"Ihr seid ja zum Genieren, ihr hasst eure Heimat"

24. September 2013, 18:04
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"Heimat, Ausländer, Asylbetrüger": FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache agiert in Graz wieder mit alter Kampfrhetorik. Und er muss richtig laut werden, um die Gegendemonstranten zu übertönen

Graz - Warum Strache? "Weil er einfach guat ist," sagt Bettina, "und dafür ist, dass keine Ausländer mehr hereinkommen", sprudelt es aus der 52 Jahre alten Frühpensionistin heraus. "Den Ausländern schiebt man ollas eini", unterbricht Bettinas Freundin Rosemarie - "eine Österreicherin", wie sie streng hinzufügt. "Österreich muss frei werden" : Das zu hören, deswegen sei sie hierhergekommen zum Grazer Hauptplatz, zum "Haazee". Sie müssen allerdings noch etwas warten.

Heinz-Christian Strache verspätet sich, inzwischen dreht die John Otti Band an den Lautstärkereglern, um die Anti-Strache Fraktion zu übertönen, die sich gleich hinter dem H.-C.-Fansektor mit Plakaten (" 1938 Gründe gegen Strache") und Trillerpfeifen im Mund aufgebaut hat.

FPÖ-Politiker der unteren Chargen mühen sich ab, die Stimmung anzuheizen. Der steirische Spitzenkandidat Mario Kunacek versucht sich als Haider-Imitator: "Spart euch eure Kräfte", brüllt er in Richtung der protestierenden jungen Schar, "wenn wir an der Macht sind, heißt es arbeiten gehen." Fast wortgleich hatte es Jörg Haider vor 20 Jahren schon auf ebendiesem Hauptplatz bei seiner Wahlkundgebung formuliert.

"Nicht zum Aushalten"

"Es ist ja wirklich nicht zum Aushalten", sagt der ehemalige Postbedienstete Franz (74). "Wir werden hinten und vorne belogen, die ganze Eurolüge. Das Geld schicken wir an bankrotte Länder, nach Griechenland. Es muss eine Trendwende her. Ich glaube, der Strache hat die Kraft."

Das glaubt auch Stefan (34), Strache-Fan und - wie auch er unterstrichen wissen will - "Österreicher", wenngleich seine Eltern aus Serbien gekommen seien. "Ich bin hier geboren und Österreicher, und das, was Strache über Ausländer sagt, stimmt ja. Man muss Deutsch lernen und sich anpassen." Stefan muss unterbrechen.

Strache hat unter Gekreische der Getreuen die Bühne erklommen. Die blauen Fans schwingen rot-weiß-rote Fähnchen, die Protestierenden blasen beherzt in die Trillerpfeifen. Strache brüllt: "Ihr seid zum Genieren, Ihr hasst ja eure Heimat." Dann kommt noch etwas von wegen "auf die Fahne brunzen". Jetzt brauche es endlich "einen Anständigen, einen Charakter", der sich all dem Ungemach entgegenstelle. Die Fans geben laut und brav Antwort: "Strache, Strache, Strache!"

Dieser spult im Stakkato seine schon dutzendmal im Wahlkampf durchgekauten Stehsätze herunter, und wenn er wieder Mal zum Atmen kommt, lässt er das ewig funkionierende Thema Ausländer vom Stapel. Da raunt die Hardcore-Szene, da schnellt reflexartig auch so manche rechte Hand zum Gruße hoch - was nun Polizeiermittlungen nach sich gezogen hat.

Aber es ist ja alles nicht so gemeint. Strache beteuert, er sei nur ein "Inländerfreund". Aber wenn er schon dabei ist: Im "Haus Österreich" hätten nur Österreicher was zu sagen - "wir bestimmen, ob wir ein Fremdenzimmer einrichten oder nicht".

"Na ja, er hat schon gute Ansätze", sagt Onlinegrafiker Mike (25), nachdem er Strache eine Stunde zugehört hat: "Ausländermäßig ist schon korrekt, was er sagt." Die Freundin nickt. Ja, diesmal werden beide Strache wählen.

"Nur für das G'sindel"

Auch für die Grazer FPÖ-Bezirksrätin Ingrid Lobnig ist natürlich klar, was sie an Strache hat: "Weil er der Einzige ist, der für Österreicher was macht und net nur für des G'sindel, für die Ausländer und Asylanten, die von unseren Steuern leben." Strache legt hastig nach: "... sie verachten das Gastland", "Asylbetrüger haben unser Land zu verlassen", "es gibt keine Schnitzel mehr in unseren Kindergärten".

"Hetzer, Hetzer, Hetzer!", skandieren die Demonstranten, ein schrilles Pfeifkonzert setzt ein. "Ja dürfen s' denn das überhaupt, so laut pfeifen? Schweinerei!", echauffiert sich eine Mitsechzigerin, deren adrettes Outfit darauf schließen lässt, dass sie aus einem betuchteren Grazer Viertel kommt. Ein Polizist baut sich vor einer jungen Frau auf, die aus vollem Herzen in die Pfeife pustet. Er dreht sich zur Empörten hin: "Da kann man nix machen. Sie darf das, das müssen Sie aushalten."

Inzwischen ist Strache wieder bei Faymann und Spindelegger angelangt. Die Luft ist draußen. Nur einmal schafft er es noch, den Fansektor zum Gejohle zu animieren: "Am 29. September bei der Nationalratswahl kann ein blaues Wunder passieren." (Walter Müller, DER STANDARD, 25.9.2013)

  • Von gellenden Pfeifkonzerten begleitet und unter massiver Polizeipräsenz hielt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Graz seine Wahlkampfrede.

    Von gellenden Pfeifkonzerten begleitet und unter massiver Polizeipräsenz hielt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Graz seine Wahlkampfrede.

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