Die Sehnsucht nach schmutzigen Fingernägeln

23. September 2013, 14:39
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Für das eigene Stück Natur entwickeln Städter kreative Lösungen: Fassaden werden zu Gemüsegärten und Dächer zu Fischzuchtbecken

Wien - Vor ein paar Monaten wurde die rund 300 Quadratmeter große Freifläche in der Kirchengasse 44 in Wien-Neubau noch als Müllplatz und Hundeklo genutzt. Seit diesem Sommer bietet sich Passanten ein völlig anderes Bild: Es gedeihen Salate, Paprika, Kürbisse, Rote Rüben und Physalis. Dazwischen laden Sessel zum Verweilen ein. Die Verschönerung des Grätzels ging von 15 Anrainern aus. Nach den notwendigen Behördengängen bekamen die "Salatpiraten" die Erlaubnis der Stadt Wien, den Platz vorerst für zwei Jahre zu nutzen.

Die Pflanzen wachsen in Hochbeeten, Trögen, Getränkekisten oder aufgeschnittenen Tetrapaks. Testweise wurden Kürbisse und Zucchini direkt in den Boden gepflanzt. Vor dem Verzehr soll die Ernte aber untersucht werden. "Der Boden war überraschend gut. Es war kein Abfall vergraben, und wir haben viele Regenwürmer gefunden", berichtet Salatpirat Georg Demmer.

Die essbare Stadt

Die Idee, unbenützte Flächen zu nutzen, stammt ursprünglich aus New York. Verdorrte Rasen, kahle Flachdächer, vernachlässigte Parkanlagen und Bauruinen verwandeln sich in blühende Gärten mit essbaren Pflanzen. "Das ist keine Modeerscheinung, sondern für viele schlichtweg der Rettungsanker", sagt Klaus Neumann. Der deutsche Landschaftsarchitekt beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema. Die Sehnsucht nach der Natur in der Stadt entstehe dadurch, dass die Menschen einen Ausgleich zur Arbeit am Computer und zunehmenden Technisierung der Kommunikation suchen.

Die Frage ist, wo noch unreglementiertes Grün ohne starre Regeln einer Kleingartensiedlung oder landwirtschaftliche Interessen stattfinden kann. Neumann sieht einerseits eine Chance bei den Stadtparks: "Es muss überall gespart werden. Und Natur hat keine Lobby. Zunächst wird immer am Grün gespart." Diese Lücke können Stadtbewohner nutzen. Doch auch Flächen, die bisher noch nicht im Blickpunkt waren, werden bereits kreativ aufgewertet: Dächer und Fassaden. In Mailand sorgten vertikale Gemüsegärten auf Hausmauern für Aufsehen. Auf den Dächern von New York finden sich komplette Fischzuchten.

Auf kleinem CO2-Fuß

Urbane Grünflächen werden in Zukunft immer wertvoller: Bereits 70 Prozent der Europäer leben in Städten. Bis 2050 werden laut UN-Prognose vier von fünf Menschen weltweit in Metropolen zu Hause sein. Für die Umwelt ist die Verstädterung prinzipiell eine große, aber bisher unterschätzte Chance. Städte mit mehr als 100.000 Bewohnern nehmen nur weniger als ein halbes Prozent der weltweiten Landfläche ein. Den Bewohnern von Großstädten wird regelmäßig eine gute Ökobilanz ausgestellt. Denn was man konsumiert und ob man den Müll trennt, ist zwar wichtig. Doch entscheidend ist vor allem, wo man wohnt. Das erklärt, warum der durchschnittliche CO2-Abdruck eines New Yorkers 7,2 Tonnen, jener eines US-Bürgers jedoch 17 Tonnen beträgt. Für Österreich kommen die aktuellsten erhobenen Zahlen aus dem Jahr 2010. Während der Pro-Kopf-Ausstoß damals in Österreich 10,1 Tonnen betrug, lag er in Wien bei 5,8 Tonnen pro Person.

"Das Eigenheim im Grünen vernichtet genau dies", lautet dazu die provokante These von Katja Trippel und Barbara Schaefer. Ihr neues Buch Stadtlust ist ein Plädoyer für das Leben in Metropolen. Denn Städter sind vor allem deshalb Klimaretter, weil sie ihre täglichen Wege viel häufiger mit U-Bahnen, Bussen und Fahrrädern zurücklegen. In einem zersiedelten Gebiet wird der Kofferraum zum Einkaufswagen, die Kinder müssen fast überallhin gefahren werden. Die kompakt gebauten Großstädte punkten außerdem mit hohen Wohnhäusern und U-Bahn-Tunneln, sagen die Autorinnen: "Der Natur wäre es am liebsten, alle Menschen würden in der Stadt leben."

Und das Bedürfnis nach Natur könne schließlich auch in der Stadt ausgelebt werden. Der Nebeneffekt: Man lernt seine Nachbarn kennen, berichtet Salatpirat Demmer. Die serbische Familie im Erdgeschoß wirft ein Auge auf das kostbare Grün, eine Anrainerin kann als ehemalige Bäuerin wertvolle Tipps beisteuern. Passanten geben Gartenutensilien ab. Vandalismus oder Diebstahl sei noch nie vorgekommen. (Julia Schilly, DER STANDARD, 23.9.2013)

  • Georg Demmer und einige Bewohner des siebten Wiener Gemeindebezirks haben ein Stück Freifläche begrünt. Zuvor verkam der Ort als Müllabstellplatz und Hundeklo, jetzt wachsen dort Zucchini, Kräuter und Paprika.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Georg Demmer und einige Bewohner des siebten Wiener Gemeindebezirks haben ein Stück Freifläche begrünt. Zuvor verkam der Ort als Müllabstellplatz und Hundeklo, jetzt wachsen dort Zucchini, Kräuter und Paprika.

  • Gemüsestauden aus Getränkekisten: Solange nicht klar ist, wie die Qualität des Bodens ist, wird improvisiert.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Gemüsestauden aus Getränkekisten: Solange nicht klar ist, wie die Qualität des Bodens ist, wird improvisiert.

  • Der Gemeinschaftsgarten in der Kirchengasse wird nun bald eingewintert. Die erste Saison wurde gemeistert, der Vertrag mit der Stadt Wien sieht zumindest ein weiteres Jahr Salatpiraterie vor.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Der Gemeinschaftsgarten in der Kirchengasse wird nun bald eingewintert. Die erste Saison wurde gemeistert, der Vertrag mit der Stadt Wien sieht zumindest ein weiteres Jahr Salatpiraterie vor.

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