Die Barockoper als Fleckerlteppich

25. September 2013, 17:18
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Begeisternde "Semiramide" an der Wiener Kammeroper mit dem Bach Consort Wien

Wien - Die Patchworkfamilie ist eine immer beliebtere Form gemeinschaftlichen Zusammenlebens in der heutigen Zeit. Im 18. Jahrhundert war die Patchwork-Oper en vogue: Pasticcio heißt hier das aus unterschiedlichen kompositorischen Stoffen zusammengenähte Kunstwerk. Bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik war in diesem Sommer Mozarts La clemenza di Tito zu hören - ohne die im altmodischen Seria-Stil verfassten Titus-Arien des Komponisten. Diese wurden, wie in den Jahrzehnten nach Mozarts Tod üblich, durch Arien von Joseph Weigl und von Johann Simon Mayr ersetzt.

Ungemein populär

An der Kammeroper dirigiert Alan Curtis die Oper Semiramide, sie basiert auf der Vertonung des seinerzeit ungemein populären Stoffes aus der Feder des seinerzeit ungemein populären Leonardo Vinci von 1729. Georg Friedrich Händel bastelte für seine Londoner Opernkompagnie vier Jahre später eine Pasticcio-Fassung; er selbst steuerte neue Rezitative bei, Johann Adolph Hasse einige Arien. Der Erfolg blieb aus. Der Händel-Experte Curtis hat nun die meisten der Vinci/Händel-Teile beibehalten und mit Arien von Nicola Porpora, Leonardo Leo und Francesco Feo ergänzt.

Curtis ist dabei ein recht runder, unterhaltsamer Dreistünder gelungen, der lediglich am Ende etwas eilig ins "lieto fine" stolpert. Zusammen mit dem Bach Consort Wien zaubert der Engländer wundervoll reiche, vielfältige, sinnliche Barockklänge ins kleine Haus am Fleischmarkt - da hat der künstlerische Leiter des Hauses, Sebastian F. Schwarz, für das Junge Ensemble des Theaters an der Wien ideale Barockexperten gefunden.

Dieses ist durch die Bühnenerfahrung der letzten Saison darstellerisch deutlich gereift: Gaia Petrone gibt den intriganten Strippenzieher Sibari überzeugend machohaft, Igor Bakan macht als Prinz Ircano einen auf Kraftkerl, auf Gérard Depardieu in spe, und Andrew Owens spielt den Prinzen Scitalce bewundernswert smart und souverän. Zusammen mit Mirteo (tadellos: Rupert Enticknap) werben die drei Blaublüter um Prinzessin Tamiri (süß: Gan-ya Ben-gur Akselrod); eine amouröse Vorgeschichte von Scitalce und der Cross-Dressing-Königin Semiramide (intensiv: Cigdem Soyarslan) belastet die Brautwerbung ein wenig.

Permanente Konfusion

Barockopern sind, was die Ballung von emotionalen Extremsituationen anbelangt, nah dran an den Seifenopern von heute. Francesco Micheli (Inszenierung und Ausstattung) gelingt es, die permanenten Gefühlskonfusionen verständlich zu schildern und auch die vielen Da-capo-Arien amüsant zu bebildern - mitunter sogar in Zeitlupe.

Begeisterung am Ende - wie auch fast immer bei den Produktionen der letzten Saison. Die aktuelle wird noch Musiktheaterwerke von Rossini (La Cenerentola), Kagel (Mare nostrum), Mozart (La clemenza di Tito) und Birtwistle (Punch and Judy) bringen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 26.9.2013)

Bis 15. 10.

  • Cross-Dressing-Königin: Semiramide (Cigdem Soyarslan).
    foto: apa/herbert neubauer

    Cross-Dressing-Königin: Semiramide (Cigdem Soyarslan).

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