Metallerin mit Hang zur Geige

24. September 2013, 18:29
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Susanne Sackl-Sharif untersucht Gender-Aspekte in der "Metal"-Musik

Black Sabbath, Led Zeppelin oder Iron Maiden heißen die musikalischen Großväter, deren unsanfte Klänge sich noch als "Heavy Metal" in die Gehörgänge der damals jugendlichen Fans bohrten. Inzwischen hat sich viel geändert in der Metallerszene: Das Schwermetall ist in unterschiedlichste Subgenres zerfallen, die vom aktuellen Überbegriff "Metal" nur notdürftig zusammengehalten werden. Und das extraharte, supermännliche Odeur der "Metaller" hat sich auch verflüchtigt.

"Seit den 1990er-Jahren finden sich immer mehr Frauen in den Bands, viele haben eine Front-Sängerin, etliche Metal-Gruppen sind rein weiblich, und auch unter den Fans sind viele Frauen", weiß Susanne Sackl-Sharif. In ihrer musikwissenschaftlichen Doktorarbeit an der Grazer Karl-Franzens-Universität hat die 29-Jährige den von akademischer Seite bislang ignorierten Themencluster "Gender, Metal und Videoclips" unter die Lupe genommen und dabei so manchem Vorurteil den Boden entzogen.

So auch der gängigen Vermutung, dass die Metal-Leidenschaft ein typisches Unterschichtphänomen sei. "Das ist ein großer Irrtum, denn Metal wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem der populärsten musikalischen Stile weltweit", sagt Sackl-Sharif. "Heute wird Metal in allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen gehört, oft kommen die Jungen sogar durch ihre Eltern zu dieser Musik." Da die gebürtige Weststeirerin und bekennende Metal-Anhängerin auch Soziologie studierte, hat sie das akustische Material sowohl von der musikgeschichtlichen als auch von der soziokulturellen Seite her bearbeitet.

So erkundete sie etwa die Erfahrungen und Einstellungen steirischer Metal-Fans rund um ihre Leib- und Lebensmusik in zahlreichen Interviews. Aus den gesammelten Aussagen destillierte die Musikwissenschafterin dann den aktuellen Bewusstseinszustand der Szene. "Um die Leute nicht zu beeinflussen und das Klischee des männlichen Metal zu aktivieren, stellte ich keine direkten Fragen zu Gender-Aspekten, sondern untersuchte die allgemeinen Aussagen über Metal auf geschlechtsbezogene Vorstellungen", beschreibt Susanne Sackl-Sharif ihre Arbeitsmethode.

Was sie dabei herausfand? "Dass Gender kein primäres Thema ist und die Musik nicht als geschlechtsspezifisch wahrgenommen wird." Überraschende Ergebnisse brachte auch die Analyse der wachsenden Zahl von Substilen im Metal. Diese reichen vom Symphonic Metal mit opernhaftem Gesang bis zum Metalcore mit stark politischen Aussagen, in denen sich die neuen Metaller unter anderem sogar für eine vegane Lebensweise engagieren.

"Diese Heterogenität bietet mehr Anknüpfungspunkte für Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsteilen und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen als der traditionelle Heavy Metal der 1970er-Jahre", sagt Susanne Sackl-Sharif. Bestes Beispiel ist wohl sie selbst, immerhin bringt sie nicht nur die Wissenschaft mit ihrer Metal-Leidenschaft unter einen Hut, sondern auch ihre Liebe zum Geigenspiel.

Diese hat sie als Mitglied des Weststeirischen Kammerorchesters jahrelang auf sehr gediegene Weise gepflegt, inzwischen tritt sie bei befreundeten Bands wie Maneki Nekoc auch immer wieder als Gastmusikerin auf. Und der ruhige Alternativ-Pop, der da zu hören ist, ist mit Heavy Metal vermutlich nicht einmal weitschichtig verwandt. (Doris Griesser, DER STANDARD, 25.9.2013)

  • Räumt mit Metal-Vorurteilen auf: Susanne Sackl-Sharif.
    foto: privat

    Räumt mit Metal-Vorurteilen auf: Susanne Sackl-Sharif.

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