Ein Einkaufswagerl voll Kunst und Architektur

21. September 2013, 20:25
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Das Tiroler Familienunternehmen MPreis betreibt ganz besonderes Marketing: mit Kunstsackerln, Literatur auf dem Wurstpapier und zeitgenössischer Architektur

Innsbruck/Völs - Wenn man in Tirol einkaufen geht, dann kommt man nicht nur mit Tiefkühlpizza und einem Sechsertragerl Cola zurück, sondern mitunter auch mit neuen Ideen und Erkenntnissen in Sachen Kunst und Architektur. Denn das mittelständische Familienunternehmen MPreis, das 1920 in Völs gegründet und 1974 umstrukturiert und erweitert wurde, verwöhnt seine Kunden mit literarischen Zitaten auf dem Feinkosteinpackpapier, zeitgenössischer Kunst auf den Einkaufssackerln und spektakulärer Architektur.

"In den Siebzigerjahren mussten wir uns angesichts großer Umbrüche die Frage stellen, wie wir unser Familienunternehmen in die neue Zeit retten können", sagt Hansjörg Mölk, Geschäftsführer und einer von sechs Gesellschaftern der MPreis Warenvertriebs GmbH. "Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, unsere Betriebe weiterzuentwickeln und dabei auf Aspekte des Lebensmittelhandels zu setzen, die bis dahin nicht berücksichtigt wurden." Architekt Heinz Planatscher, ein Freund der Familie, bot sich an, einen neuen, zeitgemäßen Markt zu entwerfen - und gab damit den Startschuss für eine bis heute anhaltende Renaissance der österreichischen Supermarktlandschaft.

Mehr Museum als Markt

Insgesamt besteht das MPreis-Netz aus 225 Filialen in Tirol, Südtirol und seit 2009 nun auch in Teilen Salzburgs und Kärntens. Rund 130 davon wurden in den letzten 35 Jahren errichtet und sind freistehende Solitäre, die mehr an ein Museum zeitgenössischer Kunst denn an einen herkömmlichen Lebensmittelmarkt erinnern. Da wird mit rohem Schnittholz und Beton gearbeitet, mit verrostetem Corten-Stahl und mystisch verspiegeltem Glas. Mal duckt sich das Gebäude unauffällig in die Landschaft, mal zischt es wie ein futuristisches Ufo aus dem Hang oder hängt wie im Fall Sölden wie ein Felsen über dem Abgrund.

"Im Gegensatz zu anderen Lebensmittelmarktketten gibt es bei MPreis keinen Bauprototyp, der überall gleich ausschaut", sagt der Innsbrucker Architekt Rainer Köberl. Für das ehemalige Greißlerunternehmen mit dem leuchtend roten Würfel als Wiedererkennungsmerkmal plante er bereits vier Filialen, darunter auch den neuen Flagship-Markt im Untergeschoß des Kaufhauses Tyrol in der Innsbrucker Innenstadt, der im März 2010 eröffnet wurde. "Jeder einzelne Markt ist ein Einzelstück, der wie ein Maßanzug an die jeweilige Region sowie an das jeweilige Grundstück angepasst wird."

Man geht über Parkett

Der erste Schritt, den man in Köberls MPreis in der Maria-Theresien-Straße setzt, überrascht, denn er wirft alle gängigen und längst international angewandten Spielregeln der Supermarktarchitektur über Bord. An der Decke befindet sich dunkelblaues, fast schwarzes Glas. Und auf dem Boden liegen nicht etwa PVC oder Fliesen, sondern weiß geöltes Eichenparkett. "Aufgrund der niedrigen Raumhöhe von nur drei Metern mussten wir tricksen", erklärt Köberl. "Das dunkle Glas an der Decke sorgt dafür, dass sich der gesamte Raum darin spiegelt und der Supermarkt doppelt so hoch erscheint, wie er tatsächlich ist. Und Parkettboden? Warum auch nicht? Das Holz schafft eine Atmosphäre des Wohlfühlens."

Natürlich koste so ein Supermarkt etwas mehr als eine Standardblechkiste von der Stange, gibt der Architekt zu bedenken und beziffert die Mehrkosten auf etwa 15 bis 20 Prozent. "Andererseits ist so ein MPreis nie nur ein Geschäft, sondern immer auch ein Stück gebauter Kultur und somit auch Werbeträger."

Das Konzept geht auf. Das Londoner Lifestyle-Magazin Wallpaper schrieb vor einigen Jahren: "Es gibt Supermärkte, es gibt super Märkte, und es gibt MPreis." Ein Designmagazin attestierte der Familie Mölk sogar, "seriously sexy supermarkets" zu bauen. Und neben der Tatsache, dass MPreis die schwierige Talsohle der Siebzigerjahre überdauerte, zeigt sich der Erfolg nicht zuletzt an den Reaktionen der Konkurrenten, denn mittlerweile haben auch Billa, Spar und Co die wirtschaftlichen Vorzüge architektonischer Mehrinvestition erkannt. Die Kunden wissen diese Innovation durchaus zu schätzen.

"Benchmark fürs Bauen"

"Rund um MPreis hat sich in all den Jahren eine Art Architekturszene entwickelt", meint Hans-Peter Machné, Büro Machné & Durig. In Matrei in Osttirol plante er einen futuristischen Glasbungalow, der wie eine weiße Gletscherzunge aus dem Hang wächst. "Denn mit jedem MPreis, der in einer Gemeinde realisiert wird, entsteht eine Art neue Benchmark fürs Bauen." Das bestätigt auch ein Blick in die Tiroler Landschaft: Lederhosen mit Satteldach sind seltener geworden, stattdessen sieht man immer häufiger moderne, zeitgenössische Einfamilienhäuser und Wohnbauten. Ein kleiner Teil des Erfolgs geht mitunter aufs Konto der Tiroler MPreis-Architekten.

"In den ersten Jahren war es noch sehr schwer, die Bürgermeister von dieser Art Architektur zu überzeugen, da sind wir anfänglich noch auf großes Unverständnis gestoßen", erinnert sich Geschäftsführer Hansjörg Mölk. "Doch in der Zwischenzeit haben die Bürgermeister erkannt, wie viel Potenzial in so einem modernen Gebäude steckt. Viele unserer Lebensmittelmärkte dienen als Impulse für andere Projekte - vor allem im ländlichen Raum, wo sich moderne Architektur bekanntermaßen schwerer durchsetzt als in der Großstadt."

Auf der neunten Architektur-Biennale in Venedig 2004 lud Kommissärin Marta Schreieck MPreis als Vorzeigebauherrn in den österreichischen Pavillon ein. 2006 wurde die Völser Supermarktkette mit dem Internationalen Architekturpreis "Bauen in den Alpen" ausgezeichnet. Und 2012 folgte der Preis "Trigos Tirol 2012" für vorbildliche gesellschaftliche Verantwortung. Ist eine Expansion in den Osten geplant? "Nein, das entspricht nicht unserem Konzept", heißt es auf Anfrage bei der Pressestelle. "Wir konzentrieren uns lieber auf Tirol und Umgebung. Da kennen wir uns aus." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 21.9.2013)

  • MPreis in Innsbruck von Architekt Christian Flatscher, ...
    foto: mpreis/lukas schaller

    MPreis in Innsbruck von Architekt Christian Flatscher, ...

  • ... spiegelnde Glasdecke im MPreis im Kaufhaus Tyrol von Rainer Köberl: "Schaut doppelt so hoch aus."
    foto: mpreis/lukas schaller

    ... spiegelnde Glasdecke im MPreis im Kaufhaus Tyrol von Rainer Köberl: "Schaut doppelt so hoch aus."

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