SPÖ: "Wir raufen mit Händ' und Füß'"

22. September 2013, 17:55
97 Postings

"Hau ma uns eini wie seinerzeit!": In der Obersteiermark startete Werner Faymann den Endspurt im Wahlkampf

Bruck an der Mur - Norbert Gassner hat sich zerspragelt. Von Tür zu Tür ist er in seinem Heimatort Gußwerk getingelt, um für den Ausflug in die 55 Kilometer entfernte Stadt zu werben. Doch der Zulauf war nicht so, wie der 50-Jährige erhofft hatte. Abgesehen von "zwei, drei Dirndln" sind wieder nur die älteren Getreuen in den Charterbus gestiegen.

Viele Sessel im Brucker Kulturhaus sind schon lange vor Beginn besetzt, es ist ein Publikum, das nicht gerne steht. Das Gros im Saal ist im Bereich des Pensionsantrittsalters - eher des gesetzlichen als des faktischen - angesiedelt, die junge Minderheit ließ sich in den vorderen Reihen drapieren. Groß sind ihre Gesichter im Kamerabild, als Werner Faymann und die Elite der steirischen SPÖ ein paar Minuten später einmarschieren, um ihre "starken Stimmen" ans Parteivolk zu richten.

In Bruck haben rote Wahlkampfevents Tradition. Wenn es den klassischen Arbeiter noch gibt, dann hier in der Obersteiermark. Fabriksschlote zieren das Ortsbild wie einst zur Blüte der Stahlindustrie, nur dass die Paradebetriebe heute mit einem Viertel der Belegschaft auskommen. Mühsam hat sich die Region nach dem Niedergang in den Achtzigern aufgerappelt, die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch.

"Milliardäre machen Politik"

"Immer mehr im Hintertreffen" wähnen sich der Lokalpolitiker Gassner und seine Genossen aus dem Mariazellerland. Die Jungen rennen den Jobs in die Städte nach, die Schulen sperren zu, mit dem Benzinpreis wächst die Distanz zu den Zentren - und auch in der großen Politik "werden die Zeiten nicht besser". Ob Arbeitnehmerrechte oder Sozialstaat: "Seit Jahren raufen wir mit Händ' und Füß', um wenigstens das Erreichte zu verteidigen", sagt einer aus der Gruppe. "Die Politik machen bald nur mehr die Milliardäre."

Von Menschen, "die a bisserl a Geld haben", erzählt auch Franz Voves. Er könne sich noch lebhaft daran erinnern, wie diese "megageilen, coolen" Typen dem ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser nachgerannt seien, um sich bei einer Verkaufsshow in Graz schwindlige Investmentfonds aufschwatzen zu lassen. Gerne hätte Voves sie nach Ausbruch der Finanzkrise als Landeshauptmann im Burghof empfangen und dem Lamento gelauscht: "Ich bin so dumm, die Dummheit bringt mich um."

Voves erledigt für den Star des Nachmittags das "warming up", wie er sagt. Erst einmal entschuldigt sich der Landeschef für seine ramponierte Lippe, die entweder von allzu stürmischer Aktion mit "meiner Ingrid" oder reichlichem Achterlkonsum aus schlampig gewaschenen Gläsern beim "Aufsteirern"-Fest stamme; auf den Mund gefallen ist er hingegen nicht. "Hau ma uns eini wie seinerzeit!", erinnert Voves an den eigenen Aufstieg zur Macht und die düsteren Alternativen. Die Gefahr der "Buaberlpartie" sei keineswegs gebannt, "vielleicht haben die Buaberln diesmal an Schmiss".

Nachredner Faymann fährt die Pointendichte radikal zurück, knüpft aber am selben Motiv an. Ob "Schwarz-Blau-Stronach" die Oberhand gewinne, warnt der Kanzler wahlarithmetisch realistischer als bei früheren Gelegenheiten, könne nur "an einem einzigen Tag" entschieden werden - und nicht nur das. Ein "diametraler Richtungsstreit" tobe in Österreich wie in ganz Europa: Bringt die Zukunft Massenarbeitslosigkeit, Arbeitnehmerentrechtung und "haltlose" Privatisierungen? Oder setzten sich doch jene Kräfte durch, die nicht nur den Bedürfnissen der Banken gehorchten?

"Unfair ist leichter"

Weil sich Faymann zu Letzteren zählt, will er jene "ein bisserl mehr" zahlen lassen, "die es am leichtesten haben". Vergessen ist, dass der SPÖ-Chef vor fünf Jahren noch höchst angespeist reagiert hatte, als der von der "Krone" als "Kernölsozialist" verspottete Voves forsch auf Vermögenssteuern drängte, denn nun propagiert Faymann selber welche. "Einfacher ist es, neoliberaler Politiker zu sein, da erhöht man einfach die Konsumsteuern", sagt er. "Ja, das Unfaire ist immer das Leichtere."

Dieses Gefühl beschleicht auch so manchen Gast, der die Rede bei Gösser und Frankfurter mit Kren nachklingen lässt. "Wir sind super durch die Krise kommen. Punkt, aus", sagt ein Genosse, der ortsüblich mit Steiererjoppe adjustiert ist. Aber wird die SPÖ am kommenden Sonntag dafür belohnt? Kopfschütteln. Traurig, dass man schon über einen Dreier vorm Ergebnis froh sein müsse.

"Die Österreicher müssen erst bluten, damit sie merken, wie gut sie es haben", meint Siegfried Hofbauer. In den vergangenen Jahren hat der Bürgermeister von Breitenau am Hochlantsch selbst aufgemuckt, weil die "eigene" Landesregierung die örtliche Schule zusperren will. Die Gemeinde klagte sogar beim Verwaltungsgerichtshof, doch nun gehe es um das "große Ganze". Voller Einsatz bis Sonntag sei sozialdemokratische Pflicht, sagt Hofbauer: "Da fährt die Eisenbahn drüber." (Gerald John, DER STANDARD, 23.9.2013)

  • Die Gefahr der "Buaberlpartie" schweißt zusammen: Nach seinem Auftritt erfüllt Kanzler Faymann Publikumswünsche.
    foto: spoe/zinner

    Die Gefahr der "Buaberlpartie" schweißt zusammen: Nach seinem Auftritt erfüllt Kanzler Faymann Publikumswünsche.

Share if you care.