"Das Bürgerliche ist in der Defensive"

Interview21. September 2013, 17:00
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Von Bürgerlichen, Kleinbürgern und anderen Bürgern: Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk im Interview

STANDARD: Sie sind eine ganz spezielle Zielgruppe in der Politik: die Bürgerlichen. Distinktionskategorie oder Vereinnahmungsobjekt. Wer sind die Bürgerlichen heute?

Müller-Funk: Die Bedeutung des Begriffs bürgerlich hat sich enorm verändert. Die Konnotation ist mal positiv, mal negativ. Im österreichischen Kontext bedeutet bürgerlich zunächst alles, was nicht sozialdemokratisch, nicht sozialistisch ist. Das ist ein historisches Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen Arbeiterbewegung und Bürgertum. Im 19. Jahrhundert wurde Bürgertum abgegrenzt vom Adel und war praktisch das Progressive. Heute meint bürgerlich ja eher das rechte, das konservative Lager und ist fast ident mit dem Begriff des Konservativen.

STANDARD: Ist das heutige logische Gegensatzpaar sozialdemokratisches versus bürgerliches Lager?

Müller-Funk: Ja, obwohl die Kategorien von Arbeiter bzw. Proletariat und Bürger oder Bourgeois auch überholt sind. Es gibt bürgerliche Menschen, Menschen mit bürgerlichem Lebensstil in der Sozialdemokratie, und es gibt Menschen, die konservative oder rechtspopulistische Parteien wählen, die man nicht mit bürgerlich apostrophieren kann. Historisch ist das Bürgertum definiert durch Arbeit, Bildung, Eigentum und Kultur. Bürgerlich kann eine politische Kategorie sein im Sinn von Citoyen und Bürgergesellschaft, Civil Society. Und bürgerlich kann etwas heißen wie im Sommer zu einer Kulturveranstaltung mit klassischer Musik zu fahren usw. Das ist ein bürgerlicher Akt.

STANDARD: Besonders die Grünen mühen sich traditionell an "bürgerlich" ab: Stichwort linker vs. bürgerlicher Flügel. Maria Vassilakou definierte im Standard bürgerlich so: "Artig sein und schön grüßen, Zähne putzen und manierlich sein."

Müller-Funk: Das ist ein ironischer Kommentar einer Bürgerin zu ihrem eigenen Status, aber auch eine bestimmte Art von Formalität, die das Bürgertum zu einem gewissen Grad vom Adel geerbt hat. Ein Kodex von Verhaltensweisen, Ordnung, Ordentlichkeit gehört sicher zum traditionellen Lifestyle. Die Grünen sind ja in ihrem Selbstverhältnis zum Bürgerlichen ambivalent. Die meisten ihrer Eltern sind bürgerlich, entweder auf dem Land oder sogar urban, der Papa ist ein ÖVP-Mandatar und die Tochter grün. Zum traditionellen Bürgerlichsein gehört sicher auch das Ambivalente. Da gibt es so etwas wie - Selbsthass ist vielleicht zu viel - ein Unbehagen. Viele Revolutionäre, auch linke, etwa die Begründer des Austromarxismus, kamen aus bürgerlichen Lagern.

STANDARD: "Selbsthass"? Was ist das Böse am Bürgerlichsein?

Müller-Funk: Ich sage mal das Positive am Bürgerlichsein, das schon Karl Marx im Kommunistischen Manifest gesagt hat. Da gibt es eine glühende Eloge auf die Bourgeoisie, auf ihre Dynamik, wie sie die unfreien Verhältnisse des Feudalismus bekämpft, die bürgerliche Revolution war ja ein Vorbild für alle sozialistischen Revolutionen. Auf der anderen Seite wirft man dem Bürgertum vor, dass es asozial ist, eigentums- und geldfixiert, auf seinen Status beharrt, sozusagen eine egoistische Klasse. Das ist das Ausstiegsszenario, dass man sagt: Ich muss diese Klasse verlassen und mich für etwas anderes einsetzen, in diesem bürgerlichen Leben ist es mir zu eng. Das ist ein großes Thema der Literatur. Die Welt, die Heimito von Doderer oder Thomas Mann beschreiben - das ist mit Sicherheit eine bürgerliche Welt. Eine Welt, die Freiheitsansprüche formuliert, aber auch ungeheure Zwänge produziert. Und das ist scheinbar "der Weg ins Freie", um Arthur Schnitzler zu zitieren.

STANDARD: Ist die "Mitte" quasi das natürliche Soziotop für den Bürgerlichen? Oder kann er auch radikal?

Müller-Funk: Das hängt von der historischen Situation ab. Der Bürgerliche um 1800, der die Feudalordnung bekämpft, befindet sich nicht in der Mitte, sondern auf der anderen Seite der Barrikade, aber in einer bürgerlichen Gesellschaft befindet sich das Bürgertum in der Mitte. Ich kann das auch positiv formulieren: Ich denke, dass das Überleben dessen, was wir als Zivilgesellschaft bezeichnen, doch in sehr hohem Maße vom Mittelstand, vom mittleren Bürgertum, von dieser Mittelschicht getragen wird, die das ökonomisch trägt, Steuern zahlt, und der Mittelstand, ob grün oder rot oder schwarz, ist auch die Ressource, aus der sich die politische Elite fast aller Parteien rekrutiert. Das ist ganz wichtig. Deswegen wird auch die Auseinandersetzung um das Bildungssystem so erbittert geführt, weil es ein Kampf gegen bürgerliche Privilegien ist.

STANDARD: Die Partei, die für sich immer schon in Anspruch genommen hat, eine bürgerliche Partei zu sein, ist die ÖVP. Aber Sie sprachen vorhin von Ordnung und Sicherheit als bürgerlichen Kategorien. Da könnte die FPÖ auch aufzeigen.

Müller-Funk: Also die Sicherheit, die das Bürgertum als Selbstbild hat, ist nicht das Gefängnis (lacht). Oder die Fantasie, man schickt die Ausländer mit Zügen nach Hause. Das Bürgerliche schließt Liberalität und Urbanität ein. Aber die Volkspartei ist ein sehr gutes Beispiel, denn die ÖVP ist ein Amalgam historisch verschiedener sozialer Gruppen, dazu gehören die Beamten, die dem Bürgertum zuzurechnen sind, die Unternehmer, Kleinunternehmer und natürlich das bäuerliche Lager.

STANDARD: Und die Sozialdemokratie? Zumindest heute bürgerlich?

Müller-Funk: Da ist bürgerlich ein Schimpfwort. Seit den 1920er-Jahren hat man aus linker Perspektive die Entwicklung der Sozialdemokratie, ihr Aussöhnen mit der bürgerlichen Gesellschaft, als problematische Verbürgerlichung gesehen. Vergessen wir nicht, dass das historische Ziel des Sozialismus war, die bürgerliche Gesellschaft, also das bürgerliche Eigentum und die kapitalistische Ökonomie zu überwinden, allenfalls sich etwas von der bürgerlichen Kultur anzueignen. Darum identifizieren sich auch Menschen, die sozusagen linksbürgerlich sind, nicht sehr gerne damit.

STANDARD: Apropos, Wiens Bürgermeister Michael Häupl sagte im Oktober 2012: "Je bürgerlicher die SPÖ wird, desto größer wird die Disziplinlosigkeit." Wie das?

Müller-Funk: Bürgerlichkeit bedeutet ja Individualismus. Zum Beispiel das Recht zweier Menschen, einander zu heiraten ohne die Erlaubnis von Papa und Mama, das kennen wir von den bürgerlichen Trauerspielen von Lessing, Schiller und Goethe. Nur der Anspruch auf meine Subjektivität zählt, nicht irgendwelche Rücksichten auf Ständesituationen. Die bürgerliche Kultur hat sich von der vormodernen Kultur durch diesen Individualismus abgesetzt, während der Sozialismus sehr stark auf das Kollektiv setzt. Der Anspruch der Individualität ist eindeutig ein bürgerliches Erbe.

STANDARD: Von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz wurde "bürgerlich" so verwendet: "Ausländerfeindlichkeit war noch nie eine bürgerliche Kategorie."

Müller-Funk: In dem Fall wird Bürgerlichkeit mit Urbanität positiv konnotiert: Jemand, der die bürgerliche Gesellschaft bejaht, das ist eine offene Gesellschaft, und dazu passt Ausländerfeindlichkeit nicht. Verwendet wird bürgerlich immer noch in diesem Sinne: das bürgerliche Lager. Jeder in Österreich weiß, was damit gemeint ist: Menschen, die in gewisser Weise ein bisschen privilegiert, aber auch Träger der Zivilgesellschaft sind. Von daher, denke ich, sind alle Dinge politisch ausgesprochen gefährlich, die darauf hinauslaufen, den Mittelstand zu pauperisieren. Wir haben damit historisch überhaupt keine guten Erfahrungen gemacht, und der Nationalsozialismus ist nur das krasseste Beispiel für diese Entwicklung. Es sind ja nicht nur die Arbeiter den Sozialdemokraten davongelaufen, das Bürgertum ist eingebrochen und in Scharen übergelaufen zur antidemokratischen Regierung. Das ist eine Angstreaktion. Bürgertum hat auch etwas mit Sicherheit zu tun, und Sicherheit ist auch ambivalent, genauso wie Ordnung. Bestimmte Formen der Bürgerlichkeit spielen immer noch eine gewisse Rolle, aber sie sind von einem dramatischen Ereignis überlagert: der Popular- und Massenkultur, die Logik der Massengesellschaft ist sehr stark egalitär. Darum ist das Bürgerliche meiner Ansicht nach in der Defensive.

STANDARD: Warum?

Müller-Funk: Weil Bürgertum etwas mit Eigentum und Statik zu tun hat. Ich habe hier ein Haus, ein Geschäft, das möchte ich meinen Kindern vermachen, auch wenn die Globalisierung in ihrer Fantasie dieses Nomadische hat und proklamiert und ich fünf Berufe haben kann - die Realität ist etwas anderes. Die Gesellschaft ist unsicherer, dynamischer, weniger statisch. Das hat nicht nur eine gute Botschaft, und in dem Sinn leben wir auch in einer weniger bürgerlichen Gesellschaft.

STANDARD: Eine Figur fehlt noch in diesem Kontext: der Kleinbürger.

Müller-Funk: Niemand will ein Kleinbürger sein, vor allem der nicht, der über ihn schreibt. Bertolt Brecht mit der Kleinbürgerhochzeit, Ödön von Horvaths Geschichten aus dem Wienerwald, oder bei Erich Kästner kommen die zuhauf vor. Der Kleinbürger verkörpert alle problematischen Eigenschaften des Bürgers. Er ist kleinlich, berechenbar, feige, spießig, auf seinen Vorteil bedacht und auf sein vermeintliches Ansehen gierig, er hat Angst, sein Gesicht zu verlieren, er ist argwöhnisch gegen alles Fremde und den Fremden. Man könnte sagen, der Kleinbürger ist die Klientel der Freiheitlichen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 21.9.2013)

Wolfgang Müller-Funk (60), Kulturphilosoph und Essayist, lehrt und forscht am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien.

  • "Bürgerlichkeit bedeutet Individualismus", sagt Wolfgang Müller-Funk.
    foto: standard/corn

    "Bürgerlichkeit bedeutet Individualismus", sagt Wolfgang Müller-Funk.

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