Das Prickeln zwischen Leben und Sterben

24. September 2013, 12:04
2 Postings

Der deutsche Arzt und Journalist Bernhard Albrecht hat für sein Buch die Erfolgsgeschichte außergewöhnlicher Krankheitsverläufe recherchiert

In der aktuellen Debatte um medizinischen Fortschritt gibt es immer wieder die Frage, inwieweit Ärzte sich an Leitlinien halten sollten. Gibt es überhaupt noch Spielraum, um Neues zu versuchen? Und wenn ja, können die nichterprobten und insofern riskanten Therapien schwerkranke Patienten tatsächlich retten? Der deutsche Arzt und Journalist Bernhard Albrecht hat für sein Buch die Erfolgsgeschichte solcher außergewöhnlicher Krankheitsverläufe recherchiert.

Er erzählt neun Schicksale von Menschen, die mehr oder weniger Glück gehabt haben. Da gibt es den indischen Patienten, dem erstmals eine künstliche Speiseröhre implantiert wurde oder die Geschichte eines Paares, das sich dringend Kinder wünschte und deren Zwillinge in der 21. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen. Besonders dramatisch sind die Erzählungen, die nahe am Wunder sind, etwa die Heilungen von HIV oder Darmkrebs.

Albrecht erzählt all diese Einzelschicksale in Form von Kurzgeschichten, die stets nach einem ähnlichen Muster ablaufen. Kurz und knapp werden Patienten und Leidensgeschichten skizziert - in seiner Reduziertheit und damit nur unzureichenden psychologischen Tiefe ist das oft recht unbefriedigend.

Doch Albrecht will stets auch die behandelnden Mediziner in ihrem persönlichen Umfeld darstellen. Das gelingt ihm einmal mehr, in anderen Geschichten weniger. Im schlechtesten Fall entsteht der Eindruck, er wolle die behandelnden Ärzte zu Helden stilisieren.

Jedenfalls spielt Mut stets eine ganz zentrale Rolle und deshalb lesen sich die Geschichten auch zügig und gut. Albrecht versteht es, komplexe medizinische Sachverhalte so zu vereinfachen, dass auch medizinische Laien nicht den Faden verlieren, im Gegenteil. Ein Schuss Voyeurismus ist natürlich auch immer dabei, aber in Zeiten der Arztserien im Fernsehen ginge das wahrscheinlich auch gar nicht mehr ohne.

Hier und da gelingt es dem Autor aber wirklich, die ganze Komplexität der Materie vor seinen Lesern auszubreiten - etwa dann, wenn er zeigt, wie Patienten nach erfolgreicher Behandlung trotzdem nicht glücklich sind. Da sieht man Leben, so wie es ist. Irrational eben. Und es bewahrt alle Leser auch davor, tatsächlich an Wunder im ganz großen Stil zu glauben. Und das ist gut so. (Karin Pollack, DER STANDARD, 24.9.2013)

Bernhard Albrecht
Patient meines Lebens
269 Seiten, 20,60 Euro
Droemer-Verlag 2013

  • Der Autor erzählt neun Schicksale von Menschen, die mehr oder weniger Glück gehabt haben.
    foto: verlag

    Der Autor erzählt neun Schicksale von Menschen, die mehr oder weniger Glück gehabt haben.

Share if you care.