Microsoft Österreich: "Daten nur nach richterlicher Anordnung"

Interview30. September 2013, 09:37
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Die Veränderungen bei Microsoft wie der Abgang von CEO Steve Ballmer lagen in der Luft, sagt Georg Obermeier, der Chef von Microsoft Österreich

Die Veränderungen bei Microsoft wie der Abgang von CEO Steve Ballmer lagen in der Luft, sagt Georg Obermeier, der Chef von Microsoft Österreich, im Gespräch mit derStandard.at. Warum die Handysparte von Nokia zum größten US-Softwarekonzern passt, was das im Oktober erscheinende Update des Betriebssystems Windows 8.1 bringt und wie die Position von Microsoft zum NSA-Überwachungsskandal ist, erklärt er Markus Sulzbacher.

derStandard.at: Der Kauf von Nokia und der Abgang von Konzernchef Steve Ballmer haben die Welt von Microsoft gründlich auf den Kopf gestellt. Wie ist das, wenn der langjährige Chef plötzlich von Bord geht?

Obermeier: Dass es Veränderungen geben wird, lag in der Luft, und viele Mitarbeiter hatten den Schritt auch erwartet. Mich hat die Nachricht im Urlaub ereilt. Es war seine Entscheidung, und die habe ich zur Kenntnis genommen.

derStandard.at: Schweren Herzens zur Kenntnis genommen?

Obermeier: Ich habe ihn als einen sehr energetischen und interessanten Menschen kennengelernt, mit einer Menge Humor. Er hat in den letzten Jahren eine tolle Leistung gebracht, und dafür habe ihn bewundert. Es mag die eine oder andere Entscheidung nicht getroffen worden sein, wie man sie vielleicht treffen hätte sollen, aber in Summe ist Microsoft in den letzten zehn Jahren sehr gewachsen. Wir sind weltweit 90.000 Mitarbeiter, und der Umsatz hat sich in den letzten acht Jahren verdreifacht.

derStandard.at: Stichwort Wachstum: Wie passt die Handysparte von Nokia zu Microsoft?

Obermeier: Die Übernahme unterstreicht unsere Strategie "Services und Devices", also Dienstleistungen und Geräte, und zeigt, dass wir es richtig ernst nehmen. Nokia ist eine am Weltmarkt renommierte Marke, und wir sehen eine Menge Potenzial im Smartphone-Markt.

derStandard.at: Im Vergleich zu Android- und Apple-Geräten verkaufen sich Windows Phones schwach. Der weltweite Marktanteil liegt bei etwas über drei Prozent. Warum sollte sich das nun ändern, zumal Nokia bereits auf das System setzte und damit offensichtlich scheiterte?

Obermeier: Windows Phone ist die derzeit am stärksten wachsende Plattform.

derStandard.at: Wenn ein Bäcker heute zehn und morgen 20 Semmeln verkauft, hat er auch ein starkes Wachstum.

Obermeier: Es werden schon ein paar Millionen Stück verkauft. Der Marktanteil liegt in Europa bei über acht Prozent, das ist nicht schlecht. Auch ist der Markt in Veränderung, wo sich vieles rasch ändern kann.

derStandard.at: Warum sollte er sich ändern? Vielen Menschen ist das Betriebssystem egal. Ein Smartphone muss für sie einfach zu bedienen und billig sein.

Obermeier: Unsere Stärke ist die Einbindung der Smartphones in Unternehmen. Da haben wir auch schon zahlreiche Firmen als Kunden gewinnen können. Im Consumerbereich haben wir sicher noch Raum nach oben, keine Frage.

Aber selbst Kritiker bescheinigen, dass Windows Phone ein gutes Handybetriebssystem ist. Es ist supermodern, superflüssig in der Bedienung, und ich finde es auch optisch sehr gelungen. Und manche schauen sich heute schon etwas von uns ab. Das muss man auch sagen.

derStandard.at: Oft wird das maue App-Angebot kritisiert. Sind Sie damit zufrieden?

Obermeier: Mittlerweile gibt es kaum etwas, was ich vermisse.

derStandard.at: Was passiert mit den Mitarbeitern von Nokia Österreich? Werden alle von Microsoft übernommen?

Obermeier: Dazu kann ich erst etwas sagen, wenn die zuständigen Behörden die Übernahme genehmigt haben.

derStandard.at: Im Oktober bringt Microsoft das Betriebssystem Windows 8.1 an den Start. Ein Update, das von zahlreichen Kunden gefordert wurde, da sie mit Windows 8 unzufrieden sind. Was ist das Besondere an Windows 8.1?

Obermeier: Der Startbutton. (lacht) Microsoft hat der Kritik der User Rechnung getragen. In Sachen Bedienbarkeit wurde einiges verändert, und man kann nun direkt in den klassischen Desktop-Modus mit Startbutton starten.

Aber ich bin der Überzeugung, dass sich Touchoberflächen über kurz oder lang durchsetzen werden. Wer das Arbeiten mit einer solchen Oberfläche gewöhnt ist, will es bei allen Geräten haben.

derStandard.at: Das hängt vom Preis der Geräte ab. Derzeit zählen Touch-fähige Windows-Tablets und -Laptops meist zur oberen Preisklasse.

Obermeier: Aber wir sehen, dass die Preise bereits rapide nach unten gehen. Auf der diesjährigen IFA in Berlin wurde ein Windows-8.1-Tablet um 399 Euro vorgestellt.

derStandard.at: Microsoft hat die Preise für seine Surface-Tablets gesenkt. Verkaufen sie sich nun besser?

Obermeier: Die Verkaufszahlen steigen kontinuierlich nach oben. Wir sind neu am Markt und haben noch einiges zu lernen. So müssen wir unsere Vertriebskanäle ordnen.

derStandard.at: Windows RT als Betriebssystem für Tablets sorgt ebenfalls für heftige Kritik. Warum wurde mit Windows RT ein weiteres Betriebssystem veröffentlicht?

Obermeier: Windows RT ist ein auf ARM laufendes Betriebssystem und zeichnet sich so durch seine enorme Batterielaufzeit aus. Ich kann damit während eines Fluges von Frankfurt nach Seattle ununterbrochen arbeiten oder Videos anschauen. Auch sind RT-Tablets mit einem Office-Paket ausgestattet.

derStandard.at: Es gibt kaum Software für Windows RT.

Obermeier: Es hängt vom Einsatzgebiet ab. Zum Bearbeiten von Mails und Dokumenten, zum Surfen im Internet und für viele auf dem Internet basierenden Anwendungen reicht es.

derStandard.at: Mittlerweile ist klar, dass fast jeder unserer Schritte im Internet überwacht wird. Wie geht Microsoft mit dem NSA-Überwachungsskandal um?

Obermeier: Wie jedes andere Unternehmen in Amerika oder Österreich müssen wir uns an das Gesetz halten. Es ist aber nicht möglich, dass sich jemand jederzeit unsere Kundendaten anschauen kann.

derStandard.at: Aber es ist ein Unterschied, ob heimische oder US-Behörden Zugriff auf Daten von Östereichern wollen. Und Microsoft muss, wie auch andere US-Unternehmen, Daten seiner Kunden aushändigen.

Obermeier: Die Herausgabe erfolgt nur nach einer richterlichen Anordnung und ist fallbezogen. Microsoft setzt dabei auf Transparenz und fordert diese auch von der US-Regierung. Dafür sind wir vor Gericht gezogen, um der Öffentlichkeit sagen zu können, um welche Fälle es sich dabei handelt.

Man muss auch sehen, wenn es heute irgendwo zu einem Zwischenfall kommt, etwa eine Bombe explodiert, suchen Ermittler natürlich nach und in Daten.

derStandard.at: Kommen viele Anfragen von österreichischen Behörden?

Obermeier: Gelegentlich, etwa im Bereich der Kinderpornografie, wo die Exekutive manchmal Zugriff auf Hotmail-Accounts brauchte. Ich denke, es ist in diesem Fall sehr gut nachvollziehbar, dass wir gerade auch für österreichische Behörden ein guter Kontakt sind.

derStandard.at: Verschlüsseln Sie Ihre E-Mails?

Obermeier: Die Frage ist, welche Daten ich da transportiere. Wenn es geheime Daten sind, Wirtschaftsdaten, dann sollte ich sie natürlich verschlüsseln. Wenn das wirklich Know-how ist. Ist es ein belangloser Chat, sicher nicht. (Markus Sulzbacher, derStandard.at, 27.9.2013)

Georg Obermeier ist seit März 2012 Geschäftsführer von Microsoft Österreich. Zuvor war der Salzburger CEO von T-Systems in Österreich, Vorstand bei stage1.cc und in unterschiedlichen Führungspositionen bei Siemens Nixdorf.

  • Obermeier: "Windows Phone ist die derzeit am stärksten wachsende Plattform."
    foto: standard/hendrich

    Obermeier: "Windows Phone ist die derzeit am stärksten wachsende Plattform."

  • Auch in Österreich fordern Behörden Zugriff auf Daten, "etwa im Bereich der Kinderpornografie".
    foto: standard/hendrich

    Auch in Österreich fordern Behörden Zugriff auf Daten, "etwa im Bereich der Kinderpornografie".

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