"Dann sagen Sie mir bitte, warum das Bullshit ist"

Analyse23. September 2013, 14:42
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Neuwal.com und zige.tv veranstalteten die "große Konfrontation der Kleinen" zwischen KPÖ, Piraten und Neos

In einem sind sich die drei Kleinparteien, die bundesweit an der Nationalratswahl teilnehmen, einig: Es ist nicht fair, dass sie in den Diskussionssendungen und Spezialformaten zur Wahl von den Medien und insbesondere dem ORF ausgeschlossen werden. Und so beginnt die erste Konfrontation der Spitzenkandidaten von Neos, Piratenpartei und KPÖ, die am Freitagabend live auf neuwal.com und dem Onlinesender zige.tv übertragen wurde, recht idyllisch: Matthias Strolz von den Neos und Mirko Messner von der KPÖ erklären harmonisch, welche demokratiepolitischen Bedenken sie bezüglich dieses medialen Ausschlusses haben und dass die Hürden für Kandidatur und Einzug ins Parlament zu hoch seien.

That 70s Show

Schon hier wird deutlich, wodurch sich diese Konfrontation von den klassischen unterscheidet: Es handelt sich tatsächlich um Gespräche zwischen einander respektierenden Menschen. Das liegt zu einem beträchtlichen Teil an dem gewählten Modus der Konfrontation: Man hat sich das legendäre Kreisky-Taus-Gespräch von 1975 zum Vorbild genommen und komplett auf Moderation und Themensetzung verzichtet.

 

Das TV-Duell Kreisky - Taus (1975) in Originallänge.

Der Zufall entscheidet darüber, wer anfangen darf und wer das Schlusswort bekommt, die Kandidaten haben für ihre Statements zwei Minuten Zeit. Bei Ablauf der Zeit leuchtet ein Lämpchen auf. Außer Begrüßung und Abmoderation gibt es keine Einflussnahme von außen, sogar Studio und Mobiliar sind minimalistisch gehalten: erfrischend entschlackt.

 

Polit-Cyborg

Neos-Spitzenkandidat Strolz ist gewohnt professionell, durchgecoacht und natürlich mit Requisiten bewaffnet. Ein Pappkanzler und -vizekanzler wohnen der gesamten ersten Diskussion als Strohmänner für diverse Angriffe bei. Überhaupt scheint es, als würde Strolz lieber über die Fehler der großen Koalition sprechen, als sich mit der politischen Weltsicht des Gegenübers auseinanderzusetzen. Er ist rhetorisch wie und vor allem auf die "Großen" vorbereitet, doch Messner und Klausner spielen in einer ganz anderen Gewichtsklasse. Folglich geht seine Strategie nicht vollkommen auf: Messner zeigt Widersprüche in Strolz' "Anpacken"-Stehsätzen auf, und Klausner lässt sich von Strolz' Überheblichkeit und Provokationen überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Für emotionale Ausrutscher wie "Das ist Bullshit!" als Beleg für Strolz' Menschlichkeit ist man dann doch dankbar.

 

Ruhiger Punk

Messner, der "Punk der österreichischen Politik", wie ihn die ORF-Journalistin Julia Ortner nannte, kann bei den Konfrontationen seine Themen mit Abstand am besten anbringen. Sozialstaat, Wirtschaft, Arbeit - er zieht seine Gegenüber ruhig und bestimmt auf sein Terrain und schlägt sie dort mühelos. Der erfahrene Spitzenkandidat lässt sich auch von den üblichen ideologischen Vorwürfen gegen Kommunisten nicht beirren - das Gespräch über die Verbrechen Stalins und die "gescheiterte Idee des Kommunismus" hatte er schließlich bestimmt schon tausendmal. Was Messner an Charisma und stimmlicher Präsenz fehlt, macht er fast mit Routine und Gelassenheit wett.

 

Höflicher Pirat

Etwas steif und wenig angriffig zeigt sich Lukas Daniel Klausner von den Piraten. Es ist seine erste politische Konfrontation und das merkt man - er fasst von allen die wenigste Redezeit aus. Darunter leidet auch das Themensetting der Piraten: Über Netzpolitik, direkte Demokratie und Partizipationsmöglichkeiten wird nur am Rande gesprochen. Die Piratenpartei hat Schwierigkeiten, sich bei der Sozialpolitik von der KPÖ sowie in wirtschaftlichen Fragen von den Neos abzugrenzen. Mit den berechtigten Vorwürfen, was E-Voting und mangelnde Transparenz bei Neos-Entscheidungen angeht, landet Klausner jedoch einen Volltreffer. Die Sympathien des Publikums sind ihm vor allem gegen Strolz sicher.

 

Frisch, spontan und abwechslungsreich ist die "große Konfrontation der Kleinen" und damit alles, was dem heimischen Polit-Talk momentan fehlt. Durch die Abwesenheit von Moderation bildet sich eine dynamische Gesprächssituation aus, überraschenderweise entstehen nicht mehr Wiederholungen und Schreiduelle als mit Schiedsrichter. Der ORF und alle anderen Fernsehsender würden sich selbst ein Gutes tun, die kleinen Parteien in den politischen Diskurs einzubeziehen: Nicht nur demokratiepolitisch wäre das unerlässlich. Auch sorgen neue Gesichter und Themen für jene Abwechslung, die der österreichische Polit-Talk und vor allem die Zuseher dringend brauchen.

 

 

(Olja Alvir, daStandard.at, 23.9.2013)

  • Matthias Strolz von den Neos und Mirko Messner von der KPÖ. Spindelegger und Faymann sind als Pappfiguren dabei.

    Matthias Strolz von den Neos und Mirko Messner von der KPÖ. Spindelegger und Faymann sind als Pappfiguren dabei.

  • Lukas Daniel Klausner von den Piraten und Mirko Messner.

    Lukas Daniel Klausner von den Piraten und Mirko Messner.

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