Generationenvertrag: "Keinem Hüftgelenke klauen"

Interview24. September 2013, 09:13
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Die Solidardität der Älteren hört auf, wenn es um die Kinder anderer geht, meint Wolfgang Gründinger. Das Trostpflaster Erbe reiche nicht

Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten. Ein Trend, der die Gesellschaft das Fürchten lehren sollte, wie die einen sagen? Oder eine Herausforderung und Gestaltungsaufgabe, die zu bewältigen ist? In Österreich ist hinsichtlich des Pensionssystems einiges geschehen. Aber es bleibt noch viel zu tun.

In Deutschland hat sich vor einigen Jahren mit der Stiftung für die Rechte künftiger Generationen ein parteiunabhängiger Thinktank gegründet, der sich der Generationengerechtigkeit verschrieben hat. derStandard.at sprach mit Vorstandsmitglied Wolfgang Gründinger über höhere Erbschaftssteuern - in Deutschland wurde die Erbschaftssteuer im Gegensatz zu Österreich nicht abgeschafft -, große Volksparteien als Pensionistenparteien und den Problemdruck der Jungen.

derStandard.at: Sie sind Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Braucht es so etwas?

Gründinger: Auf jeden Fall. Künftige Generationen haben keine Stimme. Deswegen braucht es einen Anwalt, der die Wünsche, Rechte und Interessen im heutigen System wahrnimmt.

derStandard.at: In Deutschland und Österreich werden beziehungsweise wurden gerade Wahlen geschlagen. Hierzulande ist eines der Schlagworte in einem Wahlprogramm: sichere Pensionen. Würden Sie als junger Mensch sich da angesprochen fühlen?

Gründinger: Das kommt darauf an, was mit den sicheren Pensionen gemeint ist. Wenn das nur für die heutigen Alten gelten soll und nicht für meine Generation, dann fühle ich mich nicht vertreten.

derStandard.at: Hierzulande haben Sozialdemokraten und Volkspartei vor allem eher alte, Grüne eher junge Wähler. Weil sich Demokratie an der Mehrheit orientiert, muss die Politik auf die Alten mehr Rücksicht als auf die Jungen nehmen. Dabei können die heute 40-Jährigen einen Lebensstandard, wie ihn die heute 60-Jährigen haben, nicht erwarten. Haben Sie Ideen, wie ein Ausgleich erfolgen könnte?

Gründinger: Das ist schwierig. Die Parteien müssen sich jedenfalls allesamt öffnen und dann auch versuchen, die Interessen der Jungen zu repräsentieren. Wenn wir tatsächlich nur plakatieren: "Sichere Pensionen für alle!", dann ist das nichts, was die Jungen hinterm Ofen hervorholt. Junge Menschen sind ohnedies sehr skeptisch, was die Parteien betrifft, weil sie sich von ihnen nicht angesprochen und nicht vertreten fühlen. Österreich hat zumindest den Vorteil, dass es da schon Wahlen ab 16 gibt, was wir in Deutschland leider noch nicht haben. Aber die Wählergruppe ist immer noch sehr klein, wenn man sie mit den 60- und 70-Jährigen vergleicht. Damit rentiert sich das auch gar nicht für die Parteien, die Jungen anzusprechen. Die wichtigste Zielgruppe ist über 60 Jahre alt. Um die jungen, urbanen, modernen Bürger kümmert man sich dann gar nicht mehr.

derStandard.at: Beruht diese Missachtung nicht auf Gegenseitigkeit? Man sagt der jungen Generation auch ein hohes Maß an Politikverdrossenheit nach.

Gründinger: Die junge Generation ist sehr versprengt und steht unter erheblichem Problemdruck. Studienplatz finden, bezahlbaren Wohnraum finden. Da kommt Politik oft zu kurz, auch weil diese Generation sehr skeptisch geworden ist, was Politik angeht. Deswegen braucht es mehr Engagement und Gemeinsamkeit in der jungen Generation, denn mit den Alten alleine können wir es nicht schaffen.

derStandard.at: Jeder weiß, dass Staaten wie Deutschland und Österreich einiges mehr für die Älteren als für die Jüngeren ausgeben. Wer provokant sein wollte, könnte sagen: Fette Autos, dicke Motorräder, große Wohnungen können sich heute in erster Linie ältere Herrschaften leisten. Muss man heute sagen, die Altvorderen fressen den Jungen die Haare vom Kopf?

Gründinger: So schlimm ist es natürlich nicht. Und vor allem kann man das natürlich nicht den einzelnen Menschen anlasten. Innerhalb der Familie funktioniert der Generationenvertrag ja auch, sogar sehr gut. Die Älteren kümmern sich um ihre Kinder und Enkelkinder mit Zeit und mit Geld. Aber, und das ist das große Problem: Die Solidarität zwischen Alt und Jung hört sehr schnell auf, wenn es um die Kinder anderer geht. Und wenn es konkret wird.

derStandard.at: Wie zum Beispiel?

Gründinger: Na, zum Beispiel bei so einem banalen Thema wie Lärm: Kinderlärm ist Zukunftsmusik, aber bitte nicht vor meiner Haustür.

derStandard.at: Wollen Sie damit sagen, dass die heutigen Alten unduldsamer sind als frühere Generationen?

Gründinger: Das weiß ich nicht, denn ich lebe erst seit 29 Jahren. Aber auf jeden Fall sind sie mehr. Und sie haben das Land so gemacht, wie es heute ist. Was die heutige ältere Generation von früheren unterscheidet, ist eben, dass sie die Masse der Wähler stellt, dass sie die finanziellen Ressourcen hat und dass sie die Zeit hat, diese einzusetzen. Das ist eine historisch einmalige Situation.

derStandard.at: Andererseits haben viele Ihrer Generation in finanzieller Hinsicht sehr rosige Aussichten, Stichwort Erbengeneration. Kann das Ausgleich schaffen?

Gründinger: Tatsächlich heißt es immer, dass die gesamten Reichtümer der Alten einmal zu uns wandern werden. Aber den meisten nützt das nichts, denn wenige erben sehr viel. Das ist ja kein Transfer von den reichen Alten zu den armen Jungen, sondern ein Transfer von den reichen Alten zu den reichen Jungen. Außerdem leben die Menschen heute auch länger als früher. Die nachfolgende Generation tritt ihr Erbe viel später an als früher. Wenn heute die Menschen den Planeten verlassen, sind sie 80 oder 90 oder noch älter. Und die Kinder sind dann 50 oder 60 Jahre alt. Dann ist das kein Vererben von Alt zu Jung, sondern von sehr Alt zu Alt.

derStandard.at: Der Politologe Anton Pelinka warnt davor, dass die Alten radikale Parteien wählen könnten, weil es in Österreich den Großparteien nicht gelingen würde, die Interessen der Alten zu zähmen und weil sie sich gegen eine gesellschaftliche Umverteilung wehren würden nach dem Motto "Wir haben unsere Altersvorsorge nicht geschenkt bekommen". Sehen Sie diese Gefahr?

Gründinger: Daran glaube ich nicht, denn die Demokratie funktioniert immer noch nach Mehrheiten. Und die großen Volksparteien werden gar nicht darum herumkommen, die Interessen der Alten zu berücksichtigen, wenn sie gewählt werden wollen. Die Wähler brauchen gar keine Rentnerparteien, denn die großen Volksparteien sind Rentnerparteien. Deswegen werden Parteien wie die Grauen Panther und andere Rentnerparteien keine Chance haben.

derStandard.at: Der demografische Wandel hat auch Gutes. Weniger Kinder, mehr Kranke, mehr Alte bedeutet zum einen höheren Bedarf an Zuwanderung, aber auch weniger Druck am Arbeitsmarkt für die Jungen. Sehen Sie eher die Chancen oder die Risiken?

Gründinger: In den nächsten zehn bis 20 Jahren wird sich der Arbeitsmarkt deutlich entspannen. Was wir heute an sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen haben, wird dann wohl so gestaltet werden, dass auch die Arbeitnehmer etwas haben.

derStandard.at: Manche warnen vor Spaltungen der Gesellschaft, gerade am Arbeitsmarkt. Statt Solidarität der Generationen spricht man am Arbeitsplatz von einer neuen Konkurrenz. Früher waren Jung und Alt in verschiedenen Arbeitsmärkten, jetzt konkurrieren sie um dieselben Jobs. Das zu niedrige Pensionsantrittsalter ist das eine, die fehlenden Jobs sind das andere. Haben Sie eine Idee?

Gründinger: Das ist nicht einfach zu lösen. Aber ich stelle mir zum Beispiel vor, dass das Image von Berufen wie Kindererzieherinnen und Altenpflegerinnen gesellschaftlich gestärkt wird und dass diese Wertschätzung sich auch im Lohn niederschlagen muss. Um bessere Bezahlung für die sozialen Berufe werden wir nicht herumkommen.

derStandard.at: Wie gehen Ihre Eltern und Großeltern damit um, dass Sie ein bisschen an ihren sogenannten wohlerworbenen Rechten kratzen?

Gründinger: Das ist ein Missverständnis. Ich möchte keinem alten Menschen die sauer verdiente Rente klauen. Und ich möchte auch niemandem die Hüftgelenke wegnehmen. Ich möchte nur, dass auch die junge Generation eine Perspektive auf eine sichere Altersvorsorge hat.

derStandard.at: Aber es ist auf jeden Fall eine Umverteilungsfrage, und geben kann man nur, wenn man auch nimmt.

Gründinger: Es ist auf jeden Fall eine Umverteilungsfrage von Alt zu Jung, was ich zum Beispiel gerne lösen würde über eine höhere Erbschaftssteuer. Einnahmen daraus sollten in Kinderbetreuung und Bildung fließen. Das würde auch ausdrücken, dass die ältere Generation für die gesamte jüngere Generation Verantwortung übernehmen muss und nicht nur für die eigenen Kinder.

derStandard.at: Sie haben einmal gemeint: "Wir wollen gut leben statt viel haben." Was darf man sich darunter vorstellen?

Gründinger: Wir rennen nicht mehr der Kapitalakkumulation hinterher. Für uns zählt nicht nur reines Wirtschaftswachstum. Für uns zählt, ob wir Freunde und Familie haben, mit denen wir gut auskommen, ob wir genug Zeit haben. Wir streben gar nicht mehr nach der großen Karriere, 40 Jahre innerhalb des gleichen großen Unternehmens. Für uns reicht es schon, wenn wir unsere Miete für die WG bezahlen können und die Clubnacht am Wochenende. Das war's eigentlich schon.

derStandard.at: Das scheinen keine illusorischen Vorstellungen zu sein.

Gründinger: Ja, aber natürlich bekommen wir von älteren Managern zu hören: In eurem Alter, da habe ich nach Gehaltserhöhung gefragt. Und was fällt euch ein, ihr faulen und bequemen Luxusjungen? Ihr fragt nach Elternzeit. Deswegen brauchen wir auch bei der älteren Generation einen Mentalitätswechsel. (Regina Bruckner, derStandard.at, 24.9.2013)

Wolfgang Gründinger (Jahrgang 1984) ist Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Er studierte Politik- und Sozialwissenschaften in Regensburg, Berlin und Santa Cruz/Kalifornien und veröffentlichte mehrere Bücher, darunter "Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird" und "Aufstand der Jungen. Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können". Er ist Mitglied des Thinktanks 30 des Club of Rome und des Landesrats für digitale Entwicklung und Kultur Rheinland-Pfalz.

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Wolfgang Gründinger

  • Wolfgang Gründinger: Es rentiert sich nicht für die Parteien, die Jungen anzusprechen. Die wichtigste Zielgruppe ist über 60 Jahre alt. Um die jungen, urbanen, modernen Bürger kümmert man sich gar nicht mehr.
    foto: david ausserhofer

    Wolfgang Gründinger: Es rentiert sich nicht für die Parteien, die Jungen anzusprechen. Die wichtigste Zielgruppe ist über 60 Jahre alt. Um die jungen, urbanen, modernen Bürger kümmert man sich gar nicht mehr.

  • Gründinger: Die Solidarität zwischen Alt und Jung hört sehr schnell auf, wenn es um die Kinder anderer geht.
    foto: ap/mok

    Gründinger: Die Solidarität zwischen Alt und Jung hört sehr schnell auf, wenn es um die Kinder anderer geht.

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