Das Gespenst des Kredits

26. September 2013, 17:00
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Ökonomie im Handeln von Daniel Kötter und Hannes Seidl

"Mainhattan", wie die Finanzmetropole Frankfurt am Main wegen ihrer Skyline auch genannt wird, ist Schauplatz von Kredit. Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten, einer Kooperation von Experimentalfilmer Daniel Kötter und Komponist Hannes Seidl.

Bei ihren seit 2008 gemeinsam realisierten Musiktheater-Performances wie Falsche Freizeit oder Freizeitspektakel werden alltägliche Handlungen und dabei anfallende Geräusche aus Arbeit und Freizeit auf der Bühne zu Choreografie und Musik.

In Kredit, dem ersten Teil einer geplanten Projektreihe, beschäftigt sich das Duo mit der Ökonomie des Handelns.

Wer trotz des Besuchs von Amund Sjølie Sveens Vortrag Economic Theory for Dummies am Eröffnungsabend bei Gesprächen zwischen Bankern die Krise bekommt, braucht sich bei Kredit keine Sorgen zu machen.

Kötter filmte zwar Banker in den gläsernen Türmen Frankfurts, entzog den Bildern aber ihren Ton. Diesem dokumentarischen Stummfilm wird durch eine collagenhafte Live-Vertonung ein fiktives Moment hinzugefügt: Geräuschemacher sorgen für Klimaanlagen-Sound oder Klappern von Computerkeyboards, der Laienchor der Deutschen Bundesbank singt Choräle, Sprecher verleihen den Bankern im Film neue Stimmen, und einige Banker mischen live am Sound mit.

Theoretische Texte werden rezitiert, etwa Stellen aus Das Gespenst des Kapitals, in dem Autor Joseph Vogl die Finanzökonomie als unberechenbares, unvernünftiges System definiert. So weiß auch ein Banker im Teaser zu Kredit: "Bei einer stets zu hoch gehaltenen Geldmenge" könne "dieses Kartenhaus auch kollabieren". Gerahmt ist der Teaser von Handkameraschwenks durch den Wald, zum Vogelgezwitscher mischt sich harter, elektronischer Sound; die Idylle kippt.

Diese Unsicherheit der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten ist, was Kötter und Seidl interessiert. Um diese zu begreifen, ist es nicht notwendig, das komplexe Finanzsystem und seine Sprache zu verstehen. Kötter und Seidl machen in einem "Stummfilm-Oratorium" die latente Unsicherheit durch eine "monströse Ereignishaftigkeit" sicht- und hörbar. (Elisabeth Hochwarter, Spezial, DER STANDARD, 27.9.2013)

  •  Kredit: Orpheum, 5., 6. 10., 19.30

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung des Steirischen Herbsts. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Antzugsglatt ist die Zukunft von Bankern: "Das Kartenhaus kann kollabieren." 
    foto: kötter/seidl

    Antzugsglatt ist die Zukunft von Bankern: "Das Kartenhaus kann kollabieren." 

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