Kunst und Kapitalismus im Zollamt

21. September 2013, 12:45
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Der "Steirische Herbst" wurde am Freitagabend mit einem vielfältigen Programm eröffnet. Für das temporäre Festivalzentrum hätte man kaum einen spannenderen Ort finden können.

Graz – Das Palais Attems, in dem der Steirische Herbst seine Büros hat, ist nicht wirklich für Veranstaltungen geeignet: Jahr für Jahr macht sich das Festival zeitgenössischer Kunst auf die Suche nach einem Ort, an dem es temporär seine Zelte aufschlagen kann.

Heuer wollte man das Festivalzentrum eigentlich beim Paulustor innerhalb der alten Stadtmauern errichten. Doch dann bot die Bundesimmobiliengesellschaft (Big) das ehemalige, seit drei Jahren leerstehende Zollamt am Bahnhofsgürtel vis-a-vis des Postamts an. Eine spannendere Location hätte der Steirische Herbst kaum finden können: Das Ex-Zollamt, eine Backsteinhalle mit auskragendem Dach aus dem 19. Jahrhundert, liegt verwunschen hinter wildem Flieder und Götterbäumen.

Das Atelier Le Balto, mit der Adaption beauftragt, beließ den Charme der auch Grazern völlig unbekannten "G'stettn": Die Vegetation wurde nur ein wenig gestutzt, zwischen die Sträucher setzten die Berliner Landschaftsarchitekten filigrane Häuschen auf Stelzen, die in der Nacht geheimnisvoll leuchten. Auch die Halle selbst, die von einer Lastenwaage dominiert wird, beließen sie im vorgefundenen Zustand: An den Wänden kleben noch die Fotos nackter Frauen, die von den Lagerarbeitern aufgehängt worden waren. Der imposante hölzerne Dachstuhl wurde in blau-rotes Licht getaucht, als "Möbel" dienen grob gezimmerte Podeste.

Ironisches, bitterböses Daniel-Charms-Programm

Die Eröffnung fand am Freitag erst um 22 Uhr statt. Denn davor gab es, verstreut in Graz, erstmals in der Geschichte des Festivals parallel drei Premieren: Kris Verdonck und A Two Dogs Company präsentierten in der Helmut-List-Halle unter dem Titel "H, an incident" ein ironisches, bitterböses Daniel-Charms-Programm. Die Choreografin Anne Juren brachte im Dom im Berg die theatralische Installation "Happy End" über Franz Kafkas unvollendeten Roman "Amerika" zur Uraufführung, die etwas ratlos ließ. Und im Jugendkulturzentrum Explosiv gleich neben dem Ex-Zollamt erklärte der Norweger Amund Sjolie Sveen in einer Mischung aus Lichtbildervortrag und Performance sehr amüsant den Kapitalismus.

"Economic Theory for Dummies" ergänzte die Ausstellung "Liquid Assets", die bereits am späten Nachmittag im Ex-Zollamt eröffnet worden war. Die von Katerina Gregos und Luigi Fassi kuratierte Schau will, so der Untertitel, die Situation "nach der Transformation des Kapitals" ausloten; zu sehen sind vor allem Videoarbeiten und Installationen. Gustav Metzger zum Beispiel bittet den Besucher, aus dem STANDARD und anderen gestapelten Tageszeitungen Artikel zu den Stichworten "Wirtschaftskrise", "Auslöschung" und "unser heutiger Lebensstandard" auszuschneiden – und auf einer Pinnwand aufzuhängen.

Nationalratswahl

Die Ausstellung ist Teil des diesjährigen Schwerpunktthemas "Liaisons dangereuses" über "Alliancen, Mesalliancen und falsche Freunde": Der Steirische Herbst will, wie Veronica Kaup-Hasler in ihrer Eröffnungsrede erklärte, nach dem Wesen von gefährlichen Beziehungscocktails fragen, nach Verbindungen, die in all ihrer Fragilität leidenschaftlich, explosiv, manchmal zerstörerisch, aber immer kraftvoll seien.

Kaup-Hasler gelang es geschickt, auch auf die anstehende Nationalratswahl einzugehen: "Was ist am Tag danach, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen? Welche Allianzen gehen wir ein? Welche Seilschaften, Verbindungen brauchen wir, um etwas zu verändern?" Und sie hatte mit ihrem Befund sicher recht: "Der Grad von Koalition zur Korruption ist ein sehr schmaler."

Auch wenn die Eröffnung des Steirischen Herbstes schon seit Jahren, seit dem Beginn der schwarz-blauen Koalition (2000 bis 2006), ohne Politikerreden über die Bühne geht, zeigen Kulturpolitiker beim ehemaligen "Avantgardefestival" gerne Flagge. Heuer kamen die weniger Belämmerten als Herde: Selbst Eva Glawischnig fand den Weg in die ehemalige Zollhalle. Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) hingegen glänzte wieder einmal mit Abwesenheit. Überraschenderweise aber tauchte Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) auf. Aber vielleicht war es doch nicht so überraschend. Beatrix Karl ist schließlich gebürtige Grazerin.

Die tansanische Band Jagwa Music gab zu mitternächtlicher Stunde ein Konzert, gefeiert wurde ziemlich lang. Um einen Happen vom liebevoll drapierten Buffet musste man sich echt nicht raufen: Die Tische bogen sich geradezu. (Thomas Trenkler, derStandard.at, 21.9.2013)

  • Häuser vom Atelier le balto.
    foto: trenkler/standard

    Häuser vom Atelier le balto.

  • Artikelbild
    foto: steirischer herbst
  • Liquid Assets
    foto: steirischer herbst

    Liquid Assets

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