Balkanskys Hitliste kroatischer VIPs

Glosse26. September 2013, 11:39
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Vorneweg sei gesagt, dass Kroatien und die Kroaten keineswegs ein Monopol auf Dummheit oder Heroismus haben. Weil aber Kroatien nun seit kurzem in der EU ist, will ich meinen Lesern einige besonders notorische kroatische Exemplare beider Gattungen vorstellen

Dass Marko Perković alias "Thompson" für viele Kroaten zu den Helden gehört, ist genauso wenig ein Geheimnis wie der Umstand, dass er für mich keineswegs einer ist. Seine Karriere verfolge ich seit jenem fernen Kriegssommer 1992 in Kroatien, als ich zum ersten Mal seinen Hit "Čavoglave" höre.

Gott, Heimat, Familie und zwei Tonnen Schmalz

Es ist die ironische Anekdote, die der Satiriker Boris Dežulović, Mitbegründer der legendären Oppositionszeitung "Feral Tribune", am liebsten erzählt: Mit einer Audiokassette sei er damals zu einem bekannten Radiomoderator geeilt, im sicheren Glauben, dass "Čavoglave" die inoffizielle Hymne des kroatischen Heimatkrieges werden wird. So ist es gekommen, und "Thompson" ist bis heute die singende Ikone für alle Splitter der klerikalen Rechten in Kroatien.

Wenn "Thompson" singt, lässt er keinen Zweifel daran, dass mit Gott ausschließlich der katholische gemeint ist. Und mit Heimat ausschließlich Kroatien (und die Herzegowina). Und mit Familie nur die einmalige und bis zum Tode geltende, in einer katholischen Ehe geschlossene Vereinigung von Mann und Frau, die durch ehelichen Sex ohne Verhütung gesunde kroatische Katholiken hervorbringt. Marko selbst ist zwar geschieden und wiederverheiratet, aber mit dem Segen der Kirche. Wie dieses nicht einfach zu erhaltende Glück dem Marko geschieht, ist bis heute Gegenstand von journalistischen Spekulationen.

Als vor einigen Jahren "Thompson" in Kärnten auftreten soll, läutet mein Telefon. Einige Kumpel aus meinen Tagen im "Kirchwegerhaus" organisieren eine Telefonaktion. Jeder ruft die Ticketagenturen an, die die Konzertkarten vertreiben, und fordert, den Verkauf zu stoppen. Weil der Sänger bereits in mehreren EU-Ländern und in den USA ganz offiziell Konzertverbote wegen Antisemitismus und "hate language" hat. Ich bin überrascht, wie wirksam diese Art Aktionismus von links ist. Am nächsten Tag stoppt der Kartenverkauf. Noch zwei Tage später wird das Konzert "aus sicherheitstechnischen Gründen" abgesagt. Nun kommt "Thompson" in wenigen Tagen nach Wien. Weil sein Einreiseverbot in die Schengen-Länder abgelaufen ist.

Ante und Rahim

Der Erstere ist ein Bio-Kroate, der Zweite ein - sagen wir - Hybrid-Kroate. Beide sind Berufskrieger, beide sind in Haag gelandet - und daraus "sauber wie eine Träne", wie man bei uns so sagt, wieder nach Kroatien gekommen. Und beide beeindrucken mich überraschend positiv.

General Ante Gotovina ist ein Musterexemplar des "Männchentiers" in Uniform. Fremdenlegion, Frauen, Front, Flucht und das Fassen des Generals sind inzwischen Gegenstand einer sehr lauten Hagiografie des sauberen Helden des Heimatkrieges. Doch Gotovina beeindruckt mich erst bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Haager Urteil. Er sagt, der Krieg sei vorbei, Politik interessiere ihn nicht, Privatwirtschaft hingegen sehr. Die Splitter der klerikalen Rechten schäumen so sehr, dass man in den öffentlichen Bläschen, doch unausgesprochen, das Wort "Verräter" zu lesen meint. Für mich ist Ante Gotovina ein Handwerker des Krieges, der weiß, wann seine Zeit als Krieger vorbei ist. Alle Achtung!

Rahim Ademi hingegen ist ein Held von der stillen Sorte. Obwohl er Albaner und Offizier der Volksarmee ist, stellt er sich der kroatischen Armee zur Verfügung. Sein Wissen nützt bei der Planung vieler Aktionen und trägt entscheidend zum kroatischen Sieg bei. Als er jedoch nach Den Haag muss, ist er den glühenden Heldenverehrern nicht kroatisch genug, um verehrt zu werden. Für Ademis Verteidigung sammelt niemand Geld, gründet niemand Vereine und schreibt niemand über seine Zeit in der Zelle oder danach. Auch Ademi kommt sauber aus Den Haag zurück. Er steigt aus dem Flugzeug, wo er über eine Stunde in der Touristenklasse sitzt. Seine Frau holt ihn ab, und sie fahren in ihre gemeinsame kleine Wohnung in Zagreb.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Sinns

Sein Tod sei so sinnlos, meint die Witwe des Terroristen, Mörders, Selbstmörders und Patrioten Zvonko Bušić. Viele Menschen kommen zu seinem Begräbnis und sagen mehr oder minder dasselbe.

Bloß von Brian J. Murray, dem jungen Cop aus New York, der bei der Entschärfung der von Zvonko Bušić gelegten Bombe getötet wird, sagt niemand etwas. Nicht einmal, dass sein Tod so sinnlos sei. Bevor jedoch Zvonko zum Mörder wird, ist er ein Terrorist, der 1976 mit seinen "Fighters for Free Croatia" ein Flugzeug entführt. Seine Frau Julienne ist damals genauso dabei wie später im Gefängnis und nun beim Begräbnis. Die Luftpiraterie und die mörderische Bombe wollen beide nicht als Akt des Terrors sehen, sondern als Akt der patriotischen Notwehr. Und ein Mörder will Zvonko Bušić bis zum letzten Interview nicht sein, weil seine Bombe durch ungeschicktes Entschärfen explodiert sei. Oder wegen einer internationalen Verschwörung gegen ihn und seine Art Patriotismus

Und niemand sagt je etwas über die Witwe Kathleen Murray und die beiden Kinder Brians, des ungeschickten Cops aus New York. Stattdessen wollen viele Zvonko Bušić nicht nur kennen, sondern immer schon gekannt und unterstützt haben. Sein prominentester "Immer-schon-Freund" ist, wie kann es anders sein, der Sänger "Thompson". Nach über dreißig Jahren im amerikanischen Zuchthaus öffnen sich für Zvonko goldene Türen zu einer Politikerkarriere am rechten Rand. Doch der Rand enttäuscht Zvonko so sehr, dass er sich im Badezimmer eine Kugel in den Kopf jagt.

Ich meine, dass sein Tod keineswegs sinnlos ist. Sein Leben hingegen schon.

Wahre Helden

Sie sind es für mich immer schon gewesen: die Fahrer der Hilfsorganisationen, die im Jugoslawien-Krieg Nahrung und Medizin in die Kriegsgebiete bringen. Aus aller Herrn Länder und für erstaunlich wenig Geld, aber immer um den Lohn der Angst kämpfen sie gegen Müdigkeit, Kälte und die banalen Folgen eines dummen Krieges. Und werden dabei auch erschossen. Von Patrioten. Sinnlos. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 26.9.2013)

  • Fremdenlegion, Frauen, Front, Flucht und das Fassen des Generals sind inzwischen Gegenstand einer sehr lauten Hagiografie des sauberen Helden des Heimatkrieges.
    foto: apa

    Fremdenlegion, Frauen, Front, Flucht und das Fassen des Generals sind inzwischen Gegenstand einer sehr lauten Hagiografie des sauberen Helden des Heimatkrieges.

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