Poetisch, kritisch, selbstreflexiv

25. September 2013, 17:31
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In der Ausstellung "Word + Work" werden den Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler deren Gedichte, Manifeste und Analysen gegenüber gestellt

Wien - Obwohl man es von Künstlerinnen und Künstler nicht unbedingt erwartet - Wortmeldungen von ihnen sind keineswegs rar. Joseph Beuys hat sich zu Fragen der Politik und der gesellschaftlichen Rolle der Kunst aber wohl am lautstärksten geäußert: "Nur ein (so) revolutionärer Kunstbegriff kann zu einer politischen Produktivkraft werden, die durch jeden einzelnen Menschen hindurch sich vollzieht und Geschichte macht", ist ein von Beuys überliefertes Zitat, das nun Teil der Ausstellung Word + Work in der Galerie nächst St. Stephan ist.

Um eine Gleichwertigkeit zwischen Bild und Text herzustellen, hat man in der Galerie aber nicht nur dem Manifest von Beuys sehr viel Raum gegeben. Auch von allen anderen versammelten Künstlerinnen und Künstlern wurden Zitate an die Wand affichiert, in denen sie zu Leben und Kunst Stellung beziehen: "It is not in the role of an artist to worry about life - to feel responsible for creating a better world", war etwa die amerikanische Malerin Agnes Martin überzeugt. Und diesbezüglich gibt auch ein Text von Andrea Fraser nicht viel Hoffnung. Ihre pointierte Analyse der Rolle des Kunstdiskurses für die zeitgenössische Kunst ergänzt ihr Video May I Help You?, das die Hierarchien und Ausschlussmechanismen des Kunstbetriebs zum Thema macht.

Was das Verhältnis zwischen Text und Kunstwerk betrifft, geht Andreas Fogarasi durchaus sehr ähnlich vor: Während seine Marmorskulptur Placemark (Emperador) im Vordergrund steht, problematisiert Fogarasi im Hintergrund die neoliberale Entwicklung urbaner Räume auch in schriftlicher Form.

Trotz dieser insgesamt sehr kritischen Statements ist die Ausstellung dennoch poetisch geworden. Das verdankt sich zum einen einer Reihe von Gedichten: Mit einem solchen überrascht Helmut Federle, der daneben ein geradezu abgeklärtes Statement zur Malerei abgegeben hat. Agnes Martin, Lee Ufan und Richard Tuttle haben ihre Ideen ebenfalls in Versform abgefasst.

Lyrisch ist aber auch die Reaktion auf die Direktheit der sprachlichen Aussagen, die sich in einer umsichtigen Werkauswahl niederschlägt: Ernst Caramelle schärft mit seinem Gemälde autofocus den Blick für Wahrnehmungsrelationen, Donald Judds Aluminiumskulptur sensibilisiert für die Erfahrung des Raums und selbst Joseph Beuys ist nicht nur mit großen Worten vertreten, sondern auch mit feinen Radierungen, die Teil der Serie Suite Tränen sind. (Christa Benzer, DER STANDARD, 26.9.2013)

Bis 3. 10. , Galerie nächst St. Stephan

Grünangergasse 1, 1010 Wien

Link

www.schwarzwaelder.at

  • Kunstwerke stehen Wortmeldungen ein und desselben Autors gegenüber (Ernst Caramelle, "autofocus", 2011).
    foto: galerie nächst st. stephan

    Kunstwerke stehen Wortmeldungen ein und desselben Autors gegenüber (Ernst Caramelle, "autofocus", 2011).

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