Fall Julia Kührer: Die schwierige Frage der Gerechtigkeit

Analyse25. September 2013, 18:18
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Mit einem deutlichen Schuldspruch der Geschworenen endete der dreiwöchige Indizienprozess im Fall des Todes von Julia Kührer. Das Votum lässt aber Fragen offen. Vor allem, ob die Berufsrichter wirklich alles unternommen haben, um die Wahrheit zu ergründen

Korneuburg/Wien - "Ich will Gerechtigkeit", hat die Mutter von Julia Kührer am Ende ihrer Zeugenaussage gesagt. Gerechtigkeit für den Tod ihrer damals 16-jährigen Tochter, die am 27. Juni 2006 auf dem Hauptplatz von Pulkau (Bez. Hollabrunn) zum letzten Mal gesehen und am 30. Juni 2011 als skelettierte Leiche in einem Erdkeller auf dem Grundstück des Angeklagten Michael K. entdeckt worden ist.

Mit 7 zu 1 Stimmen entschieden die Laienrichter nach dem Indizienprozess gegen den 51-Jährigen und sprachen ihn, nicht rechtskräftig, des Mordes für schuldig. Eine Entscheidung, die in sich durchaus nachvollziehbar ist. Die Frage ist, ob die Geschworenen im Laufe des Prozesses tatsächlich alle Informationen und Optionen bekommen haben.

  • Keine Alternative Hat eine Leiche sieben Messerstiche und leugnet der Angeklagte, ist die Sache relativ klar. Der Senat aus den drei Berufsrichtern wird den Laienkolleginnen und -kollegen wohl nur eine Frage stellen. Ist der Angeklagte ein Mörder oder nicht?

Nur: Im Fall von Kührer ist nicht bekannt, wann, wo und wie sie gestorben ist. Die einzigen Verletzungsspuren sind ein ausgeschlagener Zahn, was laut Gerichtsmediziner Wolfgang Denk kurz vor oder nach Kührers Tod passiert sein muss. Staatsanwalt Christian Pawle malt in seinem Schlussplädoyer eine durchaus mögliche Version: K. habe in seiner Videothek in Pulkau den Teenager bedrängt, habe Julia mit der Faust ins Gesicht geschlagen und sie anschließend erwürgt.

Nur: Laut Denk ist es auch möglich, dass ein Faustschlag bereits ohne Schädelverletzung tödlich ist. Womit es auch möglich wäre, dass der Angeklagte eine absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge begangen hat, wenn er den Tod nicht wollte. Eine Frage, über die die Geschworenen aber nicht einmal hätten entscheiden können, wenn sie gewollt hätten. Denn der Senat unter Vorsitz von Helmut Neumar stellte ihnen nur die Frage nach Mord - also hopp oder dropp.

  • Kein Gutachten Michael K. sei "hochgradig sexualisiert und übergriffig gegenüber jungen Mädchen" gewesen, führte Pawle aus. Zusätzlich sei er "aggressiv". Was durchaus stimmen kann, wenngleich die Zeugenaussagen teils widersprüchlich waren. Wenn schon sechs Sachverständige beauftragt waren - warum engagierte das Gericht nicht auch einen psychiatrischen Experten? Ein derartiges Gutachten wird durchaus auch bei geständigen Tätern verfasst.
  • Kein Tagebuch Julia Kührers Tagebuch wurde von der Polizei sichergestellt. Bekannt wurde aus Pietätsgründen nur, dass der Teenager K. nie erwähnt hat. Ein Beschluss des Senats in diesem Zusammenhang ist aber zumindest fragwürdig. Denn die Frage von Verteidiger Farid Rifaat, wie oft die 16-Jährige Einträge verfasst hat, ließen die Richter nicht zu.

Dabei könnte das relevant sein: Laut Zeuginnen soll sich der Angeklagte Kührer zumindest zweimal unsittlich genähert haben. Bei einem täglichen Eintrag könnte man durchaus vermuten, dass sie das notiert hätte. Auch über ihren Gemütszustand vor dem Verschwinden könnten die Aufzeichnungen Auskunft geben.

Ist Julia Kührer Gerechtigkeit widerfahren? Möglicherweise, wahrscheinlich wahrscheinlich. War der Prozess gerecht? Das ist die Frage, die die nächste Instanz entscheiden muss. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 26.9.2013)

  • Michael K. wurde als Mörder von Julia Kührer verurteilt.
    foto: apa/helmut fohringer

    Michael K. wurde als Mörder von Julia Kührer verurteilt.

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