Das Staatskünstlertum am Schlagersonntag

23. September 2013, 18:11
113 Postings

Die FPÖ würde dem "erfolglosen Film" den Geldhahn abdrehen, die SPÖ die Subventionen für die großen Kulturtanker wertsichern, und die Grünen würden jedem Künstler zumindest 1500 Euro pro Monat zubilligen

Wien - Künstler sind in Wahlkampfzeiten eigentlich nur wichtig, wenn sie über einen Promifaktor verfügen, den sie Personenkomitees zur Verfügung stellen. Als Thema aber tauchen Kunst und Kultur so gut wie nicht in den Debatten auf. Manche Parteien, darunter die Neos, haben keinen einzigen Gedanken an die Kulturpolitik verschwendet. Selbst dem schlagfertigen Stronach ist nichts eingefallen; der "große Schlagerfan" lud nur, anlässlich seines Geburtstags, zu einem "Schlagersonntag" ins Magna Racino ein.

Die etablierten Parteien haben zumindest ein paar Ideen in ihre Wahlprogramme aufgenommen, die SPÖ beispielsweise widmete gerade einmal vier von "111 Projekten für Österreich" der Kunst und Kultur. Einigkeit herrscht über ideologische Grenzen hinweg, dass es ein neues, zeitgemäßes Urheberrecht braucht. Wie dieses konkret aussehen soll, verschweigen die Parteien aber. Außerdem bekennen sich alle zur Freiheit der Kunst. Auch H.-C. Strache tut dies.

Allerdings wünscht er sich eher den vogelfreien Künstler. Unter dem Titel "Der unfreie Staatskünstler" heißt es im aktuellen FPÖ-Programm: "Über die Steuerungsmechanismen der Subventionsgewährung, Kunstförderung und der Ankaufspolitik werden Künstler gegängelt und politisch instrumentalisiert. Dies hat eine speziell in Österreich herausgebildete Form des Staatskünstlertums zur Folge. Dadurch wird die Freiheit der Kunst wie des Kunstgenusses schwerwiegend eingeschränkt." Der Staat habe daher seine Kunstförderung auf die Schaffung von Rahmenbedingungen und infrastrukturellen Einrichtungen zu beschränken.

Patient mit zwei Oscars

Es kommt aber noch besser: "Für den Filmliebhaber ist der österreichische Film ein unbekanntes Wesen, das sich seit Jahrzehnten in der Dauerkrise befindet. Es handelt sich um einen Patienten, der seit vielen Jahren am Subventionstropf hängt. (...) Es darf in Zukunft nicht mehr möglich sein, dass in Österreich der erfolglose Film, der keinen Zugang zum Publikum findet, gefördert wird."

Bei anderen Parteien hat man hingegen schon etwas von den Oscars für Stefan Ruzowitzky und Michael Haneke gehört. Die ÖVP zum Beispiel kündigt in ihrem Programm an: "Gesetzliche Verankerung des Film-/Fernseh-Abkommens. Gesetzliche Verankerung des Fördermodells Filmstandort Austria (FISA), um für mehr Planungssicherheit zu sorgen. Forcierung der Verwertungsförderung im Online-Filmbereich. Anerkennung und öffentliche Bewusstseinsschaffung für die heimischen Filmfestivals."

Die SPÖ formuliert es ähnlich: "Zur Unterstützung des erfolgreichen österreichischen Films soll die Finanzierung des Österreichischen Filminstituts weiter signifikant aufgestockt, die innovative Filmförderung erhöht, Programmkinos und Filmfestivals gestärkt und die Verbreitung unterstützt werden." Überhaupt gibt es zwischen ÖVP und SPÖ viele ähnliche Ansätze, etwa dass alle Zugang zu Kunst und Kultur haben und gerade junge Menschen für die Materie begeistert werden sollen. Wesentlich ist für die SPÖ dabei der "freie Eintritt bis 19 Jahre" in die Bundesmuseen. (Strache will den freien Eintritt gleich für die gesamte Familie, allerdings nur für die "österreichische".)

Den Bürgerlichen ist natürlich die "Absicherung und nachhaltige internationale Positionierung der Bundestheater und Bundesmuseen sowie der Nationalbibliothek" wichtig. Die Sozialdemokraten toppen das noch: Sie wollen "gesetzlich wertgesicherte Basisabgeltungen und Investitionsprogramme für Bundeskulturinstitutionen". Die Folgen wären allerdings fatal: Da das Kunst- und Kulturbudget nicht automatisch mit der Inflation steigt, bekämen die Bundeseinrichtungen immer mehr - und für alles andere stünde immer weniger zur Verfügung.

Ungeliebte Barockmuseen

Die Grünen finden, dass schon derzeit in "die Tanker der Repräsentationskultur" zu viel Geld fließt, nämlich drei Viertel des Kulturbudgets. Dieses "Ungleichgewicht" wollen die weniger Belämmerten "korrigieren" und kündigen eine "Umverteilung" an: "Anstatt immer mehr Millionen in Barockmuseen, Bundestheater, Philharmoniker und Ähnliches zu stecken, werden Film, Popmusik, Bibliotheken, Kulturinitiativen und Medienprojekte ausgebaut."

Im Programm der Grünen finden sich, wie in denen der anderen Parteien, etliche alte Forderungen (Neuordnung der Bundesmuseen, alle Kulturagenden in eine Hand, Transparenz statt Privilegien), aber auch eine echte Ansage: Eine Gesellschaft, die den Großteil ihrer Reputation den historischen Leistungen der Kunst verdanke, dürfe die heute tätigen Künstler "nicht Not leiden lassen". Die Kunstschaffenden sollen abgesichert arbeiten können: "Wer weniger als 18.000 Euro im Jahr verdient, erhält die Differenz aus einem Fonds." Da ja, wie es Joseph Beuys in den 1970er-Jahren formulierte, jeder Mensch ein Künstler ist, wären wir flugs bei der Grundsicherung für alle: Man müsste nicht arbeiten - und bekäme 1500 Euro monatlich. Ob unsere Gesellschaft für ein solches Experiment schon reif ist? (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 24.9.2013)

  • Die Politik hat im Wahlkampf auch sonderbare Ideen für Kunst und Kultur.
    foto: facebook/ failmann

    Die Politik hat im Wahlkampf auch sonderbare Ideen für Kunst und Kultur.

  • Die Kreativen reagieren mit Spott und Häme.
    foto: raketa.at

    Die Kreativen reagieren mit Spott und Häme.

Share if you care.