Südseemann auf Wanderschaft

25. September 2013, 17:26
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Die Bühne dient Ulla von Brandenburg immer wieder als inszenatorische Hilfskonstruktion auf Erkenntniswegen: "Innen ist nicht Außen" heißt ihre Schau in der Secession

Wien - Neben Goethe, Schiller, Böll und Dürrenmatt ist so manchem deutschen Gymnasiasten auch ein Buch in die Pflichtlektüre gerutscht, dessen Titel sich in dieser ehrwürdigen Reihe völlig merkwürdig ausnahm: Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea, verfasst von Erich Scheurmann. Ein Autor, dessen literarisches OEuvre von einem Samoa-Aufenthalt 1915 maßgeblich beeinflusst war.

Befremdlich ist das Wort, das nicht nur die Leseerfahrung dieser naiven Zivilisationskritik treffend beschreibt, sondern auch die Erfahrungen ebendieses Südseemannes auf seinen Reisen durch Europa. Dort wundert und wundert Tuiavii sich ohne Unterlass über den Papalagi (was nach Scheurmann "der Fremde", "der Himmelsdurchbrecher" bedeutet), schüttelt den Kopf über dessen fragliche Moral und Gepflogenheiten und ist schließlich zufrieden, wieder daheim zu sein.

Ähnlich geht es auch dem Protagonisten in Ulla von Brandenburgs neuem Film: "Er ist froh, wieder rauszukommen", sagt die Künstlerin über Marcello, ihren Helden in Die Straße. Der Titel ihres Schwarzweiß-Werkes - das ist angesichts der Gauklerkulisse nicht schwer zu erraten - ist an Federico Fellinis Meisterwerk La Strada angelehnt.

Der Plot: Marcello kommt in eine fremde, kulissenhafte Welt, also quasi zu den Papalagis, und wundert sich über die vielen ihm fremd und sonderbar erscheinenden Geschehnisse, Rituale und Kommunikationsformen: Strohpuppen werden gebunden, Ringelreihen getanzt, dazu Musik und reimerischer Singsang. Auch dem Zuseher bleiben die Riten und Gesten - für die von Brandenburg verschiedene Fastnacht-Traditionen als Vorlage gedient haben - ein Rätsel. Wer hier der Außenseiter und wer die Gemeinschaft ist, wird allein daran sichtbar, dass alle Figuren außer Marcello mit derselben "Zunge" - also der gleichen Stimme - sprechen.

"Wie verhalten wir uns und warum? Nach welchen Regeln leben wir? Welche davon hinterfragen wir? Welche brauchen wir tatsächlich?", brachte die deutsche, 1974 in Karlsruhe geborene Künstlerin die Sache bei der Pressekonferenz auf den Punkt. Der inszenatorische Rahmen für diese Fragen ist allerdings gewaltig.

Denn um diesen Gedankenraum zu öffnen, um sich in Philosophie zu Tradition und Fremdheit zu üben, will sie die Menschen auf die Bühne bringen. Und zwar als Akteure, die von hinten - unter den historischen, von der Warschauer Oper gestifteten Prospekten hindurch - die Theaterbretter betreten. Eine schräge Ebene soll das Bühnenspiel dynamisieren. So in Aktivität versetzt, stolpert man förmlich durch den künstlich gealterten Vorhang. Erklimmt man die steilen Treppen, hat man am Zenit oben - endlich - Weitblick auf die im Film lauernden Erkenntnisse.

Wer den Papalagi schon in der Schule gelesen hat, kann getrost zu Hause bleiben. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 26.9.2013)

Bis 10. 11.

  • Ulla von Brandenburg liebt das Motiv geraffter Vorhänge: 2011 betrat man so die Biennale in Lyon, 2013 lüftet sie den Vorhang in der Secession.
    foto: wolfang thaler / secession

    Ulla von Brandenburg liebt das Motiv geraffter Vorhänge: 2011 betrat man so die Biennale in Lyon, 2013 lüftet sie den Vorhang in der Secession.

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