Design wie Topf und Deckel

3. Oktober 2013, 13:13
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Die Objekte der deutschen Designerin Johanna Dehio erinnern an eine Art verspieltes Matador für Große - Inspirieren lässt sie sich vor allem vom Wesen des Provisorischen - Demnächst auch in Wien

Singen oder designen - das war bei Johanna Dehio die Frage. "Für mich war immer ganz klar, dass ich beruflich in Richtung Gestaltung gehe oder eben Sängerin werde", sagt Dehio, aus deren Augen so viel Energie strahlt, dass es einen fast vom Stuhl haut. "Nach dem Abitur habe ich mich aber sehr schnell für Design entschieden. Zu 100 Prozent. In einem Hobbychor wollte ich nicht singen." Aufgewachsen ist Dehio in München, ihr Vater baute Modelle für Architekten, nun lebt sie in Berlin - ein guter Boden für Design-Ideen. Von denen schaffen es allerdings nur die wenigsten, eine solche Kraft und Bekanntheit zu entwickeln, dass sie ihrem Urheber eine Zukunft als Designer ermöglichen. Das meiste verpufft in der Berliner Quirligkeit.

Für ihre Diplomarbeit an der Fachhochschule Potsdam im Studiengang Design beschäftigte sie sich mit der Frage, was man bei der Produktentwicklung von Provisorien lernen kann. Das heißt: "Inwieweit Intuition, Improvisation, das Unperfekte und der Mut zum Offenen so auf einen Designprozess einwirken können, dass am Ende ein ästhetisches, handwerklich gutes Produkt entsteht, das eben genau von diesen Provisorien und Eigenschaften lebt." Die deutsche Hauptstadt ist bekanntlich in vielerlei ein ewiges Provisorium, womit eine mögliche Inspirationsquelle für Dehios Arbeit geklärt sein dürfte.

Jacke am Besenstiel

Wobei sich aber auch der Mitmach-Gedanke, die Liebe zur Individualität und der Verspieltheit in den Objekten widerspiegeln. Die junge Designerin ersann also eine Hockerbank aus Holz, deren simple Formensprache und Anwendungssinn etwas Genialisches haben. Die Hocker können mit einer Holzplatte, die entsprechende runde Aussparungen für die runden Sitzflächen hat, im Handumdrehen zu einer praktischen Bank oder in einer größeren Variante zu runden Tischen oder gar in eine Esstafel umfunktioniert werden. Im Jahr 2012 erhielt Dehio dafür einen Preis, den NWW Design Award der Neuen Wiener Werkstätten, die die Bank nun auch in einer aktualisierten Variante vertreiben.

Diese Mischung aus klarer, einfacher Form, flexibler Anwendung und Partizipationsgedanke ist ein Charakteristikum in den Arbeiten von Dehio, die bereits mehrfach ausgezeichnet und in Ausstellungen in Mailand, Paris oder New York gezeigt wurden. Ein anderes ihrer Objekte besteht aus bunten Drahtstrukturen, die mithilfe von Brettern ebenfalls zu Bänken oder Tischen umgebaut werden können.

Zusammen mit dem Designer Dominik Hehl hat sie auch Lampenschirme in unterschiedlichen Größen und Formen entworfen, die über Glühbirnenfassungen gehängt werden können. Oder Holzstiele, sogenannte Kleiderstiele, auf denen Jacken, Anzüge oder Hosen aufgehängt werden können und so an der Zimmerwand auch einem ästhetischen Anspruch genügen. Das Prozesshafte wird durch die Bezeichnung "Arbeitstitel" betont, wie Dehio ihre Arbeiten getauft hat. Eine neuere Kreation ist der sogenannte "Quarter bin", ein schöner Müllkübel, der sich in für die Mülltrennung praktische Viertel unterteilen lässt.

Strukturierte Improvisationskünstlerin

Wie Dehios Arbeit funktioniert, ließ sich wohl am besten im vergangenen Jahr bei der Open Studio Night in Wien begreifen. Die Designerin war zu dieser Zeit Artist in Residence im Museumsquartier. Die Besucher des Abends erwarteten zurechtgeschnittene Hölzer verschiedener Formen und Farben. Unter Anleitung von Dehio wurden die Bretter schließlich zu individuellen Möbelstücken zusammengesetzt. "Wir haben ja häufig keine Beziehung mehr zu den Gegenständen und Möbeln, die uns umgeben", erklärt Dehio. "Durch so einen Arbeitsprozess versuche ich die Leute wieder enger mit den Möbeln zusammenzubringen. Damit sich eine Beziehung ergibt und sie ihr Konsumverhalten überdenken. Du kannst dir natürlich deine ganze Wohnung mit tollen, teuren Designermöbeln einrichten", sagt Dehio.

"Aber womöglich macht dich das nicht glücklich. Eben weil die Möbel keine Beziehung zu dir haben. Die Improvisation ist für mich eine Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen." Zudem sei sie an einer offenen Formensprache interessiert, "die eben nicht nur Weißes und Glattes hervorbringt".

Neben ihrem Produktdesign arbeitet sie mit Architekten im Messebau zusammen, gibt Workshops oder erarbeitet schon mal das Konzept für ein Dinner beim bekannten Designer Jerszy Seymour, wo sie auch selbst kochen wird. "Ja", sagt sie. "Man kann wohl sagen, dass ich auch gut kochen kann." Und auch das passt. Denn das Kochen braucht auch einen Hang zur strukturierten Improvisation. (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 27.9.2013)

Kochen und bauen
Bei der Vienna Design Week ist Johanna Dehio gemeinsam mit Dominik Hehl mit ihrer "Construisine" zu sehen. Dabei handelt es sich um eine offene Küche, eine Art Werkstatt, in der Passanten sowohl das nötige Mobiliar als auch Gerichte mit herstellen bzw. kochen. Baumaterialien werden dabei wie Lebensmittel als Grundmaterialien behandelt. (maik, Rondo, DER STANDARD, 27.9.2013)
  • Die 1984 geborene Johanna Dehio, die sich wünscht, dass Menschen bewusster mit ihren Alltagsdingen umgehen.
    foto: e. ellersdorfer-meissnerova

    Die 1984 geborene Johanna Dehio, die sich wünscht, dass Menschen bewusster mit ihren Alltagsdingen umgehen.

  • Hocker werden zu Tischen und Bänken.
    foto: c. flamme

    Hocker werden zu Tischen und Bänken.

  • Bei Dehios "Hockerbank" und auch bei der Drahtbank lässt die Designerin ihre Möbel "mehr" werden.
    foto: c. flamme

    Bei Dehios "Hockerbank" und auch bei der Drahtbank lässt die Designerin ihre Möbel "mehr" werden.

  • Die "Construisine" mit Johanna Dehio und Dominik Hehl findet am St.-Elisabeth-Platz (Platz vor der Kirche) im 4. Bezirk statt.
Näher Infos: www.viennadesignweek.at
    foto: dominik hehl
    Die "Construisine" mit Johanna Dehio und Dominik Hehl findet am St.-Elisabeth-Platz (Platz vor der Kirche) im 4. Bezirk statt.
  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: vitra/bettina matthiesen
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