Ein Tanz knirscht in der Gesellschaft

22. September 2013, 18:32
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Der belgische Performancemacher Kris Verdonck und die österreichische Choreografin Anne Juren verunsichern zum Auftakt des Steirischen Herbstes das Publikum

Graz - Zwei beunruhigende Bühnenarbeiten prägten den Einstand des diesjährigen Steirischen Herbstes mit. Beide wurden dem Festivalmotto Liaisons dangereuses mehr als gerecht: Kris Verdoncks Musiktheaterperformance H, an incident in der Helmut-List-Halle und Anne Jurens Tanzstück Happy End als Uraufführung im Dom im Berg.

Sowohl Verdonck als auch Juren sind in definitiv gefährliche Liebschaften zu Literaten geraten, um deren Werke sie ihre Stücke bauen. Der belgische Regisseur und bildende Künstler arbeitet mit dem absurden Witz des St. Petersburger Dichters Daniil Charms (1905-1942). Und die aus Frankreich stammende Wiener Choreografin mit den Gesten in dem Amerika-Roman des in Prag geborenen Franz Kafka (1883-1924). In den Strukturen der beiden provisorisch wirkenden Bühnenwerke knirscht es merklich.

Verdonck hat sich für H, an incident, das vergangenen Mai beim renommierten Brüsseler Kunstenfestival uraufgeführt wurde, die isländische Choreografin Erna Ómarsdóttir ins Boot geholt. Gemeinsam transferieren sie etwas von der Stimmung der russischen Avantgarde in die Gegenwart: Auf den künstlerischen Aufbruch nach der Oktoberrevolution war ab Mitte der 1920er-Jahre eine große Ernüchterung gefolgt. Stalin zerstörte grausam die utopischen ästhetischen und sozialen Träume der neuen Künstler. Auch Charms gehörte zu seinen Opfern. Er wurde in einem Irrenhaus ermordet.

Die Spannungen zwischen den anarchistischen Visionen der Avantgarde und dem ideologischen Apparat des stalinistischen Politsystems liegen bei H, an incident in der Luft. Ein überschnappender Putztrupp, ein Tanzmädchen-Chor, ein magischer Kasten, eine Rollschuhakrobatin mit Piepsstimme, eine Gurkenverkäuferin sowie ein erratisches, mechanisches Orchester beherrschen die Bühne. Je länger das Stück dauert, desto besser scheinen seine Metaphern auf unsere Gegenwart zu passen, in der alles, auch die Kunst, nach Maßstäben seiner unmittelbaren Nutzbarkeit gemessen wird.

Durch Daniil Charms' Texte blitzt eine verstörende Brutalität. Verdoncks Strategie, diese Brutalität szenisch nicht zu illustrieren, geht auf. So wird die gesamte Atmosphäre - verstärkt durch den Sound von Jónas Sen und Valdimar Jóhansson - zur sinistren Absurdität aus Choreografie, Schauspiel und Musical.

Beinahe noch verunsichernder wirkt Anne Jurens Happy End, das in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Roland Rauschmeier und dem Lichtdesigner Bruno Pocheron entstanden ist. Auch hier werden Ordnungen und Erwartungen über den Haufen geworfen. Erst scheint es, als ob Kafkas Amerika über eine groteske Pantomime nacherzählt werden soll. Doch das Erzählerische bleibt stecken, dreht durch und auf der Stelle. Dafür gestikulieren Figuren in komischen Jahrhundertwendekostümen stumm auf einer alten Amerika-Landkarte vor sich hin.

Völlig rätselhaft scheint vorerst der im Programm angekündigte Bezug zu Martin Kippenbergers Installation The Happy End of Franz Kafka's ,Amerika'. Erst später, wenn Bild- und Filmausschnitte einprojiziert werden, wird deutlich, dass die ganze Struktur auf das Scheitern der großen Erzählung - von Kafka und der Geschichte überhaupt - hinzielt. Eine echte Herausforderung für die Zuschauer: Kafka zerfasert, Kippenberger gekippt, Hitchcocks Die Vögel zerschnipselt und in Buchtitel wie Der Häßliche und die Leidenschaften gemischt.

Verdonck und Juren weigern sich, ihre Kunst als Sinnvermittler zurechtzustutzen. Das Knirschen in den Strukturen ihrer Arbeiten entspricht dem Krachen im Gebälk unserer Gesellschaft. Hoffentlich bleiben diese Stücke provisorisch, sonst könnten sie beginnen, ihr kulturbewusstes Publikum zu beruhigen. Das wäre schrecklich. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 23.9.2013)


  • Spannungen zwischen den anarchistischen Visionen der Avantgarde und dem ideologischen Apparat des stalinistischen Systems: Kris Verdoncks "H, an incident".
    foto: silveri

    Spannungen zwischen den anarchistischen Visionen der Avantgarde und dem ideologischen Apparat des stalinistischen Systems: Kris Verdoncks "H, an incident".

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