel begrüßt. "Es wird zach", sagt sie. Die fast täglichen Termine auf der Straße zehren an der Substanz. "Eine kürzere Wahlkampfzeit wäre besser - für Politiker und Wähler."

Ein Mann kontrolliert auf einem Prospekt das Konterfei von Berlakowitsch-Jenewein. "Kommt hin, ungefähr", sagt er. "Es hat auch seine Vorteile, anonym zu sein", sagt die Politikerin. "In der Früh in der U-Bahn zum Beispiel." Der Besuch in der Apotheke fällt aus, die hat schon zu. "Die Apothekerin", sagt Belakowitsch-Jenewein, "hab ich zuvor beim Heurigen gesehen". (David Krutzler, DER STANDARD, 27.9.2013)

  • Belakowitsch-Jenewein (rechts) gibt sich launische Diskussionen am Heurigentisch.
    foto: der standard/christian fischer

    Belakowitsch-Jenewein (rechts) gibt sich launische Diskussionen am Heurigentisch.

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