Martin Wuttke: "Mein Nächster ist der radikal Andere"

Interview23. September 2013, 17:12
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Wuttke spielt ab Mittwoch im Akademietheater eine Figur in René Polleschs neuem Stück - In "Cavalcade" wird die Rolle des modernen Subjekts geprüft, erklärt der Starschauspieler

Wien - In der vergangenen Saison spielte er in Berlin drei Molière-Rollen gleichzeitig, führte Regie und war als Leipziger "Tatort"-Kommissar zu sehen. Jetzt kehrt Martin Wuttke nach Wien zurück und wälzt an der Seite von Birgit Minichmayr und Ignaz Kirchner im neuen Stück von René Pollesch Probleme: "Cavalcade or Being a holy motor" (Premiere am Mittwoch, Wiener Akademietheater, 19.30 Uhr). Der Volksbühnen-Star ist rastloser denn je. Die letzte Premiere unter Pollesch liegt nur wenige Wochen zurück.

STANDARD: Ist es nicht schwierig, so kurz nach "Glanz und Elend der Kurtisanen" die nächste Produktion mit Pollesch vorzubereiten?

Wuttke: Natürlich ist es so, dass wir von der vorangegangenen Arbeit in Berlin hier profitieren. Wir sind bereits in einer bestimmten Umdrehung, sind gewissermaßen "im" Stoff. Wir haben unser Thema gefunden, das wir jetzt in eine andere Richtung erweitern. Insofern bildet ein solcher Übergang keinen wahnsinnig großen Unterschied zu unserer üblichen Arbeitspraxis.

STANDARD: Wenn in Polleschs Theater zuletzt Balzac den Gravitationskern gebildet hat - welchen Schwerpunkt steuern Sie hier an?

Wuttke: Wir haben uns an der Volksbühne mit dem öffentlichen Raum beschäftigt, mit den Konventionen zu Balzacs Zeiten. "Glanz und Elend der Kurtisanen" spielt in einer Großstadt, in Paris. Städte wie diese haben zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwischen den Menschen ganz eigene Umgangsformen produziert und provoziert. Man wusste zum Beispiel vom jeweils anderen nicht, wer das ist, dem man da begegnet. Damit hängt zusammen, dass in Balzacs Roman Spieler aufeinandertreffen. Die müssen per Definition wendig sein. Man trifft nicht a priori auf authentische, sondern auf Spieler-Subjekte, die ihrerseits davon ausgehen, dass ihr Gegenüber ein Spieler ist. Unsere Polemik zielt daher auf ein Plädoyer für das Außen ab und gegen die falsche Innerlichkeit. Für den Glanz, gegen das Elend. Die alte Innerlichkeit gibt es nicht mehr.

STANDARD: Wer nicht veränderungswillig ist, der bleibt übrig?

Wuttke: Verlierer sind bei Balzac Menschen, die unaufmerksam sind gegenüber Oberflächen, die sich nur mit ihrer Innerlichkeit beschäftigen. Hier, in "Cavalcade", geht es jetzt um die Beurteilung dieser Subjekte - um die Menschen, denen man in den Städten begegnet. Wir leben ja schließlich in einer modernen großstädtischen Welt. Wer ist es, dem man da begegnet? Ist es der "Ähnliche"? In Wien fällt mir ein Wahlplakat auf: "Liebe deinen Nächsten". Der Nächste, der da gemeint ist, ist ein niedlicher Nächster, der mir enorm ähnlich ist, sonst würde das Wahlplakat wohl nicht funktionieren. Das legt den Schluss nahe, dass es Nächste gibt, die einem Angst machen. Der kaum versteckte Faschismus, das Prinzip der Selektion, das in dieser Botschaft enthalten ist, beruht auf dieser Verniedlichung des Nächsten. Ist der Nächste mir nicht a priori vielleicht hochgradig unähnlich? Selbst wenn er mir sehr ähnlich sieht, er so wie ich zwei Augen, zwei Ohren und einen Mund hat, so hat er die eben nur "auch". Vielleicht ist dieses Wesen, das mir da gegenübersitzt, etwas radikal Anderes.

STANDARD: Verdammt uns die Gesellschaft nicht zur Mobilität, zum "Redesigning" unserer Anlagen?

Wuttke: Die Frage lautet: Wenn man die vorherrschende Idee des Individuums, die Dominanz des Individuellen in unserer Gesellschaft, die damit verbundene falsche Innerlichkeit aufgeben könnte, würden sich nicht ganz andere Möglichkeiten für uns alle eröffnen? Jenseits des Gefühls, zu was auch immer verdammt zu sein. Vielleicht könnten wir dann uns selbst und diese Welt auch wieder genießen. Aber dazu müssen wir uns als andere Wesen begegnen. Und wie könnten die aussehen?

STANDARD: Inwieweit spielt die Überforderung des Zuschauers im Pollesch-Theater eine Rolle? Der Text wird manchmal "Sound".

Wuttke: Wir wissen, wovon wir da reden. Darum dreht sich auch unsere Arbeit: sich zu verständigen über Themen, die uns beschäftigen. Unser Wunsch besteht absolut darin, dass die Inhalte unserer Arbeit gehört werden können. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Überforderung muten wir ja auch uns selbst zu. Wir breiten keine Wahrheiten aus, wir markieren Probleme. Es geht nicht darum, theoretische Texte zu explizieren. Wann können diese Texte zu einem Instrument werden, für unser Leben, um einen anderen Zugriff auf unsere Existenz zu kriegen? Dabei geht es auch darum, einen Mehrwert zu produzieren. Wir wollen unterhalten. Ich bin stolz darauf, dass unsere Aufführungen in Berlin Kassenschlager sind. Trotz oder wegen Überforderung, weiß ich nicht.

STANDARD: Steht nicht Ihre ganze Arbeit unter dem Vorzeichen der gezielten Selbstüberforderung?

Wuttke: Auch Überforderung ist ein Instrument. Es passieren einfach andere Dinge bei höherer Betriebstemperatur. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob man zu Hause alles fein säuberlich vorbereiten kann. Dann bleibt man ein Schreibtischtäter. Oder ob man sich in einen anderen Zustand versetzt, um etwas an jemand anderen heranzutragen. Davon lebt das Theater eben auch. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 24.9.2013)

Martin Wuttke (51) stammt aus Gelsenkirchen. Sein Weg führte ihn über das Frankfurter Schauspiel an alle wichtigen Bühnen Berlins. Wuttke führt auch Regie.

  • Im Theater von Autor und Regisseur René Pollesch spielt Martin Wuttke "Boulevard", bedient sich dabei aber der Worte aus Gesellschaftstheorien und Wissenschaftsdiskursen. 
    foto: heribert corn

    Im Theater von Autor und Regisseur René Pollesch spielt Martin Wuttke "Boulevard", bedient sich dabei aber der Worte aus Gesellschaftstheorien und Wissenschaftsdiskursen. 

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